Schneesturm "Daisy": Katastrophenalarm im Nordosten - viele Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten

Das angekündigte Winterchaos ist eingetroffen - zumindest in Norddeutschland: Straßen sind unpassierbar, Züge bleiben im Schnee stecken, Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Wegen des Schneesturms hat der Landkreis Ostvorpommern Katastrophenalarm ausgerufen. Meteorologen zufolge ist ein Ende des strengen Winters vorerst nicht in Sicht.

"Daisy": Deutschland versinkt im Schnee Fotos
DPA

Schwerin - In Mecklenburg-Vorpommern hat der erste Landkreis wegen "Daisy" Katastrophenalarm ausgerufen. Betroffen ist der Kreis Ostvorpommern, wo der Alarmzustand am Sonntag um 5.15 Uhr erklärt wurde, wie das Lagezentrum im Schweriner Innenministerium SPIEGEL ONLINE mitteilte. Grund dafür seien die extreme Witterungssituation und die zunehmend chaotischen Verkehrsbedingungen. "Es hört einfach nicht auf zu schneien", sagte ein Sprecher. "Wir haben bis zu 30 Zentimeter Neuschnee, und es wird immer mehr."

Aus verschiedenen Landesteilen wurden im Laufe der Nacht zum Sonntag örtliche Stromausfälle gemeldet. Über den genauen Umfang und konkret betroffene Orte konnte das Landeslagezentrum zunächst keine Angaben machen.

Das Schweriner Innenministerium rief wegen des Schneechaos im Straßen- und Bahnverkehr einen interministeriellen Führungsstab ein. So soll ressortübergreifend Hilfe organisiert werden, sagte der Sprecher. Oberstes Ziel sei es, dass keine Menschen zu Schaden kommen.

Deshalb soll zuerst ein Konvoi von 30 Fahrzeugen von der A20 geleitet werden, der auf dem Rastplatz Peenetal in Richtung Polen festsaß. Die Fahrzeuge, darunter auch ein Bus, seien mit Hilfe von Räumfahrzeugen auf dem Weg nach Norden zur Ausfahrt Greifswald und sollen bis zum Nachmittag in Sicherheit sein.

Ein Sprecher der Autobahnpolizei in Mecklenburg-Vorpommern konstatierte nüchtern: "Da geht nichts mehr." Mit starken Schneefällen und orkanartigen Böen hat "Daisy" in der Nacht auf Sonntag weite Teile der Autobahn A20 in Mecklenburg-Vorpommern lahmgelegt. An mehreren Stellen hätten sich Fahrzeuge quergestellt, sagte der Sprecher. Dutzende Menschen steckten in ihren Autos fest. Selbst Räumfahrzeuge kämen nicht mehr voran, so dass nun Bagger im Einsatz seien.

Das Technische Hilfswerk konnte 170 vom Schnee eingeschlossene Autofahrer in Sicherheit bringen. Die meisten Fahrzeuge steckten auf einem acht Kilometer langen Abschnitt rings um Jarmen fest, erklärte eine Polizeisprecherin. Quer auf der Fahrbahn stehende Lastwagen blockierten die Strecke zudem nördlich der Anschlussstelle Süderholz. Der Schnee habe den Autos bis an die Fenster gereicht. Insgesamt waren zeitweise 14 Kilometer auf der A20 komplett gesperrt.

Das THW warnte die Bürger eindringlich davor, das Auto zu benutzen. Viele Landstraßen seien stellenweise nicht befahrbar. Auch die Bahn mahnte, vor Reisenantritt sollten sich die Menschen informieren, welche Strecken frei und welche gesperrt sind. Insgesamt 44 Reisende wurden seit Samstagabend zwischen Stralsund und Anklam aus zwei Zügen gerettet, die sich in Schneewehen festgefahren hatten. Beide Züge blieben stehen und sollten später geborgen werden.

Meteorologen zufolge bleibt es winterlich - und frostig

Die Aussichten sind weiß: "Es wird weiterhin Schneefall geben, wenn auch eher schauerartig und nicht mehr so intensiv", sagte Meteomedia-Meteorologe Andreas Wagner SPIEGEL ONLINE. Das Problem sei, dass der starke Wind vorerst anhalte - an der Küste gebe es weiterhin schwere Böen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometern.

Erst gegen Montagabend lasse der Wind deutlich nach. "Am Montag und Dienstag wird es gebietsweise schneien, aber durch den schwächer werdenden Wind werden die Verwehungen ausbleiben, und der Schnee kann sich nicht mehr auftürmen", erklärte Wagner. "Alles in allem bleibt es jedoch winterlich und mit Temperaturen, die selten knapp über dem Gefrierpunkt liegen, frostig", sagte Wagner. Daher bleibe der Schnee auch zunächst liegen.

