Gefangen im Schnee "Die Touristen rufen an und fragen nach Schaufeln"

In Österreich schneit es seit Tagen, in manchen Regionen gilt höchste Lawinenwarnstufe. Einer der von der Außenwelt abgeschnittenen Orte ist Hohentauern im Bezirk Murtal.

DPA/ APA

Von , Wien


Wer die Abgeschiedenheit sucht und Skiurlaub abseits des Massentourismus machen möchte, reist gerne nach Hohentauern, eine Gemeinde im Bezirk Murtal im österreichischen Bundesland Steiermark. 420 Menschen leben dort, es gibt Chalets und Bauernhöfe, im Westen erhebt sich der Große Bösenstein mit 2448 Metern, im Osten der Gamskögel mit 2386 Metern. Es ist ein vergleichsweise kleines Skigebiet.

Derzeit ist der Ort allerdings unfreiwillig abgeschieden: Seit Tagen schneit es, niemand kommt mehr in den Ort, niemand kann ihn verlassen. "Seit Samstagabend, 15 Uhr, sind wir abgeschnitten", sagt Vizebürgermeister Gernot Jetz. "Wir haben im Moment etwa 330 Urlaubsgäste im Ort, sodass insgesamt etwa 750 Menschen eingeschlossen sind", berichtet er am Telefon. Hohentauern habe zwei Ortsausfahrten, beide seien wegen Lawinengefahr gesperrt. Jeden Morgen um 9 Uhr komme eine Gruppe von Experten zusammen und schätze die Lawinengefahr ein. "Derzeit gilt bei uns Lawinenwarnstufe 4, also große Lawinengefahr", sagt Jetz.

Die europäische Skala reicht von Stufe 1 (geringe Gefahr) bis Stufe 5 (sehr große Gefahr), die meisten Lawinenunglücke ereignen sich Experten zufolge bei den Stufen 2 (mäßige Gefahr) und 3 (erhebliche Gefahr). Für mehrere Regionen Österreichs hat die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) am Dienstagabend zum zweiten Mal innerhalb von vier Tagen sogar die höchste Gefahrenstufe ausgerufen.

Mehr Schnee am Wochenende

Betroffen sind Regionen in den Bundesländern Steiermark und Salzburg. Stufe 4 gilt in Tirol, Niederösterreich und Oberösterreich. Die Meteorologen rechnen bis zum Wochenende mit Schneefällen von eineinhalb Metern. In den Bergen könnten es sogar noch drei Meter werden. Das Risiko von Lawinen dürfte in den kommenden Tagen also weiter steigen.

Fotostrecke

11  Bilder
Schneeeinbruch in Österreich: Lawinenwarnstufe 2 bis 5

"Weder mit dem Auto noch zu Fuß kommt man nach Hohentauern oder aus Hohentauern heraus", berichtet Jetz. Auch Hubschrauber könnten wegen schlechter Sicht nicht in den Ort fliegen. Das Dorf selbst sei aber nicht von Lawinen bedroht. "Es ist unglaublich, aber manchmal liegen zwischen Sonnenschein und orkanartigen Winden nur zwei, drei Minuten", sagt Jetz. Man sei zwar viel Schnee gewöhnt, aber diese Menge habe er in seinen 52 Lebensjahren noch nicht erlebt.

Lebensmittel und Medikamente gibt es dem Vernehmen nach aber noch genug. Die Versorgungslage, sagt Jetz, sei derzeit unproblematisch. Der örtliche Lebensmittelladen sei zwar "halb leer gekauft", aber: "Wir haben vier Bauern, die Brot backen und uns mit Eiern und Milch versorgen." Auch die Hausapotheke des ortsansässigen Arztes sei gefüllt. "Die Menschen stehen zusammen und helfen sich gegenseitig. Sogar die Touristen rufen bei der Gemeinde an und fragen nach Schaufeln, damit sie mithelfen können."

