Großbritanniens schönste Schuppen Mein Platz in der Welt

Joel Bird baut Gartenschuppen. Sein eigener ist so schön, dass er zum besten in Großbritannien gewählt wurde. Warum ist dieses grüne Häuschen etwas so Besonderes?

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    Joel Bird, 40, lebt im Londoner Stadtteil Tottenham. Er ist Künstler, Musiker und baut beruflich Schuppen. In Birds eigenem Garten steht ein Prachtexemplar: Das Häuschen wurde 2014 beim Wettbewerb "Shed of the Year" zum Sieger gekürt. Bird twittert unter @MrJoelBird
SPIEGEL ONLINE: Herr Bird, wie wichtig ist Ihnen Ihr Schuppen?

Bird: Ich will es so sagen: Nachdem ich mein Haus gekauft hatte, habe ich als erstes nicht die Zimmer hergerichtet, sondern den Schuppen gebaut. Da hatte ich Ärger mit meiner Freundin. Heute verbringe ich mehr Zeit im Schuppen als im Haus. Zum Arbeiten bin ich oft den Großteil des Tages dort. Und mir fehlt nichts.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an Ihrem Schuppen so toll?

Bird: Der Schuppen hat mir Vieles gegeben. Auf dem Dach ist ein Garten. Dort pflanze ich zum Beispiel Gemüse an. Man sieht beim Wachsen zu und erntet: So eine Belohnung lässt einen spüren, dass man einen Platz in der Welt hat. Im Innenraum meines Schuppens gibt eine Nische zum Malen und ein Musikstudio - eines zu mieten, hätte ich mir nie leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Erbauer des "Shed of the Year" 2014. Bei der diesjährigen Wahl sitzen Sie in der Jury. Was macht einen preisverdächtigen Schuppen aus?

Bird: Dafür gibt es keine Regeln. Aber ich finde, ein Schuppen ist etwas sehr Persönliches. Ich mag die besonders, die teilweise oder ganz vom Besitzer errichtet wurden. Die Schuppen, in denen man den Besitzer spürt. Wenn jemand gern ein Pint trinkt, ist es eine tolle Idee, einen kleinen Pub einzubauen. Mein Schuppen ist zum Beispiel ein Arbeitsraum, kein Show-Schuppen, der nur hübsch aussieht. Er funktioniert gut, das macht mir Freude. Und ich finde, das macht ihn auch schön.

SPIEGEL ONLINE: Sie wohnen in London. Ist ein Schuppen in so einer Metropole besonders attraktiv?

Bird: Ja. Man kann sich zurückziehen, ohne wegfahren zu müssen. Vor meinem Haus verläuft eine vierspurige Straße. Aber hinter dem Haus ist es ein bisschen wie auf dem Land. Ich mag das, weil ich das Beste aus beiden Welten habe. Ich kann in die Stadt gehen. Und zu Hause habe ich meine kleine Oase. Ich fühle mich viel besser und glücklicher, mit der Welt enger verbunden, wenn ich von Natur umgeben bin.

SPIEGEL ONLINE: Der Schuppen als Rückzugsort des kleinen Mannes?

Bird: Ja, das war es zumindest. Früher hatten viele Männer im Schuppen einen Sessel, Bier und ein Radio oder einen Fernseher, um Fußball zu hören oder zu gucken. Die Frauen blieben im Haus. Aber inzwischen haben sich Schuppen zu etwas anderem entwickelt, genauso wie die Geschlechterrollen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Schuppen heute?

Bird: In London, wo Immobilien teuer sind, ist ein Schuppen ein Extra-Raum: ein Musikzimmer für die Kinder, ein Arbeitszimmer für die Eltern oder ein Ideenraum für Firmengründer. Ich habe Schuppen für Leute gebaut, die sich selbstständig machen wollen, aber sich kein Atelier oder richtige Büroräume leisten können.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Schuppen bauen Sie pro Jahr?

Bird: Ich arbeite normalerweise nur im Sommer, für einen Schuppen brauche ich etwa 20 Tage. Pro Saison baue ich etwa sechs Stück, davon kann ich das Jahr über leben. Ich möchte nur unabhängig sein - und das geht mit Schuppenbauen.

SPIEGEL ONLINE: Die einfache Variante sind vorgefertigte Bausätze. Was halten Sie davon?

Bird: Sie haben nicht die Seele eines Schuppens, den man selbst gebaut hat. Und abgesehen davon: Von mir gebaute Schuppen sind ordentlich verarbeitet. Was ich bislang an vorgefertigten Modellen gesehen habe, war oft qualitativ nicht gerade toll - manchmal ist etwa das Holz zu dünn. In Deutschland ist das vielleicht anders. So wie ich die Deutschen kenne, stellen die vernünftige Bausätze her. Aber wenn man schon einen Bausatz kauft, sollte man wenigstens etwas hinzufügen.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Bird: Farbe zum Beispiel. Oder vorhandenes Material. Ich habe viele Teile des Hauses benutzt: Alte Türen und Fenster etwa, aber auch übrig gebliebene Ziegel und Zaunteile. Und Pflanzen sind toll. Ich habe zum Beispiel Dachrinnen als Blumenkästen an meinen Fensterbänken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Schuppen-Traum?

Bird: Oje, ich habe so viele. Zweistöckige Schuppen, fast schon Häuser, in denen man wohnen kann. Das würde ich eines Tages gerne tun. Ich verbringe schon jetzt so viel Zeit im Schuppen, ich bin dort einfach lieber als anderswo. Er ist näher am Garten und der Natur, und man muss sich nicht so viele Gedanken darüber machen, ihn sauber und ordentlich zu halten. So würde ich gerne leben.

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insgesamt 3 Beiträge
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bluemetal 03.06.2015
1. Herrlich
Das Haus von Joel Bird ist belanglos und langweilig, aber die anderen Schuppen sind einfach nur unglaublich witzig, absurd und phantasievoll, typisch englisch.
Werder 03.06.2015
2. Sympathisch.
Das wäre wohl in Deutschland, schon gar in einer Millionenmetropole, nicht möglich. Da würden im Eiltempo mit wichtiger Miene gleich mehrere wichtige Männlein des Bauordnungsamts anrücken, und die umgehende Entfernung des Schuppens fordern. Wahrscheinlich ist sogar noch ein Bußgeld drin.
Herr Hold 03.06.2015
3. Klar
Zitat von WerderDas wäre wohl in Deutschland, schon gar in einer Millionenmetropole, nicht möglich. Da würden im Eiltempo mit wichtiger Miene gleich mehrere wichtige Männlein des Bauordnungsamts anrücken, und die umgehende Entfernung des Schuppens fordern. Wahrscheinlich ist sogar noch ein Bußgeld drin.
Sie können auch hier in D auf ihr Grundstück jederzeit einen Schuppen bauen. Auch in Metropolen. Für kleine Gebäude ist oft keine Genehmigung erforderlich. wenn Sie natürlich anfanen kleine Wohnhäuser (Strom, TOilette etc.) zu bauen, ist das natürlich etwas anderes.
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