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27. März 2018, 10:30 Uhr

Elterncouch

Wie viel AfD steckt im Lehrer Ihres Kindes?

Von Juno Vai

Ein Lehrer, der die EU überflüssig, Hitler nicht so schlimm und Flüchtlinge lästig findet - kommt Ihnen das bekannt vor? Es gibt einen Weg, wie Schulen mit Rechtspopulisten umgehen könnten.

"Herr Ruck* redet manchmal komisches Zeug", sagt meine Tochter über ihren Politik-Lehrer. Wir sitzen gerade am Frühstückstisch und bekakeln die Lage der Nation. Vic besucht die 9. Klasse des Gymnasiums und spricht eher selten von den Männern und Frauen, die ihr täglich die Welt erklären. Was also erzählt dieser Lehrer?

"Merkel hat im Flüchtlingschaos versagt, die Zuwanderer liegen den Deutschen auf der Tasche, die EU macht uns arm, und wir sollten endlich mal aufhören, uns wegen Hitler immer schuldig zu fühlen", rattert Vic seine Standpunkte runter. Ups, denke ich, AfD oder CSU? Und dann, angesichts der wachsenden Salonfähigkeit rechtspopulistischer Thesen: FDP? Oder gar SPD?

Kleine lupenreine Populisten

Ich beschließe, mir den Ruck mal aus der Nähe anzusehen. Beim Elternsprechtag begrüßt er mich freundlich lächelnd. "Mich interessiert, wie Sie das Thema Demokratie behandeln", beginne ich. Ob denn geplant sei, im Unterricht mal eine Sitzung des Bundestags zu analysieren, da sei ja einiges los zurzeit. "Jahaaaa", ruft Herr Ruck mit einem geradezu irren Leuchten in den Augen, "und das nur dank der AfD!"

Ich nicke zustimmend. "Nur sind Provokation und Pöbelei nicht automatisch dasselbe wie Politik, nur weil sie den gleichen Anfangsbuchstaben haben und sich im P wie Parlament abspielen, oder?", versuche ich zu scherzen. Der Lehrer betrachtet mich wie ein seltsames Insekt und schaut auf seine Uhr. Ich verabschiede mich.

Zu Hause google ich den Pädagogen und finde nichts über eine AfD-Mitgliedschaft. Ruck engagiert sich lediglich in einer Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde - was seine Privatsache ist und ihn wohl kaum zum Nazi macht. Meine Tochter läuft auch nicht Gefahr, indoktriniert zu werden, denn sie ist mit einer gehörigen Portion Skepsis und einem natürlichen Unwillen gegenüber jeder Form von Manipulation ausgestattet.

Beim Sohn meiner Freundin Maren ist das anders. Sie war schockiert, als sie mitbekam, wie sehr Tom innerhalb kürzester Zeit die politischen Ideale des Herrn Ruck verinnerlicht hatte. "Ausländer, die Jobs klauen, Überfremdung, EU-Terror - wenn ich meinen Sohn reden höre, bekomme ich eine Gänsehaut", erzählt sie. "Der Ruck hat aus ihm einen lupenreinen Populisten gemacht, da helfen auch keine sachlichen Argumente mehr. Keine Ahnung, ob sich das wieder rauswächst."

Weil "Rauswachsen" ja eher eine wenig verlässliche Variante ist, überlege ich, ob es andere Möglichkeiten gibt, gegen die Verbreitung rechten Denkens an Schulen vorzugehen. Eine präventive. Oder eine edukative. Ist nicht die Liebe des Beamten zur Jobsicherheit legendär? Wie wäre es also mit schmerzhaften Sanktionen für all jene Pädagogen, die extremistisches Gedankengut über die freiheitlich-demokratische Grundordnung stellen?

Janusköpfig und schlitzohrig

Keine wirklich neue Idee. Ich bin sogar alt genug, um mich noch an die Folgen des 1972 von der sozialliberalen Koalition installierten Radikalenerlasses zu erinnern. Der erlaubte es, Lehrer noch vor einer Einstellung politisch zu überprüfen, später Regelanfragen beim Verfassungsschutz zu stellen und gegebenenfalls Berufsverbote auszusprechen. Damals erwischte es vor allem linke Pädagogen, SPD-Urgestein Herbert Wehner brandmarkte den Erlass als gefährliche "Gesinnungsschnüffelei".

