Old-School-Barbiersalon in Rotterdam Männer und Hunde erlaubt - Frauen nicht

In Rotterdams "Schorem Barbershop" bleiben Männer unter sich: Tätowierte Fachkräfte frisieren und rasieren ihre Kunden im Stil der fünfziger Jahre. Woher diese Geschäftsidee? Geschäftsführer Robert Rietveld erklärt, warum Hunde erlaubt sind - Frauen aber nicht.

Jelle Mollema

Von Jan Michael Rebuschat


Ein schnurrbärtiger Barbier mit Bowler-Hut und weißem Kittel zieht sein Rasiermesser über die Wange eines Kunden, der mit seiner Pomade in den Haaren an den jungen Johnny Cash erinnert. Zwischendurch nimmt Johnny einen kräftigen Schluck aus einer Flasche Bier und erzählt dem Barbier von seinem Arbeitstag.

Die Männer scherzen, es wird viel gelacht. Frauen sucht man hier vergeblich, wenn man von den Playboy-Heften absieht. An der Wand hängt eine Tafel, darauf ein Dutzend Frisuren, "Flattop Boogie", "Junior Pomp". Frisuren, die einmal ganz groß in Mode waren.

Der "Schorem Barbershop" befindet sich mitten in Rotterdam. Wer ihn besucht, will nicht einfach die Haare kürzer haben, er will eintauchen in das Lebensgefühl, den Stil der fünfziger Jahre.

Einer der beiden Chefs heißt Robert Rietveld, den aber alle nur Bertus nennen. Vor rund drei Jahren gründete er den Laden gemeinsam mit seinem Partner Leen. Ein Laden nur für Männer. Nach kurzer Zeit entwickelte sich "Schorem" (niederländisch für "Abschaum", "Gesindel", aber wörtlich übersetzt: "Ich habe ihn rasiert") zu einem Barbiersalon mit internationalem Ruf. "Innerhalb von drei Wochen mussten wir neue Barbiere einstellen, das Geschäft lief wie verrückt", sagt Rietveld.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rietveld, Sie beschreiben Ihr Geschäft als "Old School Barbershop". Was macht Ihren Laden aus?

Rietveld: Der Barbier war früher der Ort, an dem sich die Nachbarschaft zusammenfand, um zu quatschen, die neuesten Nachrichten zu erfahren und vielleicht Schach zu spielen. Doch die Zeiten haben sich geändert, wir sind jetzt alle immer in Eile, auch wenn es um den Besuch beim Friseur geht. Aber die Leute brauchen auch heute einen Ort, in welchem sie dem Alltag entfliehen können. Das können Männer bei uns tun.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man bei Ihnen reinkommt, wähnt man sich in einer anderen Zeit.

Rietveld: Uns geht es darum, ein in Vergessenheit geratendes Handwerk einer vergangenen Ära zurückzubringen. Und das zelebrieren wir: Unsere Jungs müssen jeden Tag Krawatte tragen. Manche halten das für übertrieben, aber wir lieben es zu sehen, wie diese tätowierten Bastarde sich wie Gentlemen kleiden.

Zur Person
Robert Rietveld wurde 1974 im niederländischen Leiden geboren. Sein Handwerk lernte Rietveld vor allem durch die praktische Arbeit in verschiedenen Barbiersalons. Vor dem "Schorem Barbershop" betrieb er mit seinem Geschäftspartner bereits eigene Shops. Rietveld lebt mit seiner Ehefrau und ihren beiden gemeinsamen Kindern in Rotterdam.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Idee für den Laden entstanden?

Rietveld: Mein Geschäftspartner Leen und ich sind seit 24 Jahren Barbiere und auch sehr gute Freunde. Vor ungefähr zehn Jahren sprachen wir bei einem Besäufnis über die Zukunft und stellten uns vor, wie wir unsere letzten Tage damit verbringen würden, den alten Kerlen aus der Nachbarschaft die Haare zu schneiden, von den guten alten Zeiten zu schwärmen und den Mädels hinterherzuschauen. Kurzerhand entschlossen wir uns dazu, die letzten Tage etwas zu strecken.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Eure Kundschaft?

Rietveld: Rockabillys, Psychobillys, Gentlemen, Punks, Freaks, Künstler, Rocker, Biker - solche Leute. Manche Kunden reisen vier oder fünf Stunden an, stehen weitere fünf Stunden in der Schlange und verlassen schließlich mit einem Lächeln unseren Shop. Wir nehmen uns Zeit für jeden Kunden.

SPIEGEL ONLINE: An Ihrem Laden hängt ein Schild: "Männer und Hunde erlaubt, Frauen nicht". Warum wollen Männer keine Frauen dabeihaben?

Rietveld: Bei uns werden Männer nicht in pinkfarbene Kittel gezwängt, sie müssen nicht neben Frauen sitzen, die tonnenweise Folie in den Haaren haben. Ein Abend mit den Freunden und einer Kiste Bier ist nun mal ganz anders als ein Abend in der Stadt, wo die Jungs darum wetteifern, wer das Alpha-Männchen ist. Aber, hey: Diese Erklärung ist nur für die Mädels - Männer wissen, worum es geht.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie Ihr Handwerk gelernt?

Rietveld: Leen und ich sind Barbiere "alter Schule", wir wurden noch in einer Barbierschule ausgebildet. Wenn man heutzutage in Holland Barbier werden will, muss man einen Unisex-Kurs absolvieren, mit Dauerwellen und Tönungen.

SPIEGEL ONLINE: Was war der denkwürdigste Augenblick in Ihrer Zeit als Barbier?

Rietveld: Eines Tages kam ein Mann mit seinem Sohn in unseren Laden. Der Junge hatte nur noch wenige Zeit zu leben, und einer seiner letzten Wünsche war ein Besuch bei uns. Wir haben ihm eine bestmögliche Zeit gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ladenbesitzer, deren Konzept einschlägt, expandieren, bauen ein Franchise-System auf. Eine Option für Sie?

Rietveld: Nein. Wir lieben Rotterdam und wollen nicht den ganzen Tag im Auto durch die Gegend fahren müssen, um überall nach dem Rechten zu sehen. Wir lieben unser Team und wollen solange wie möglich hier zusammenarbeiten.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.