Schnellfresser in den USA 57 Kuhgehirne, 15 Minuten, ein Magen

Hunderte Austern, haufenweise Hotdogs, Donuts im Dutzend - und das binnen Minuten. Warum tun Menschen sich so etwas an? Essen ist Sport und verlangt körperliche Höchstleistungen, behauptet eine wachsende Schar von Wettessfans in den USA. SPIEGEL ONLINE zeigt eine bizarre Galerie der Essrekorde.

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Hamburg - Ist Wettessen Irrsinn? Unstillbare Fresslust? Kindischer Übermut? Nein, Sport! Das leuchtet vielen Europäern vermutlich nicht auf Anhieb ein. In Japan und vor allem den USA hingegen haben Wettessen eine lange Tradition. Beinahe alles, was man essen kann, muss für die Rekordjagd herhalten. Es gibt Menschen, die in nicht einmal sieben Minuten 65 Eier essen. Oder sieben Packungen gesalzener Butter in fünf Minuten. Oder fünf Pfund Geburtstagskuchen in elf Minuten und 26 Sekunden. Körperliche Höchstleistungen sind das nach Ansicht des Internationalen Wettesser-Verbands (International Federation of Competitive Eating, IFOCE). "Wettessen ist eine der vielseitigsten, dynamischsten und herausforderndsten Sportarten der Geschichte", heißt es auf der Website des Verbandes.


Star der Szene ist der Japaner Takeru Kobayashi, mit 27 Jahren bereits der erfolgreichste Wettesser der Welt. Er begann seinen Siegeszug 2005 und pulverisierte diverse bestehende Rekorde. Er aß 57 Kuhhirne in 15 Minuten, er verschlang 69 Hamburger in acht Minuten, brauchte zwölf Minuten für 53 Hotdogs (und ein halbes) und stopfte in einer halben Stunde neun Kilo Reiskugeln in sich hinein. Außerdem gewann er den Titel "Magen der Welt", als er 100 mit Schweinefleisch gefüllte Wan Tan (chinesische Teigtaschen) in nur zwölf Minuten verdrückte. Schätzungen zufolge verdient Kobayashi mit solchen Wettkämpfen bis zu 150.000 Dollar pro Jahr.

Wettessen sei eine der ältesten Sportarten der Menschheitsgeschichte, berichtet der Wettesser-Verband. Die Urmenschen hätten es schließlich auch nicht anders gemacht: Wer möglichst schnell möglichst viel von der raren Beute vertilgt, hat gewonnen. Er überlebt und kann sein Erbgut weitergeben. Die erste Blütezeit erlebte das Phänomen öffentliches Wettessen Anfang des 20. Jahrhunderts. Der bekannteste Schnellfresswettbewerb der USA findet seit 1916 jedes Jahr am Nationalfeiertag am 4. Juli in Coney Island in New York statt. Um Punkt 12 Uhr mittags, zur besten Duellzeit, treten bis zu 20 wildentschlossene Kombattanten gegeneinander ein - im Hotdog-Essen. Derzeitiger Rekordhalter: Takeru Kobayashi. Natürlich. Er gewann zum fünften Mal in Folge. Letzte Demütigung für seine abgeschlagenen Gegner: Nach den Wettkämpfen verlangt der 27-Jährige schon mal nach Eiscreme. Dann geht es zurück nach Japan.

Das Geheimnis von Kobayashis Erfolg wird heiß diskutiert. Wie kann es sein, dass ein schmächtiger Kerl mit gerade mal 60 Kilo Körpergewicht und Waschbrettbauch mehr hinunterschlingen kann als ein durchschnittlich gebauter Amerikaner? Einige glauben, dass Highspeed-Esser ihre Speiseröhre willkürlich in eine Art Rutschbahn verwandeln und einfach alles nach unten schieben können. Andere halten das für Unfug.

Die Wettbewerber zu beobachten ist nur bedingt ein Vergnügen. Kobayashi nimmt den Hotdog mit beiden Händen, bricht ihn entzwei, öffnet den Mund und stopft sich das Ganze mit den Fingern in den Schlund. Die Kiefer mahlen nicht, sondern schieben den Hotdogklumpen die Kehle hinunter. Und den nächsten gleich hinterher. Und noch einen. Und noch einen...

