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20. Februar 2012, 17:21 Uhr

Schweden

Das Rätsel um den Schneemann

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Zwei eiskalte Monate überwinterte ein 44-jähriger Schwede in seinem Wagen und ernährte sich nur vom Schnee. Während die Polizei über die Gründe rätselt, sagt ein früherer Nachbar: "Mich überrascht das nicht."

Der schwedische Polizist Ebbe Nyberg weiß, wie unglaublich diese Geschichte klingt. "Wir würden uns so etwas nicht ausdenken", sagt er. "Der Rettungsdienst war doch auch vor Ort, und er hat das gleiche gesehen wie wir."

Die Bilder vom vergangenen Freitag waren so bizarr, dass sie am Wochenende um die Welt gingen. Die BBC hat über jenen 44-jährigen Mann berichtet, der zwei Monate in seinem Auto überwintert haben soll und vermutlich nur deswegen überlebte, weil er den Schnee vom Autodach aß. Die "Huffington Post" schrieb darüber, "New York Daily News" genauso wie SPIEGEL ONLINE und fast alle schwedischen Zeitungen. Immer wieder tauchen ähnliche Fragen auf: Warum fuhr der Mann sein Auto auf einen abgelegenen Waldweg? Und warum holte er keine Hilfe?

Polizei glaubt dem Mann

Vergangenen Freitagmittag gegen 13 Uhr ging ein Anruf bei der schwedischen Polizei ein. Am Apparat ein Schwede, der gerade mit seinem Schneemobil in der Nähe von Umeå unterwegs war, einer Stadt rund 640 Kilometer nördlich von Stockholm. Auf einem Waldweg, etwa 1,5 Kilometer abseits der E4, die die Städte Umeå und Sävar verbindet, hatte er einen völlig eingeschneiten Wagen entdeckt. Erst dachte er an ein Autowrack, dann schaute er hinein - und etwas im Wagen bewegte sich.

Polizei und Rettungsdienst rückten an. "Wie geht es dir", fragten die Sanitäter. "Ich hatte Essen für einen Tag und habe seitdem nur noch Schnee gegessen", soll der Mann geantwortet haben, berichtet die Lokalzeitung "Västerbottens-Kuriren". Sie fanden ihn mit seinem Schlafsack auf dem Rücksitz des Autos, umgeben von alten Kaffeebechern, die im Wagen lagen, Getränkedosen, Zigarettenkippen und Comic-Heften.

Allein konnte er sein Auto nicht verlassen, zu schwach war er. Die Sanitäter holten ihn heraus, legten ihn auf eine Trage und brachten ihn ins Norrlands Universitätskrankenhaus in Umeå. Er sei sehr mager, in schlechter körperlicher Verfassung und habe kaum sprechen können, sagte der Polizist Nyberg.

Seit dem 19. Dezember habe er das Auto nicht verlassen, erzählte der Mann der Polizei. Und die wüsste nicht, warum sie ihm nicht glauben sollte - auch wenn die Geschichte noch so unglaubwürdig klingt.

Der Waldweg, auf dem er parkte, wird im Winter nicht geräumt. Anfang Dezember ist in der Gegend ein halber Meter Schnee gefallen, seitdem blieb das Thermometer weit unter Null, teilweise fiel es auf Minus 30 Grad. "Es gab keine Fußspuren an der Stelle, weder hin zum noch weg vom Wagen", sagte Nyberg dem "Svenska Dagbladet". Womöglich konnte er wegen der Schneemassen die Tür vom Auto nicht öffnen, schreibt die Zeitung "Aftonbladet".

Das Fenster hingegen schon: Auf dem Dach finden sich zahlreiche Abdrücke, die darauf hindeuten, dass er sich dort den Schnee holte. "Es wirkte ein bisschen so", sagte Nyberg, "als habe er geplant dort zu bleiben und im Auto zu wohnen, weil er einen Schlafsack dabei hatte."

180.000 Euro Schulden?

Die Polizei weiß bislang nicht, warum er das Auto dort geparkt hat - und vielleicht wird sie es auch nicht mehr herausfinden. Seitdem er im Krankenhaus ist, hat sie keinen Kontakt mehr zu ihm aufgenommen, berichtet "Dagens Nyheter". Momentan sei es auch unklar, ob sie es noch tun wird. Schließlich gibt es keine Hinweise auf ein Verbrechen, auch wurde der Mann nicht als vermisst gemeldet.

Schwedische Journalisten sprachen allerdings mit Nachbarn und Verwandten und zeichnen ein Bild von einem Mann, der vermutlich wegen finanzieller und persönlicher Probleme abtauchte.

Er stammt aus der Nähe von Örebro, etwa 200 Kilometer westlich von Stockholm. Sein Geld soll er unter anderem im Immobilienbereich verdient haben - bis es im vergangenen Jahr finanziell eng für ihn wurde. 1,6 Millionen Kronen Schulden soll er gehabt haben, rund 181.000 Euro.

Auch die Beziehung zu einer Freundin sei in die Brüche gegangen, berichtet ein Bekannter. "Die ganze Situation wurde wohl übermächtig für ihn", zitiert "Svenska Dagbladet" einen Nachbarn. "Eines Tages im vergangenen Herbst verließ er die Stadt", sagte ein Bekannter "Dagens Nyheter". "Keiner wusste wohin, aber später hörten wir, dass er irgendwo im Norden sein soll." Als sie dann in den Nachrichten von einem Mann im eingeschneiten Auto hörten, dachten sie sofort: Das muss er sein. "Mich hat nicht überrascht, dass er es war", sagte der Bekannte.

"Aftonbladet" hat auch mit dem Vater des Mannes gesprochen. "Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist", sagte er der Zeitung. "Ich habe ihn seit über 20 Jahren nicht gesehen." Er habe damals zu allen Verwandten den Kontakt abgebrochen.

Physisch ist der Mann inzwischen zumindest auf dem Weg der Besserung: "Dem Mann, der in einem Auto in Umeå gefunden wurde, geht es den Umständen entsprechend gut", teilte der zuständige "Landsting", der Provinziallandtag, in einer Presseerklärung mit. "Es werden keine weiteren Informationen mitgeteilt."

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