Einsamer Affe Ponsos Insel

Ponso musste einst für Laborversuche herhalten, vor 30 Jahren setzten Wissenschaftler ihn dann auf einer Insel aus. Nun traf eine Tierschützerin den Schimpansen - und beide verstanden sich prächtig.

Estelle Raballand

Die Umarmung ist groß. Sie streicheln sich, Ponso, zunächst schüchtern, lächelt bis über beide Ohren. Es sind rührende Fotos, die das Schimpansenmännchen und die Affenforscherin Estelle Raballand bei ihrem Zusammentreffen auf einer Insel vor der Elfenbeinküste zeigen.

1983 haben Menschen Ponso zusammen mit 19 weiteren Schimpansen dort ausgesetzt. Da war Ponso zwischen fünf und sieben Jahre alt. Bis dahin hatte er den Großteil seines Lebens in einem Labor in Liberia verbracht. Forscher des New York Blood Centers (NYBC) hatten ihn und seine Verwandten dort für medizinische Versuche benutzt. Die Organisation bezeichnet sich selbst als einen der größten kommunalen Non-Profit-Blutsammeldienste Amerikas.

Wie der britische "Telegraph" schreibt, wurden die Tiere im Auftrag des NYBC mehrfach betäubt, aufgeschnitten und mit Hepatitiserregern infiziert.

Affenforscherin Raballand ist die Gründerin des Chimpanzee Conservation Center, einer Hilfsorganisation für Schimpansen im westafrikanischen Guinea. Sie hat die Bilder auf ihrer Facebookseite gepostet. Doch die Aufnahmen zeigen keine gewöhnlichen Streicheleinheiten zwischen Mensch und Tier, sie dokumentieren vielmehr ein Experiment.

"Ich spreche Schimpansisch", erzählt Raballand im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, "und ich wollte herausfinden, ob Ponso mich versteht". Es hätte durchaus sein können, dass Ponso in fast 30 Jahren der Isolation seine eigene Sprache vergessen hat. Sein natürliches Zuhause ist die Insel vor der Elfenbeinküste, auf der er lebt, nämlich nicht.

Viele der Tiere starben recht bald, nachdem sie auf der Insel angekommen waren. Vor drei Jahren sind Ponsos Partnerin und ihre beiden Jungen ebenfalls gestorben. Seitdem lebt das Schimpansenmännchen allein auf der Insel. Nur dank eines Einheimischen, der ihn regelmäßig mit Nahrung versorgt, konnte er überhaupt so lange dort überleben.

Anfangs haben Mitarbeiter des NYBC die Versorgung der Tiere übernommen. Doch irgendwann endete die Hilfe. Mehrere Medien, darunter auch die "New York Times", berichteten über das Thema. Das NYBC sah sich daraufhin gezwungen, auf seiner Internetseite zu dem Thema Stellung zu beziehen.

Freiwillige Hilfe der Forscher

In dem Statement heißt es, das Zentrum sei niemals verpflichtet gewesen, die Versorgung der Affen zu übernehmen. Das Engagement sei stets freiwillig gewesen. Nachdem mehrere Tierschutzorganisationen die Futterhilfe nicht hätten übernehmen wollen, habe man schließlich Liberia selbst informiert und den Stopp der Unterstützung angekündigt. Der Staat, in dem die Affen für die Experimente genutzt worden waren, sollte sich von nun an um sie kümmern.

Weder die Tiere selbst, noch die Einrichtungen oder das Land, auf dem die Forschungen stattfanden, hätten jemals den New Yorkern gehört. Seit zehn Jahren, so sagt die Organisation, seien alle Forschungen an nichtmenschlichen Primaten eingestellt.

Die vorsichtigen Annährungsversuche von Raballand hatten bei Ponso jedenfalls Erfolg. Der Schimpanse hatte die Sprache seiner eigenen Art nicht vergessen und reagierte auf die Gesten und Geräusche der Forscherin. "Wir hatten uns zehn Jahre vorher zwar schon einmal gesehen, ich glaube aber nicht, dass er mich erkannt hat", sagt Raballand.

