Schlammlawine in Kolumbien "Es klang so, als hätte sich die Erde aufgetan"

Zerstörerische Fluten haben die Menschen im Süden Kolumbiens mit voller Wucht getroffen. Lawinen aus Schlamm überspülten eine ganze Stadt. Fast 300 Menschen kostete eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte des Landes das Leben.

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Alexánder López ging an diesem Freitagabend daheim in Mocoa wie üblich recht früh mit seiner Familie zu Bett. In den Schlaf begleitete ihn das Prasseln des Regens auf dem Dach seines Hauses in der Hauptstadt des Departments Putumayo. Die Regenzeit im Süden Kolumbiens hat dieses Jahr früh eingesetzt, es regnet seit Wochen schon, und am Freitag fielen besonders heftige Niederschläge. "Es fing um 21 Uhr abends an und hörte nicht vor ein Uhr morgens auf", erinnert sich López.

Kurz nach Mitternacht weckte ihn ein grausames Geräusch. "Es klang so, als hätte sich die Erde aufgetan", sagt er. Was danach kam, hatte sich López nicht in seinen schlimmsten Träumen ausgemalt: Der Fluss Mocoa und die drei Zuflüsse, die durch die gleichnamige hügelige Stadt in der Nähe der Amazonasregion fließen, waren über die Ufer getreten und hatten sich zu einem reißenden und todbringenden Strom geformt, der bergab schoss und alles mitriss, was sich ihm entgegenstellte.

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Kolumbien: Fatale Fluten

Kurz vor ein Uhr morgens war es, als López eine Eingebung hatte: "Steh auf, nimm die Kinder und renn um dein Leben", sagte er sich selbst. Da stand ihm und den Nachbarn im Stadtteil San Fernando das Wasser schon bis zu den Knien. "Ich nahm meine Dreijährige auf den Arm, meine Frau María griff nach unserer 13-Jährigen, und wir liefen um unser Leben. Es waren die längsten fünf Minuten meines Lebens", sagt López. "Wir haben nur die Mädchen retten können, und die Lawine hat alles zerstört." Haus und Heim der Familie sind vernichtet, alles, wofür die López' lange gespart und gearbeitet hatten. "Viele meiner Freunde haben alles und auch ihre Angehörigen verloren, ich habe Gott sei Dank meine Frau und Töchter retten können", sagt er.

Viele Bewohner von Mocoa hatten nicht so viel Glück. Sie wurden von den Wasser- und Schlammmassen mitgerissen, erschlagen von Baumstämmen und Trümmern oder sind schlicht ertrunken. 283 Tote, 220 Verletzte und bis zu 400 Vermisste lautete am Samstagabend die Bilanz des Roten Kreuzes. 22 Verletzte konnten in die 700 Kilometer entfernte Hauptstadt Bogotá ausgeflogen werden.

Stündlich steigt die Zahl der Opfer

Die Zahl der Opfer aber steigt stündlich, und niemand weiß, wie viele Menschen sich noch unter den Trümmern befinden. 17 Stadtteile und fast die Hälfte der Gebäude sind in der 45.000-Einwohner-Stadt zerstört, wie die Gouverneurin von Putumayo, Sorrel Aroca, konsterniert sagt: "Es ist eine Katastrophe gigantischen Ausmaßes." Viele Häuser in Mocoa waren aus Holz, Lehm oder Ziegeln gebaut und konnten der Wucht der Lawine in keiner Weise standhalten.

Die Tragödie in Kolumbien gleicht der, die sich in den vergangenen Wochen in Peru ereignete, wo ebenfalls anhaltende Regenfälle Lawinen ausgelöst hatten. Und doch wiegt sie schon jetzt noch ungleich schwerer: In Peru kamen knapp hundert Menschen ums Leben.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos sagte eine Reise nach Kuba ab und begab sich am Samstag umgehend nach Putumayo. "Mein Herz und das aller Kolumbianer ist heute bei den Opfern", sagte er und machte zugleich den Klimawandel für das Unglück verantwortlich. Es seien die schlimmsten Regenfälle der vergangenen 25 Jahre. In der Nacht zu Samstag sei so viel Regen gefallen wie sonst in einem ganzen Monat, sagte Santos. Und dabei hat die Regenzeit erst begonnen. Der Präsident rief den Notstand in der Region aus und beorderte das Militär in die Stadt.

"Wir sind eingeschlossen"

Viele Menschen hatten keine Chance, der Lawine zu entkommen. Sie wurden im Schlaf überrascht. Gegen 22.30 Uhr begann der erste Alarm, wodurch sich viele Einwohner noch in Notunterkünfte oder auf die Dächer der Häuser retten konnten. Andere aber schliefen fest und überhörten die Warnungen oder ignorierten sie.

