ThemaSuchtRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Schnüffeln Tödlicher Rausch aus der Dose

Tödlicher Rausch: Fabians andere, heile Welt
Fotos
Burkhard Nachtigall

2. Teil: Deospray - Das Mordinstrument im Badezimmerschrank

Nachtigall kämpft um Aufklärung und darum, dass Firmen mit ausdrücklichen Hinweisen vor Missbrauch warnen mit Slogans ähnlich denen auf Zigarettenpackungen wie "Das einmalige Inhalieren kann tödlich sein". Der Anwalt der Supermarktkette antwortete Nachtigall in einem Schreiben vom April 2010, dass es sich um "eine nicht vorhersehbare Fehlanwendung des Produkts" handele.

"Man schützt sein Kind vor dem Straßenverkehr, vor Pädophilen, hat ständig Angst um sie", sagt Nachtigall. "Auf einmal ist es 15, vernünftig und fast erwachsen - und dann stirbt es zu Hause durch Deo - davor muss man doch warnen!" In den USA laufen im Fernsehen und in den Kinos längst Warnvideos. Die Firma Unilever wirbt beispielsweise für ihr bekanntestes Männerdeo "Axe" mit dem Slogan: "Axe schnüffeln macht dein Spiel kaputt." Auf Deos in Deutschland dagegen findet man lediglich allgemeine Warnhinweise.

"Unfassbar, dass jeder von uns solch ein Mordinstrument im Badezimmerschrank hat", sagt Nachtigall und wehrt sich auch dagegen, dass sein Sohn in der Statistik als "Unfalltoter" geführt wird, nicht als "Drogentoter". Laut Rechtsmedizin des Universitätsklinikum Magdeburg starb Fabian am Sudden Sniffing Dead Syndrom (SSDS). Demnach nahm das Adrenalin durch das Inhalieren im Körper zu, unterbrach die Reizleitung am Herzen und verursachte zunächst ein Herzklappen-, später ein Herzkammern-Flimmern. Auf die Herzrhythmusstörungen folgte der Herzstillstand.

Fabians und Nicos Eltern schöpften keinen Verdacht

Weder Petra M. noch Burkhard Nachtigall haben bislang eine Antwort gefunden auf die Frage, warum Nico und Fabian nachmittags nach der Schule diesen Kick suchten. Beide wuchsen in guten, behüteten Verhältnissen auf, erlebten eine unbeschwerte Kindheit, pflegten zu den Eltern ein inniges, warmherziges Verhältnis.

Deren Sorge vor der bevorstehenden Pubertät taten beide Jungen ab. Offen wurde über Alkohol- und Drogenmissbrauch gesprochen. Glaubhaft versicherten die Teenager ihren Eltern, vernünftig zu sein, keine Experimente zu machen.

Die Familien schöpften keinen Verdacht. "Wir hatten nicht die leiseste Ahnung", weint Petra M. "Im Nachhinein fällt einem dann auf, dass er auf einmal öfter gelüftet hat oder man öfter ein leeres Deospray im Schrank vorfand", sagt Nachtigall. "Aber wer kommt denn auf den Gedanken, dass sich das Kind damit in einen Rausch versetzt?"

Beide Jungen waren beliebt, hatten Freunde. Diese wollen von "dem Spleen", wie es zwei Gleichaltrige nennen, nichts gewusst haben. "Der war doch gar nicht der Typ für so etwas", sagt ein Schulkamerad von Nico. Ein anderer: "Hätte er es regelmäßig betrieben, hätte er es uns nicht verheimlichen können."

Beide Jungen hatten viele Hobbys. Fabian ruderte, spielte Schach, fuhr Snowboard, absolvierte einen Tanzkurs, seit Weihnachten hatte er eine Freundin. Nico spielte im Verein Fußball, kickerte in einem von ihm gegründeten Club und sammelte Briefmarken.

Was wussten die Kinder über das Schnüffeln?

Beide Jungen waren gute Schüler. Nico engagierte sich als Klassensprecher, gute Zensuren kosteten ihn keine Mühe. Fabian hatte am Tag seines Todes gerade ein Zwischenzeugnis bekommen. Seinem Vater las der Gymnasiast seine Noten am Telefon vor: sechs Zweier, drei Einser - eine davon in Chemie.