Wer jetzt noch da ist, muss ausharren

Auch Kathrin Beinhaupt vom "Almdorf Hohentauern" sagt, die Stimmung sei gut, auch unter den Gästen, obwohl es für sie noch unklar ist, wann sie abreisen können. Anders als in Salzburg, wo am Dienstag Touristen ihre Urlaubsorte verlassen konnten, als es kurzzeitig nicht schneite und die Wege geräumt werden konnten, harren sie in Hohentauern seit Samstag aus.

Wie Hohentauern geht es mehreren Gemeinden in Österreich. Über hundert Straßen sind gesperrt, mehrere Zugverbindungen unterbrochen. So ist auch St. Nikolai im steirischen Sölktal von der Außenwelt abgeschnitten. Hier hat die Feuerwehr am Montag einige Touristen aus dem Ort gebracht. Wer jetzt noch da ist, muss ausharren. Kinder haben erzwungenermaßen schulfrei, weil die Wege gesperrt sind.

Ebenso sind die Orte Obertauern und Weißbach bei Lofer, beide im Bundesland Salzburg, derzeit nicht zugänglich. Wegen der Lawinengefahr und der Bedrohung durch abreißende Schneebretter sind viele Skipisten gesperrt. Zudem nehmen Experten an mehreren Orten Sprengungen vor, um kontrollierte Lawinenabgänge hervorzurufen. Im ganzen Land sind Polizei und Bundesheer im Einsatz und helfen den örtlichen Lawinenkommissionen mit Versorgungs- und Erkundungsflügen, wenn das Wetter es zulässt. Auch würden Räumungsarbeiten mit vorgenommen, "mit Schaufeln und Schneefräsen", teilt das Verteidigungsministerium in Wien mit. Experten warnen Skifahrer und Wanderer, Sperren und Warnhinweise zu ignorieren. Das sei lebensgefährlich und zudem strafbar.

Eine Prognose, wie lange die Menschen noch warten müssen, wagt niemand abzugeben. Die Wettervorhersagen sehen noch kein Ende der Schneefälle in den kommenden Tagen. Aber noch, sagt Hohentauerns Vizebürgermeister Jetz, sei man "ganz gelassen".



insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Augustusrex 09.01.2019
1. Na ja
Solange sie noch nicht anrufen und fragen müssen, wen sie als nächstes essen dürfen, ist es ja noch nicht so schlimm. Das ist ein Joke und keinesfalls ernst gemeint.
karl-felix 09.01.2019
2. So
lasse ich mir die Klimakatastrophe gefallen . Das nächste Frühjahr kommt bestimmt, man braucht halt nur einen Rabatt auf die Unterkunft .
meresi 09.01.2019
3. Hohentauern
liegt knapp außerhalb des politischen Bezirks Liezen. Normalerweise leicht von Trieben aus erreichbar. Eine Bundesstraße die eine Abkürzung Richtung Kärnten oder Judenburg darstellt. Malerische Gegend auch im Sommer. Jedenfalls verhalten sich die Urlauber vernünftig. In Wildalpen, bekannt als Eldorado für Wildwasserfahrten aller Art, glaubten ein paar sie haben die Schlauheit mit dem Löffel gegessen. Da hatten unlängst 12 Urlauber die Straßensperre beseitigt und sind prompt in eine Lawine gefahren. Die Helfer, zur Rettung dieser Dolme geschickt, setzten sich der Gefahr eines neuerlichen Lawinenabgangs aus.
EinzHeinz 09.01.2019
4. Was sagt eigentlich...
...M. Latif zur aktuellen Wetterlage in Österreich und Bayern?
hexenbesen.65 09.01.2019
5.
Wir sind Flachlandtiroler...und meine Schwester wollte unbedingt mal ein bißchen Schnee haben ("Will mal endlich wieder einen gescheiten SChneemann bauen") gestern ne SMS "Kommen nicht raus, sind eingeschneit"...tja, sie wollte Schnee haben....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.