Schwarz-gelbe Energiepolitik: Mein Atom-Sommer

Die neue deutsche Bürgerprotestbewegung arbeitete sich 2010 auch an der Atompolitik der schwarz-gelben Bundesregierung ab. Für Stefan Schultz Auslöser ganz persönlicher Erinnerungen.

Atomkraftwerk Biblis: "Schwarz-Geld dreht die Zeit zurück" Zur Großansicht
dpa

Atomkraftwerk Biblis: "Schwarz-Geld dreht die Zeit zurück"

Es ist 1997, in einer warmen Sommernacht, als mich das Thema Atomkraft das erste Mal berührt. Ich bin 17 und besuche Marta, eine Bekannte. Vom Haus ihrer Eltern aus laufen wir über Felder zu einer Anhöhe. Wir setzen uns, trinken Dosenbier, rauchen West light. Unten am Fluss leuchtet das AKW Krümmel.

Marta sagt, das Neonlicht sei ihr unheimlich, sie wünsche sich, dass es in Deutschland keine Atomkraftwerke mehr gibt. Eine Falte kräuselt ihre Stirn. Irgendwann küssen wir uns. Morgens fahre ich benommen mit dem Rad nach Hause.

Einige Jahre später beschließt Rot-Grün den Atomausstieg, und es scheint, als würde Martas Wunsch in Erfüllung gehen. Doch dann dreht Schwarz-Gelb die Zeit zurück, und eine Welle des Protests bricht los. Marta ist jetzt überall. In den Demonstranten, die auf gelben Fässern trommeln und auf den Straßen tanzen. In den Greenpeace-Aktivisten, die den Reichstag mit einem Protestbanner verhüllen. In Charlotte Roche, mit Stirnband im Castor-Wald, die dem Bundespräsidenten anbietet, mit ihm zu schlafen, falls er das Atomgesetz stoppt.

Ich träume manchmal wirr in diesem Sommer. Einmal erscheint mir Renate Künast. Sie steht vor einem blau leuchtenden Becken und jongliert mit Brennelementen. Ich will sie warnen, davor, dass ihr eines der Stäbchen runterfällt. Dann wache ich auf. Grauer Himmel, Pieselregen, es wird den ganzen Tag nicht richtig hell. Ich muss an die Zeit denken, in der Helmut Kohl Kanzler war.

Am Tag, an dem die Regierung beschließt, die Laufzeiten zu verlängern, muss ich wieder an Marta denken. Gern würde ich mal wieder auf ihrem Hügel sitzen. Er wäre sicher ein guter Ort, heute, jetzt, um Hunter Thompson zu lesen, diese eine großartige Stelle aus "Fear and Loathing in Las Vegas".

"Wir hatten den Moment auf unserer Seite, wir ritten auf den Kamm einer hohen und wunderschönen Welle. Und jetzt nicht ganz fünf Jahre später, kann man auf einen steilen Hügel klettern, und nach Westen sehen, und wenn man die richtigen Augen hat, kann man die Hochwassermarke sehen, den Ort wo sich die Welle schließlich brach - und zurückrollte."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. jetzt weiß ich was die mit diesem Titel meinen!
schnickschnackschnuck 26.12.2010
Das ist jetzt schon der zweite Artikel vom Herrn Schultz den ich innerhalb von 36 Stunden lese und mich frage:" Wird der Mann nach Zeichen, Artikeln oder nach Qualität des Inhalts bezahlt?" Wahrscheinlich ersteres. Auf der einen Seite schreibt er über seine exotische - trotz allem sehr glimpflich abgelaufene - Reise nach Lissabon (wen will er damit beeindrucken) und nun initiiert er über das Thema Kernenergie die Verarbeitung der Jugend, obwohl es da wohl noch wesentlich intensivere Ereignisse in mancher Vita zu diesem Thema gibt. Off Topic: Fazit:Diese Berichte erzählen nichts Besonderes, sind sogar noch durchschnittiger als Durchschnitt. In der Bunten oder einer regionalen Tageszeitung scheint das ja in Ordnung zu sein. Bei Spiegel (auch online!) hätte ich mir etwas mehr Qualität gewünscht und ich fühle mich wieder einmal bestätigt, dass ich den Spiegel nach 15 Jahren Abo (leider) abbestellt habe. Frohes Fest. :)
2. Ich frage mich
CSCX 02.01.2011
Zitat von schnickschnackschnuckDas ist jetzt schon der zweite Artikel vom Herrn Schultz den ich innerhalb von 36 Stunden lese und mich frage:" Wird der Mann nach Zeichen, Artikeln oder nach Qualität des Inhalts bezahlt?" Wahrscheinlich ersteres. Auf der einen Seite schreibt er über seine exotische - trotz allem sehr glimpflich abgelaufene - Reise nach Lissabon (wen will er damit beeindrucken) und nun initiiert er über das Thema Kernenergie die Verarbeitung der Jugend, obwohl es da wohl noch wesentlich intensivere Ereignisse in mancher Vita zu diesem Thema gibt. Off Topic: Fazit:Diese Berichte erzählen nichts Besonderes, sind sogar noch durchschnittiger als Durchschnitt. In der Bunten oder einer regionalen Tageszeitung scheint das ja in Ordnung zu sein. Bei Spiegel (auch online!) hätte ich mir etwas mehr Qualität gewünscht und ich fühle mich wieder einmal bestätigt, dass ich den Spiegel nach 15 Jahren Abo (leider) abbestellt habe. Frohes Fest. :)
Was der Autor geraucht hat...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Atomkraft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
Das war 2010