Das Schnüffeln von Benzingasen oder Klebstoff war in den achtziger Jahren bei Jugendlichen in Großstädten ein Trend, eine Art Arme-Leute-Droge, meist in sozialen Randgruppen. Für viele war der Trip aus der der Tube der Einstieg in eine Drogenkarriere, die bei Kokain oder Heroin endete.

Vor allem in Entwicklungsländern, in den Ghettos von Südamerika und Osteuropa, schnüffeln viele Minderjährige, um sich zu betäuben, abzuschalten. Auf einen kurzen, euphorischen Erregungszustand folgen Bewusstseinseintrübung, Halluzinationen, Bewusstlosigkeit. Die giftigen Stoffe können im Gehirn einen Ausfall des Atemzentrums auslösen. Inhaliert man zu stark, erstickt man am Sauerstoffmangel. Die Gefahr der psychischen Abhängigkeit ist ständiger Begleiter.

Oft kommt es beim Missbrauch von Sprays zu Unfällen durch Überschätzung und Bewusstseinseintrübung oder zu Explosionen. Im Mai 2009 schnüffelte ein Schüler in einem Hotel in Duisburg Deodorant, zündete sich berauscht eine Zigarette an. Der 17-Jährige erlitt schwerste Brandverletzungen.

Burkhard Nachtigall will aufrütteln. Sich auch von der aussichtslosen Klage nicht abbringen lassen. Er hat die Fabian-Nachtigall-Stiftung gegründet und kämpft für ein Verbot von Deosprays mit herkömmlichen Treibgasen. Er wirkt wie ein Getriebener, gejagt von der selbst auferlegten Mission, anderen Eltern dieses unendliche Leid zu ersparen. Fabians Tod soll wenigstens diesen Sinn haben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 300 Beiträge
deepocean 10.08.2010
was für eine tragödie! ich wünsche diesem mann alle kraft dieser welt!
Zitat von sysopSie gingen zur Drogerie statt zum Drogendealer: Nico und Fabian liebten den Rausch - und fanden ihn im Badezimmer, im Schränkchen über dem Spiegel. Die Jugendlichen schnüffelten sich mit Deodorants zu Tode. Ein Vater kämpft nun verzweifelt gegen den Tod aus der Spraydose. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,710566,00.html
was für eine tragödie! ich wünsche diesem mann alle kraft dieser welt!
MadMad 10.08.2010
" ...Nachtigall hat bei der Staatsanwaltschaft Konstanz Strafanzeige gegen den Hersteller des Sprays und den Discounter gestellt - wegen fahrlässiger Tötung." Bei allem Mitleid für die Familie (ich bin selbst Vater), [...]
" ...Nachtigall hat bei der Staatsanwaltschaft Konstanz Strafanzeige gegen den Hersteller des Sprays und den Discounter gestellt - wegen fahrlässiger Tötung." Bei allem Mitleid für die Familie (ich bin selbst Vater), geht es doch zu weit, den Hersteller anzuzeigen. Wenn das durchkommt, müsste man auch Hersteller von Duschgel, Reinigern aller Art und sonst. Pflegeprodukten vor den Kadi ziehen. Ein gewisses Restrisiko bleibt heutzutage bestehen, so grausam das auch klingen mag. Ein Ansatz wären noch die Supermärkte, die bei größeren Mengen an Deo, welches jemand kaufen möchte, den Verkauf verweigern könnten, aber dann verkauft es eben ein anderes Geschäft.
PeteLustig 10.08.2010
Komisch, meine jugendlichen Grenzerfahrungen beschränken sich auf eine Zigarette als 11-jähriger. ---Zitat--- "Ich werde diesen Geruch nie vergessen", sagt Burkhard Nachtigall, hier mit seinem Sohn Fabian. Der [...]
Zitat von sysopGerade Kinder und Jugendliche nutzen diese Art des Rauschkonsums. Sie schnüffeln Butangas aus Deosprays, Lösungsmittel, Haarsprays, Filzstifte, Nagellackentferner, Klebstoffe und Verdünnungsmittel - alles legal und günstig zu erwerben. Die Anwendung ist simpel: Die Stoffe werden in eine Tüte gefüllt und inhaliert. Alternativ kann man sie auf Tücher träufeln oder sprühen und einatmen.