"Schmeckt wie Schmieröl"

Mund und Speiseröhre sind nicht die einzigen Hürden für Preisfutterer: Durchschnittsmägen machen das sinnlose Fressen nicht ohne Protest mit. Dehnungsrezeptoren an den Magenwänden signalisieren ab einem bestimmten Zeitpunkt: Es reicht! Dann wirft das Organ den überflüssigen Inhalt kurzerhand aus. Um diesen Reflex zu umgehen, müssen die selbsternannten Athleten der Tafelrunde trainieren. Mehrere Liter Wasser trinken oder kiloweise Gemüse essen, zum Beispiel. Don Lerman schwört auf eine Gallone Wasser (knapp vier Liter) pro Tag, in einem Zug getrunken. Zweiter Schritt: Hotdogs essen, wenn man schon pappsatt ist. "Der Sieger wird nicht jemand sein, der Hunger hat, sondern einer, der essen kann, obwohl er satt ist", sagte Lerman der "Washington Post". Erster wurde er mit seinem Trainingsprogramm in einer Disziplin: Butterschnellessen. "Schmeckt wie Schmieröl", kommentierte er. Beim Gehirnwettessen wurde er Dritter.

Kann denn das alles gesund sein? Eigentlich nicht, sagen Ernährungswissenschaftler. "Diese Wettbewerbe widersprechen allem, was wir über gesunde Ernährung wissen", sagte Bonnie Taub-Dix, Sprecherin der Amerikanischen Diätetischen Gesellschaft, der "Washington Post". Unerwünschte Nebenwirkungen des Geschwindigkeitsfutterns gibt es zuhauf: Sodbrennen, Übergeben, Durchfall und Blähungen, außerdem Verschlucken, Magenrisse, Entzündungen der Speiseröhre - von Übergewicht ganz zu schweigen. Ohnehin kämpfe ein Großteil ihrer Landsleute mit der Volkskrankheit Fettleibigkeit, sagte die Expertin, umso weniger Verständnis habe sie für Fress-Wettkämpfe.


Sogar drei Todesfälle sind bislang bekannt geworden. Laut der Vereinigung unabhängiger Wettesser, der zweiten US-Interessengemeinschaft, starb ein Mensch beim unorganisierten Wettessen in einer Bar, zwei andere seien an Essensresten in der Luftröhre erstickt. In den Satzungen beider Wettesser-Verbände ist deswegen klar festgelegt, dass Wettbewerbe nur in Gegenwart von medizinisch ausgebildetem Fachpersonal stattfinden dürfen. Schnellessen zu Hause allein auszuprobieren, davon raten Experten dringend ab.

Wie es ist, sich schmerzhaft an etwas zu verschlucken, wissen auch die Profis - Sonya Thomas etwa, 47,5 Kilo schwer, die Nummer zwei der Welt und amtierende Rekordhalterin im Truthahnessen. Die zierliche Dunkelhaarige alias "Schwarze Witwe" machte bei einem Qualifikationsessen Bekanntschaft mit einer widerspenstigen Kartoffelschale, die ihr im Hals stecken blieb. Noch eine Woche später hatte sie Schmerzen beim Schlucken. Seither tritt sie lieber bei Wettkämpfen an, bei denen es um weichere Kost geht, Spaghetti, Eier, Austern.

"Ich möchte nur essen"

Beruflich hat die 37-Jährige auch mit Fast Food zu tun: Sie ist Managerin einer Burger-King-Filiale auf einem Luftwaffenstützpunkt in Maryland. Essen tut sie dort allerdings nicht. Sie ernähre sich außerhalb der Wettkämpfe gesund, eine große Mahlzeit pro Tag, mit viel Obst, Fisch, Gemüse, Reis und Hühnchen. Frittiertes und Süßigkeiten meidet sie. Ein- bis zweimal im Monat tritt sie zum Wettessen an - die "natürlichste Sportart der Welt, schließlich isst jeder", meint sie. Übergeben hat sie sich nach einem Wettessen noch nie. Dafür braucht sie allerdings acht bis zwölf Stunden, um das Verschlungene zu verdauen.

Und warum nun das Ganze? Menschliches Grundbedürfnis aus Höhlenmenschenzeiten? Sportlicher Ehrgeiz? Nervenkitzel? Ian Hickman, Kampfname "Invader", hat darauf eine ganz einfache Antwort: "Ich möchte nur essen, meine Freunde beeindrucken und Geld gewinnen", sagte er der "Washington Post". Wirklich reich werden kann man mit dem Wettessen aber wohl kaum. In drei Monaten hat Hickman gerade mal 1000 Dollar verdient. Sonya Thomas treiben ähnliche Motive. "Der unersättliche Drang zu gewinnen" treibe sie an, schreibt sie auf ihrer Website, und fügt an: "Forever eating!"



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