Trotz der Dinge, die Menschen ihm vor langer Zeit angetan haben, war Ponso zutraulich. "Wir haben uns gegenseitig in den Nacken gebissen. Das ist ein großer Vertrauensbeweis unter Schimpansen", erklärt Raballand. "Und er wollte, dass ich ihn säubere, also haben wir uns gegenseitig gelaust." Raballand betont den ernsthaften Hintergrund ihrer Aktion. "Ponso ist ein Wildtier, es ist nicht gut für sein Wohlbefinden, ihn zu sehr zu vermenschlichen."

Die Forscherin arbeitet mit einer Kooperation mehrerer Tierschutzorganisationen zusammen, die inzwischen das Futter für Ponso auf die Insel bringen. Auf einer Spendenseite sind mittlerweile über 25.000 Euro eingegangen. Sein tägliches Futter lässt sich damit gut bezahlen. Allerdings überlegen die Unterstützer im Moment, ob sie ihn nicht doch lieber von der Insel in ein Schutzgebiet bringen sollen.

jal



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nicht ausspionierbar 22.02.2016
1. Super Geschichte :)
Ich erfreue mich immer wieder an Tiergeschichten, die kein trauriges Ende nehmen. Gleichzeitig ist dies aber auch der Grund, warum ich manche Menschen verachte und anders herum doch mag. Menschen wie Estelle Raballand sind wir zu Dank verpflichtet, dass diese sich so um die Tiere kümmern! Die meisten anderen menschlichen Säugetiere auf diesem Erdball, haben leider nichts besseres zu tun, als eben jenen und mit ihm alles drauf zu vernichten. (Assad, Putin, Obama, der Zahnarzt der auf wilde Löwen schießt und weitere) Liebe Menschen denkt bitte darüber nach, für "eure" Kriege können diese Tiere nichts, sie sind aber jene die darunter leiden und sich nicht zu Wort melden können. Eben diese Gedanke tut mir unendlich Leid. (Ich bin kein Veganer oder so etwas jeglicher Art, habe ein KFZ und bin mir der Verantwortung anderer gegenüber dennoch bewusst)
garfield 22.02.2016
2.
Schon toll die Geschichte, und der Schimpanse wird sich sicher über jeden Besuch freuen. Aber da Affen soziale Tiere sind, dürfte er die restliche Zeit wohl recht einsam dort auf der Insel leben, oder? In diesem Sinne wäre die Umsiedlung in ein Schutzgebiet, wo es hoffentlich Gesellschaft gibt, vielleicht doch besser für ihn.
Poco Loco 22.02.2016
3. Es ist eine Schande...
...wie wir diese Tiere behandeln. Zum Glück gibt es engagierte Menschen die versuchen wenigstens einen Teil unseres mörderischen Handelns wieder gut zu machen. Wie man an der rührenden Geschichte sieht, sind die Tiere unsere Freunde, wir sollte diese ernst nehmen und nicht glauben wir hätten das Recht dazu, diese liebenswerten Geschöpfe zu missbrauchen, auszurotten oder gar zu quälen.
Peter Eckes 22.02.2016
4. Sehr seltsame Geschichte
Wenn der Affe ein Wildtier ist, warum bringt man ihn dann nicht an einen Ort wo er sich sein Futter selbst suchen kann? Anstelle ihn auf einer einsamen Insel zu füttern? Gilt ein Tier das gefüttert werden muß um zu überleben überhaupt noch als Wildtier?
KurtT. 23.02.2016
5.
Erinnert mich irgendwie an "Tarzan", die von Edgar Rice Burroughs erdachte Figur in der - später oft verfilmten - Geschichte "Tarzan bei den Affen", Anfang des vorigen Jahrhunderts. Diese - dem "Zeitgeist" entsprechend etwas "romantisierende" - Story thematisiert (meines Wissens erstmals) relativ unvoreingenommen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des "zivilisierten" Menschen und seiner "tierischen Ahnen", vor allem bez. ihrer sozialen und emotionalen Bedürfnisse. Und mehr oder weniger selbstkritisch hinterfragt wird in ihr auch die Anmaßung, der Mensch sei das "Ebenbild Gottes" bzw. dessen "höchste Schöpfung" - und das zu Beginn eines Jahrhunderts, in dem wie nie zuvor die archaischen und kulturlosen Instinkte dominieren konnten ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.