Komisch, meine jugendlichen Grenzerfahrungen beschränken sich auf eine Zigarette als 11-jähriger. ---Zitat--- "Ich werde diesen Geruch nie vergessen", sagt Burkhard Nachtigall, hier mit seinem Sohn Fabian. Der Historiker hat bei der Staatsanwaltschaft Konstanz Strafanzeige gegen den Hersteller des Sprays, Your Own Brand GmbH, und die Unternehmensgruppe Aldi Süd gestellt - wegen fahrlässiger Tötung. ---Zitatende--- Ich könnte wetten, Herr Nachtigall mockierte sich noch vor einigen Jahren selbst über Schadensersatzprozesse in den USA bezüglich heißem Kaffee, Mikrowellen-Hamster und Wohnmobil-Tempomaten. Ich empfehle der beklagten Deo-Firma Herrn Nachtigall beim zuständigen Jugendamt wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht anzuzeigen. Eventuell hat dieser Herr noch weitere Kinder, die vor schädlichem Elternverhalten durch mangelhafte Aufklärung geschützt werden sollten. Bereits im Kindergartenalter schärften mir meine Eltern ein, niemals eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen...
Christian B. 10.08.2010
Mordinstrument und Deohersteller verklagen? Sind wir nun wirklich schon so weit? Ich halte es da wie ein bekannter US-Richter, man kann niemanden für die eigenen Exzesse verklagen! Ich verstehe, dass man sich in dem Bereich [...]
Mordinstrument und Deohersteller verklagen? Sind wir nun wirklich schon so weit? Ich halte es da wie ein bekannter US-Richter, man kann niemanden für die eigenen Exzesse verklagen! Ich verstehe, dass man sich in dem Bereich mehr Aufklärung wünscht, um zu zeigen wie gefährlich das ganze ist. Aber diese völlig überspitzte Darstellung der mordenden Dosen, ich bitte Sie. Natürlich ist das ganze tragisch und ich denke als Elternteil kann man da auch wenig vorbeugen außer über Aufklärung. Denn solche Stoffe sind halt nunmal in Kleber, Lösungsmitteln usw. leicht verfügbar und ein Verbot bringt da halt auch nichts. Man kann doch nicht alles verbieten was ansatzweise gefährlich werden könnte... Plastiktüten! Genau, lasst uns die auch verbieten, die sind ja praktisch die rechte Hand vom bösen Mr. Deo.
Sapientia 10.08.2010
Für die Allgemeinheit kann man daraus kaum eine Lehre ziehen, wer das will findet irgendwo immer die Möglochkeit das zu tun. Und was diese Kinder trieb, ob es kompensatorisch erfolgte zum ggf überbehüteten Elternhaus, falls [...]
Zitat von sysopSie gingen zur Drogerie statt zum Drogendealer: Nico und Fabian liebten den Rausch - und fanden ihn im Badezimmer, im Schränkchen über dem Spiegel. Die Jugendlichen schnüffelten sich mit Deodorants zu Tode. Ein Vater kämpft nun verzweifelt gegen den Tod aus der Spraydose. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,710566,00.html
Für die Allgemeinheit kann man daraus kaum eine Lehre ziehen, wer das will findet irgendwo immer die Möglochkeit das zu tun. Und was diese Kinder trieb, ob es kompensatorisch erfolgte zum ggf überbehüteten Elternhaus, falls da so war, oder ob reine Neugier sich tödlich auswirkte - wer weiß das schon. Selbst wenn man etwas auf der Familie herausfände, ginge es uns nichts an. Die Tatsache daß ist traurig genug. Letztlich ist kein Elternteil dagegen gefeit, daß neugierige Kinder in diesem Alter irgendeinen Blödsinn ausprobieren und nicht absehen können, wie groß die Gefahr ist.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles zum Thema Sucht

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP