Schröders Haare "Wir gehen notfalls bis nach Karlsruhe"

Gefärbt oder nicht gefärbt: Vor dem Hamburger Landgericht hat ein Stab von Juristen über einen Bericht der Nachrichtenagentur ddp verhandelt, in dem es um die Natürlichkeit der Haarfarbe von Bundeskanzler Schröder ging.

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Hamburg - Ein passenderer Richter könnte dem Prozess kaum vorsitzen: Andreas Buske hat langes, wallendes Haar, das bis auf Brust und Rücken hinunterreicht - eindeutig grau, zweifelsfrei ungefärbt. Was er da zu verhandeln hatte in Raum 833 des Hamburger Landgerichts, lässt sich sicher Posse nennen, wenn man das Wort Haarspalterei vermeiden möchte.


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Es geht um eine Meldung der Nachrichtenagentur ddp, die am 23. Januar um 5:56 Uhr in den Redaktionen über die Ticker lief. Darin hatte sich die Image-Beraterin Sabine Schwind von Egelstein über das gelungene Auftreten und die gute Kleidung des Kanzlers ausgelassen. In einem Nebensatz mahnte sie allerdings an, dass Schröders Glaubwürdigkeit steigen würde, "wenn er sich die grauen Schläfen nicht wegtönen würde." Das hat den Kanzler erzürnt. Er möchte erreichen, dass die Agentur dieses nie, nie wieder schreibt und hat dazu eigens eidesstattliche Versicherungen über die Echtheit seiner Haarfarbe bei seinen Coiffeuren eingeholt. Zur Verteidigung seiner Rechte schickte er seinen Vertrauensanwalt Michael Nesselhauf ins Rennen.

Die Agentur will die Behauptung der Dame auch gar nicht wiederholen. Als der Kanzler sich ob der Meldung beschwerte, schickte ddp noch am selben Tag eine Richtigstellung in Sachen Schröders Haare über die Ticker. Doch Schröder wollte mehr: Die Agentur sollte eine strafbewehrte Unterlassungserklärung unterschreiben. Das ging den Journalisten denn doch zu weit. "Wenn der Kanzler meint, uns ein Zitat, das nicht von uns stammt, verbieten zu können, ist das presserechtlich äußerst bedenklich", sagte ddp-Chefredakteur Bernd von Jutrczenka vor Beginn des Prozesses zu SPIEGEL ONLINE.

Der Anwalt der Nachrichtenagentur, Klaus Sedelmeier, erfahrener Presserechtler, sieht eine Überspannung der Sorgfaltspflicht der Journalisten. Der Mann hat sichtlich Spaß an dem Verfahren. "Eigentlich habe ich mich schon aus der Berufstätigkeit zurückgezogen. Aber den Fall habe ich gern noch mal angefasst", erklärt er auf dem Flur des Gerichts. Vor dem Richter legte er im Plauderton seine Argumente dar: Es habe sich nur um einen Nebensatz gehandelt, und niemand habe von den Redakteuren verlangen können, sich in dieser Sache zur Überprüfung an den Kanzler zu wenden. "Er hat bemerkenswert gefärbtes Haar, … ich meine farbiges." Außerdem sei ihm kürzlich aufgefallen, als Schröder zu Gast bei Boulevard Bio war, dass die Brauen viel heller seien als die Haare. Richter Buske ließ jedoch erkennen, dass er zusätzliche Recherchen vermisst und sprach von einer rechtswidrigen Veröffentlichung.

Bei aller Feixerei geht es eben um Medienrecht. Wer unwahre Äußerungen anderer verbreitet (darüber sind sich in diesem Fall beide Parteien einig), kann sich nur dann erfolgreich gegen eine Unterlassungsklage wehren, wenn er sich eindeutig und ernsthaft davon distanziert. Die von ddp verschickte Richtigstellung bezeichnete Nesselhauf vor Gericht als Witz. Die Nachrichtenagentur hafte für von ihr verbreitete Inhalte, auch wenn es Äußerungen Dritter seien. Vorab hatte Nesselhauf schon erklärt, dass es sich bei dem Vorwurf, Schröder färbe sich die Haare, nicht um eine "Petitesse" handele. Es gehe um Glaubwürdigkeit.

Ein Urteil gab es in dieser Verhandlung nicht. Das Landgericht vertagte die Entscheidung auf den 17. Mai. "Nach dem, was der Vorsitzende gesagt hat, sind unsere Chancen hier sicherlich nicht so groß," wertete Sedelmeier die Sitzung. Er kündigte an, notfalls bis zum BGH in Karlsruhe zu ziehen. Und so könnte sich die Geschichte über die Haarfarbe des Kanzlers, die Schröder nie wieder lesen wollte, noch Monate hinziehen.



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