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Schnüffeln: Tödlicher Rausch aus der Dose

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Sie gingen zur Drogerie statt zum Drogendealer: Nico und Fabian liebten den Rausch - und fanden ihn im Badezimmer, im Schränkchen über dem Spiegel. Die Jugendlichen schnüffelten sich mit Deodorants zu Tode. Ein Vater kämpft nun gegen den Tod aus der Spraydose.

Tödlicher Rausch: Fabians andere, heile Welt Fotos
Burkhard Nachtigall

Ein Moment überirdischer Euphorie, falscher Sorglosigkeit inklusive Allmachtsphantasien kostet 1,29 Euro. Der Rausch breitet sich langsam aus, er kommt aus der Dose. Er dauert manchmal nur zwei, drei Minuten, je nach Dosis auch etwas länger.

Nico und Fabian - zwei Jungen, die sich nie begegnet sind - waren fasziniert von diesem Schweben, der plötzlichen Leichtigkeit ihres Seins. Sie hat beide das Leben gekostet. Nico und Fabian haben sich mit Deosprays zu Tode geschnüffelt.

Petra M. entdeckt ihren Sohn im Hobbykeller, eine Plastiktüte über dem Kopf. Die Kinderkrankenschwester glaubt zunächst an einen Einbruch. Alle Souterrainfenster sind weit aufgerissen. Der 14-Jährige ist längst tot, aus seinem Mund tropft Blut. Nico ist innerlich erstickt. Er starb an einem toxischen Schock in Verbindung mit Sauerstoffverlust.

Sein Kinderzimmer im Dachgeschoss eines Hauses in einer norddeutschen Kleinstadt ist noch vier Jahre nach seinem Tod so, wie er es verlassen hat, als er in den Hobbykeller hinabstieg. An einer Pinnwand hängen Fotos von Klassenausflügen, Maskenbällen, Gartenpartys. Auf dem Kleiderschrank stapeln sich Gesellschaftsspiele, an der Tür baumelt eine Lichterkette vom HSV.

Sein Tod hat seine Eltern und Schwestern in ein anderes Leben katapultiert, zermürbt von Selbstvorwürfen. "Wir hatten Angst vor Alkohol, harten Drogen, falschen Kreisen", sagt Petra M. Dass die Gefahr im Badezimmerschrank lauert, damit hatte die 48-Jährige nicht gerechnet.

11,5 Prozent der deutschen Minderjährigen suchen die Grenzerfahrung

Gerade Kinder und Jugendliche nutzen diese Art des Rauschkonsums. Sie schnüffeln Butan-Gas aus Deosprays, Lösungsmitteln, Haarsprays, Filzstiften, Nagellackentfernern, Klebstoffen und Verdünnungsmitteln - alles legal und günstig zu erwerben. Die Anwendung ist simpel: Die Stoffe werden in eine Tüte gefüllt und inhaliert. Alternativ kann man sie auf Tücher träufeln oder sprühen und einatmen.

Laut der Europäischen Schülerstudie Espad suchten im Jahr 2007 11,5 Prozent der deutschen Minderjährigen die Grenzerfahrung mit dieser Form des Substanzmissbrauchs, in Bayern liegt die Quote der unter 16-Jährigen bei 14 Prozent. In Deutschland werden die Todesfälle durch Lösungsmittel nicht gesondert registriert, weil sie nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Anders in Großbritannien und Spanien, wo die meisten Opfer an Butan-Gas-Missbrauch sterben.

Oft suchen die Jugendlichen den Kick in der Gruppe, was die Gefahr nicht mindert: Eine gezielte Dosierung ist nahezu unmöglich, Wirkung und Nebenwirkung lassen sich schwer kontrollieren. Das einmalige Ausprobieren kann tödlich sein. Ein Viertel aller Schnüffelopfer sterben beim Erstkonsum.

Burkhard Nachtigall klammert sich zunächst an die Hoffnung, sein Sohn Fabian sei beim erstmaligen Experimentieren mit dieser Rauschmethode gestorben. Der 41-jährige Historiker findet seinen Sohn am 29. Januar in dessen Zimmer. Mit einem gelben Müllsack halb über dem Kopf liegt er bäuchlings vor seinem Bett. Die Lippen haben sich bereits blau verfärbt, ebenso die Ohren. Auch er blutet aus dem Mund. Neben dem Jungen steht noch das Deospray. Verzweifelt müht sich der Vater, sein einziges Kind wiederzubeleben. Auch die zwei eintreffenden Notärzte versuchen, mit einer Adrenalin-Spritze den 15-Jährigen zurück ins Leben zu holen.

"Er hat anscheinend Deo inhaliert", sagt einer der Ärzte. Nachtigall steht hilflos daneben, sah die Nulllinie auf dem kleinen Monitor. "Ich wusste überhaupt nicht, wovon der Mann redet."

Einmaliges Inhalieren kann tödlich sein

Als der Leichnam seines Sohnes aus dem Haus in Überlingen am Bodensee getragen wird, findet Nachtigall einen weiteren, benutzten Müllsack in Fabians Holzbett, zwischen den Matratzen. Der Rausch aus der Spraydose war also doch nicht Fabians erster. "Ich werde diesen Geruch nie vergessen", sagt sein Vater.