Hunderte Menschen seien von den Lawinen schlicht mitgerissen worden, sagte der Bürgermeister José Antonio Castro dem Wochenmagazin "Semana". Das örtliche Krankenhaus könne die große Zahl an Verletzten nicht versorgen, es fehle an Helfern und medizinischem Personal. Zudem sei die Wasser- und Stromversorgung zusammengebrochen. Auch die Brücken ins angrenzende Department Huila sind zerstört. "Wir sind eingeschlossen", sagte Bürgermeister Castro, dessen Haus ebenfalls komplett zerstört wurde.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbarte sich erst am Samstagmorgen. Bewohner, Helfer, Soldaten, Polizisten suchten unter Schlamm und Geröll nach Überlebenden. Hubschrauber brachten Soldaten und Lebensmittel in die Stadt. Mocoa lebt vom Grenzhandel mit Ecuador, der Landwirtschaft und in geringem Maße von der Ölförderung.

Viele Menschen verbrachten die Nacht zum Sonntag im Freien bei Kerzenschein, zwischen oder auf Trümmern sitzend. Die rund tausend Rettungs- und Bergungskräfte wollten die ganze Nacht durcharbeiten, um noch Überlebende bergen zu können, mussten aber aus Sicherheitsgründen die Sucharbeiten in der Finsternis abbrechen.

Unterdessen versuchten die ersten Einwohner, ihre Tränen zu trocknen und langsam zu realisieren, was in weniger als 24 Stunden über sie hereingebrochen war. Aber viel Zeit zum Trauern bleibt den Menschen nicht. Am Samstagabend begann es in der Region erneut heftig zu regnen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
stoffi 02.04.2017
1.
Da muss es doch möglich sein, beim heutigen technischen Stand, dort sofort Hilfe zu leisten. Jedes Land ist da gefragt.
guentherzaruba 02.04.2017
2. @ stoffi
erst ist Nepal, New Orleans und Haiti noch in der "Warteschleife" %-((((
mwroer 02.04.2017
3.
Zitat von stoffiDa muss es doch möglich sein, beim heutigen technischen Stand, dort sofort Hilfe zu leisten. Jedes Land ist da gefragt.
Klingt einfach, gerade bei den technischen Mitteln die wir haben, ist es aber nicht. An viele Leitungen kommen Sie einfach nicht ran ohne Tonnen von Steinen, Schlamm und Bäumen aus dem Weg zu räumen. Das wiederum geht meist nur mit schwerem Gerät und das ist nicht einsatzfähig weil es sofort im Schlamm versinkt. Nicht davon zu reden dass Sie beim Einsatz mit schwerem Gerät extrem vorsichtig sein müssen um keine weiteren Einstürze zu verursachen, Menschen die in oberflächennahen Hohlräumen noch leben zu zerdrücken etc. Die ersten Arbeiten sind leider Handarbeit und das dauert :( Technik löst leider nicht alles.
stoffi 02.04.2017
4.
Zitat von mwroerKlingt einfach, gerade bei den technischen Mitteln die wir haben, ist es aber nicht. An viele Leitungen kommen Sie einfach nicht ran ohne Tonnen von Steinen, Schlamm und Bäumen aus dem Weg zu räumen. Das wiederum geht meist nur mit schwerem Gerät und das ist nicht einsatzfähig weil es sofort im Schlamm versinkt. Nicht davon zu reden dass Sie beim Einsatz mit schwerem Gerät extrem vorsichtig sein müssen um keine weiteren Einstürze zu verursachen, Menschen die in oberflächennahen Hohlräumen noch leben zu zerdrücken etc. Die ersten Arbeiten sind leider Handarbeit und das dauert :( Technik löst leider nicht alles.
Sie haben sicher Recht, ich verstehe nichts davon, aber den Überlebenden kann mit Medizin Trinkwasser Kleidung und Essen geholfen werden. Das muss möglich sein, denn Helis kommen überall hin und können so Hilfe bringen. Viele benötigen sicherlich auch medizinsche Hilfe, für die ein Arzt vor Ort gebraucht wird.
Tumtumo 02.04.2017
5. Wetter Anomalien
Schnee in der Sahara, Schnee in Israel, Schnee in Eritrea, Regenfälle? und Fluten in Peru und eine Woche später das gleiche nur schlimmer in Kolumbien. Laut Earthquaketracker sieht man live den Anstieg lauter Erdbeben mit Magn. 4+. Erst vor 2-3 Wochen in der gesamten Schweiz bis in den Bodenseegebiet ein Beben der Stärke 4,3 gewesen. In den Schweizer Medien war alles voll um das Thema, hier in DE wurde ausser von paar Süddeutschen Redaktionen nichts über das Schweizer Beben berichtet. Ist nun der Klimawandel schuld oder gibts da andere Gründe (in other words, Verschwörungstheorien)?
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