Am wenigsten schneien dürfte es in den kommenden Tagen im äußersten Westen, Nord- und Südwesten. "Daisy" mache sich am Montagabend auf den Weg ans Schwarze Meer und verliere erst dann an Kraft.

Die starken Schneefälle, der Sturm und die Verwehungen haben auch in Schleswig-Holstein zu teils extremen Verhältnissen geführt. Besonders betroffen waren die Ostseeküstenregion und der Südosten des Landes. Auf der Ostseeinsel Fehmarn war das öffentliche Leben praktisch lahmgelegt, wie der Chef des für den Winterdienst zuständigen Inselbauhofs, Timo Jaedke, berichtete. "90 Prozent der Insel sind dicht. Wir haben überall Verwehungen, es passiert gar nichts mehr", sagte Jaedke am Vormittag. Die 35 Ortschaften der Insel seien nicht mehr erreichbar.

Im Süden der Insel, im Ortsteil Fehmarnsund der Stadt Fehmarn, drohte durch die Sturmflut und Hochwasser von zeitweise 1,10 Meter über Normal null am Sonntag ein Deich zu brechen. Durch das unterspülte Flutbauwerk drückte Wasser und bedrohte die dahinter gelegene Siedlung, wie Jaedke berichtete. Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes versuchten, den Deich abzudichten.

Auch in Lübeck, Neustadt, Heiligenhafen und an anderen Badeorten trat die Ostsee über die Ufer, die Deiche hielten dort am Morgen jedoch. Bei Dahmeshöved bestand die Gefahr eines Deichbruchs. "Hier helfen zahlreiche Menschen und versuchen, das Schlimmste zu verhindern", erklärte ein Polizeisprecher. Bei Lübeck-Travemünde schnitten meterhohe Schneewehen den Ort Priwall von der Außenwelt ab. Auch die Priwall-Fähre habe ihren Betrieb wegen Hochwassers und Sturm eingestellt.

"Alle Dörfer sind nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten"

Gegen Mittag begann es erneut zu schneien. "Das Schlimmste, was uns passieren konnte", sagte Fehmarns Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt. "Alle Dörfer sind nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten", berichtete Schmiedt. "Im Moment ist alles erstarrt." Drei hochschwangere Frauen auf der Insel konnte er beruhigen: "Wir haben ein Raupenfahrzeug für Notfälle."

Zeitweise brach das Stromnetz auf der Insel zusammen. Dadurch war auch kurzzeitig der Fährverkehr zwischen Puttgarden und dem dänischen Hafen Rødby behindert. Auch in Ostholstein waren eine Reihe von Dörfern von der Außenwelt abgeschnitten

Schneetief "Daisy" hat auch am Sonntag erneut zu Flugausfällen geführt: Auf dem größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main wurden insgesamt 61 Flüge gestrichen, davon 33 Landungen und 28 Starts, wie der Verkehrsdienstleiter sagte.

Am Samstag waren rund 230 Flüge in Frankfurt ausgefallen. 100 Passagiere ohne Visum für Deutschland verbrachten die Nacht im Transitbereich des Flughafens. Insgesamt standen dort 400 Feldbetten bereit. Für Fluggäste, die den Transitbereich verlassen dürfen, hat der Flughafen nach eigenen Angaben 1500 Hotelbetten zur Verfügung. Einzelne Flüge mussten wie am Samstag auch in Hamburg gestrichen werden.

Mehr als 1000 Verkehrsunfälle in Nordrhein-Westfalen

Bisher hat "Daisy" am Wochenende in Nordrhein-Westfalen zu 1132 witterungsbedingten Verkehrsunfällen geführt. Dabei wurden zwei Menschen getötet und 16 schwer verletzt, wie die Landesleitstelle der Polizei in Neuss mitteilte. Die Beamten registrierten zudem innerhalb von 24 Stunden 88 Leichtverletzte. Die Höhe des entstandenen Sachschadens wird auf rund drei Millionen Euro geschätzt.

Seit Samstagabend ist auch die Autobahn zwischen dem Kreuz Lübeck und dem Autobahnende bei Bad Segeberg in beiden Richtungen gesperrt. Auf den Strecken ereigneten sich zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch auf der Autobahn 10 in Brandenburg gab es zahlreiche Karambolagen.

Starker Schneefall, Sturm und umgestürzte Bäume brachten den Verkehr in Teilen des Harzes zum Erliegen. Laut Polizei ereigneten sich etliche Unfälle. Einige Wintersportanlagen wurden gesperrt. Bei Übach-Palenberg in Nordrhein-Westfalen starb ein 38-jähriger Mann, als ein Auto auf schneebedeckter Straße in den Gegenverkehr rutschte.

jjc/dpa/ddp

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