Glanzlichter, Tragödien, Katastrophen, Glücksmomente - auf SPIEGEL ONLINE schildern Redakteure, Reporter und Autoren, wie sie die besonderen Ereignisse des Jahres erlebten.

JANUAR

Björn Hengst und Marc Pitzke erlebten das Erdbeben in Haiti, Barbara Hans blickt zurück auf den Missbrauchsskandal in Kirchen und Schulen

FEBRUAR

Severin Weiland schreibt über FDP-Chef Westerwelle und die "spätrömische Dekadenz" , Barbara Hans erinnert an den Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann

MÄRZ

Axel Bojanowski mühte sich phonetisch beim Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island

APRIL

Philip Bethge war dabei, als die Ölpest am Golf eine einmalige Naturlandschaft zu zerstören drohte

MAI

Sebastian Fischer traf der Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler überraschend, Mike Glindmeier staunte über den Eurovisions-Siegeszug der Lena Meyer-Landruth

JUNI

Stefan Schultz beschäftigte das Comeback der Atomkraft

JULI

Julia Jüttner und Jörg Diehl über die Love-Parade-Katastrophe, Katharina Peters über Spanien als Fußballweltmeister , Jochen Leffers über die gescheiterte Schulreform in Hamburg , Hendrik Ternieden über Lothar Matthäus , Matthias Kremp über Stuxnet und die Cyberkrieger

AUGUST

Ann-Dorit Boy war Augenzeugin der Brände in Russland , Hasnain Kazim bei der Flutkatastrophe in Pakistan , Roman Büttner fuhr einen Mercedes SLS auf der Nordschleife des Nürburgrings

SEPTEMBER

Hasnain Kazim und Anna Reimann über die Thesen des Thilo Sarrazin, Florian Gathmann über Grüne auf Rekordhoch , Hendrik Ternieden über blutigen Protest bei Stuttgart 21

OKTOBER

Klaus Ehringfeld erlebte die Rettung chilenische Bergarbeiter , Simone Utler berichtete über giftigen Rotschlamm in Ungarn , Annette Langer verfolgte einen Kinderpornografie-Skandal in Belgien

NOVEMBER

Ole Reißmann und Christoph Seidler über die Castor-Transporte nach Gorleben, Yassin Musharbash über Terror-Alarmismus , Frank Patalong über IT-Sicherheit und Christian Stöcker über die Nöte von Journalisten, die ständig über Google schreiben müssen.

DEZEMBER

Yasmin El-Sharif fragt sich, wie sich die Hartz-IV-Debatte auf Kinder auswirkt, Marc Pitzke dokumentiert die Rückkehr der Gier an der Wall Street , Christoph Seidler war Augenzeuge beim Klimagipfel in Cancún , Sven Böll warnt vor teutonischer Euro-Arroganz und Niels Reise fragt sich, wohin Schweden steuern wird.