Als Teenager empfand ich die Maßnahme als skandalösen Eingriff des Staates in die Meinungsfreiheit des Einzelnen. Doch angesichts der Demokratiefeindlichkeit in Teilen der AfD kommt man derzeit auf die seltsamsten Ideen.

Neulich habe ich ein konspiratives Treffen lokaler AfD-Mitglieder besucht, um eine Idee davon zu bekommen, wie diese Menschen so ticken. Ich wurde überrascht: Egal ob Inklusion, Frauenrechte oder Flüchtlinge - die Parteivertreter gaben sich im Gespräch so liberal und menschenfreundlich, dass ich innerhalb von Minuten fast vergaß, dass es Menschen wie Björn Höcke in der AfD gibt. Merkelnutten-Gefasel und die Befürwortung von Schüssen auf Flüchtlingskinder, Jagdaufrufe und Kriegsgetöse im Bundestag - vermutlich alles geträumt.

Mein Eindruck war: Das Janusköpfige und Schlitzohrige, die Verschleierung des Radikalen, wird in der AfD offenbar schon an der Basis trainiert. Es gab Käseschnittchen, koffeinfreien Kaffee und jede Menge bürgerliches Wohlwollen. Niemand ließ sich bei dem Treffen zu politisch unkorrekten Äußerungen hinreißen, man bewahrte Habachtstellung. Nur die altbekannte Opferhaltung, die hatten alle drauf.

Ein bisschen kam ich mir vor wie ein Hase, der von einer fetten, freundlich gähnenden Anaconda zum Spielen eingeladen wird. "Es ist so gemein, dass mich keiner mag, nur weil ich am Boden rumkrieche und lauere", sagte die Schlange. "Dabei bin ich längst vegan. All das Gewürge, das Knochengeknacke, das ist doch vorbei."

Ich glaube nicht, dass Lehrer Ruck ein Verfassungsfeind ist. Aber Björn Höcke könnte einer sein. Der AfD-Fraktionsvorsitzende aus Thüringen war in seinem ersten Leben Gymnasiallehrer - Oberstudienrat, Sport und Geschichte, derzeit beurlaubt. Ihm Zirkeltraining und Bundesjugendspiele anzuvertrauen, mag für den einen oder anderen hinnehmbar sein. Aber sich vorzustellen, dass er Heranwachsenden den Nationalsozialismus erklärt, ist geradezu obszön.

Höcke hat die Aufarbeitung der NS-Verbrechen als "dämliche Bewältigungspolitik" bezeichnet und eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert. Er ist ein ebenso dreister wie geschmackloser Geschichtsrevisionist, der entgegen heftigen Protesten von KZ-Überlebenden darauf bestand, an einer Holocaust-Gedenkfeier in Buchenwald teilzunehmen. Nur ein Hausverbot konnte ihn davon abhalten.

Höcke war Lehrer an einer Gesamtschule in Hessen, das dortige Kultusministerium hat angekündigt, verhindern zu wollen, dass er in seinen Beruf zurückkehrt. In Berlin musste unlängst ein Lehrer noch in seiner Probezeit ein Gymnasium verlassen. Als Grund gab die Schulleitung Verbindungen des AfD-Mitglieds zur Identitären Bewegung an, die vom Verfassungsschutz beobachtet und von Experten als rechtsextrem eingeschätzt wird.

Es gibt also Mittel und Wege, rechts- wie linksextreme Lehrer zu disziplinieren. Schulleitungen können tätig werden, wenn es gelingt, nachzuweisen, dass Pädagogen gegen die Verfassungstreuepflicht verstoßen. Ebenso, wenn ein Lehrer das sogenannte Mäßigungsgebot verletzt oder der Schulfriede beeinträchtigt ist. Sie müssen es allerdings wollen.

*Name von der Redaktion geändert

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