Nachtigall hat bei der Staatsanwaltschaft Konstanz Strafanzeige gegen den Hersteller des Sprays und den Discounter gestellt - wegen fahrlässiger Tötung.

Der Historiker ist davon überzeugt, dass die Unternehmen von dem Missbrauch wissen. Eine Mitarbeiterin der Handelskette schrieb beispielsweise in einem Internetforum: "Ich (...) beobachte immer die gleichen Kiddies, wie sie in großen Mengen Deo kaufen. So viel Deo braucht kein Mensch zur üblichen Anwendung. Was kann man denn da tun?"

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1. tragödie
deepocean 10.08.2010
Zitat von sysopSie gingen zur Drogerie statt zum Drogendealer: Nico und Fabian liebten den Rausch - und fanden ihn im Badezimmer, im Schränkchen über dem Spiegel. Die Jugendlichen schnüffelten sich mit Deodorants zu Tode. Ein Vater kämpft nun verzweifelt gegen den Tod aus der Spraydose. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,710566,00.html
was für eine tragödie! ich wünsche diesem mann alle kraft dieser welt!
2. das geht zu weit
MadMad 10.08.2010
" ...Nachtigall hat bei der Staatsanwaltschaft Konstanz Strafanzeige gegen den Hersteller des Sprays und den Discounter gestellt - wegen fahrlässiger Tötung." Bei allem Mitleid für die Familie (ich bin selbst Vater), geht es doch zu weit, den Hersteller anzuzeigen. Wenn das durchkommt, müsste man auch Hersteller von Duschgel, Reinigern aller Art und sonst. Pflegeprodukten vor den Kadi ziehen. Ein gewisses Restrisiko bleibt heutzutage bestehen, so grausam das auch klingen mag. Ein Ansatz wären noch die Supermärkte, die bei größeren Mengen an Deo, welches jemand kaufen möchte, den Verkauf verweigern könnten, aber dann verkauft es eben ein anderes Geschäft.
3. .
PeteLustig, 10.08.2010
Zitat von sysopSie gingen zur Drogerie statt zum Drogendealer: Nico und Fabian liebten den Rausch - und fanden ihn im Badezimmer, im Schränkchen über dem Spiegel. Die Jugendlichen schnüffelten sich mit Deodorants zu Tode. Ein Vater kämpft nun verzweifelt gegen den Tod aus der Spraydose. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,710566,00.html
Komisch, meine jugendlichen Grenzerfahrungen beschränken sich auf eine Zigarette als 11-jähriger. Ich könnte wetten, Herr Nachtigall mockierte sich noch vor einigen Jahren selbst über Schadensersatzprozesse in den USA bezüglich heißem Kaffee, Mikrowellen-Hamster und Wohnmobil-Tempomaten. Ich empfehle der beklagten Deo-Firma Herrn Nachtigall beim zuständigen Jugendamt wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht anzuzeigen. Eventuell hat dieser Herr noch weitere Kinder, die vor schädlichem Elternverhalten durch mangelhafte Aufklärung geschützt werden sollten. Bereits im Kindergartenalter schärften mir meine Eltern ein, niemals eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen...
4. lächerlich wenn auch tragisch
Christian B. 10.08.2010
Mordinstrument und Deohersteller verklagen? Sind wir nun wirklich schon so weit? Ich halte es da wie ein bekannter US-Richter, man kann niemanden für die eigenen Exzesse verklagen! Ich verstehe, dass man sich in dem Bereich mehr Aufklärung wünscht, um zu zeigen wie gefährlich das ganze ist. Aber diese völlig überspitzte Darstellung der mordenden Dosen, ich bitte Sie. Natürlich ist das ganze tragisch und ich denke als Elternteil kann man da auch wenig vorbeugen außer über Aufklärung. Denn solche Stoffe sind halt nunmal in Kleber, Lösungsmitteln usw. leicht verfügbar und ein Verbot bringt da halt auch nichts. Man kann doch nicht alles verbieten was ansatzweise gefährlich werden könnte... Plastiktüten! Genau, lasst uns die auch verbieten, die sind ja praktisch die rechte Hand vom bösen Mr. Deo.
5. Traurig, traurig, so ein süßer Junge....
Sapientia 10.08.2010
Zitat von sysopSie gingen zur Drogerie statt zum Drogendealer: Nico und Fabian liebten den Rausch - und fanden ihn im Badezimmer, im Schränkchen über dem Spiegel. Die Jugendlichen schnüffelten sich mit Deodorants zu Tode. Ein Vater kämpft nun verzweifelt gegen den Tod aus der Spraydose. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,710566,00.html
Für die Allgemeinheit kann man daraus kaum eine Lehre ziehen, wer das will findet irgendwo immer die Möglochkeit das zu tun. Und was diese Kinder trieb, ob es kompensatorisch erfolgte zum ggf überbehüteten Elternhaus, falls da so war, oder ob reine Neugier sich tödlich auswirkte - wer weiß das schon. Selbst wenn man etwas auf der Familie herausfände, ginge es uns nichts an. Die Tatsache daß ist traurig genug. Letztlich ist kein Elternteil dagegen gefeit, daß neugierige Kinder in diesem Alter irgendeinen Blödsinn ausprobieren und nicht absehen können, wie groß die Gefahr ist.
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