Museum der gescheiterten Produkte Wer will schon grünen Ketchup?

Plastikfahrrad, Donald-Trump-Brettspiel, Cola Blak - die Geschichte gescheiterter Produkte ist lang. Kurator Samuel West zeigt die Flops und spricht über Innovation und Misserfolg.

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Ein Interview von


Die Welt der gescheiterten Geschäftsideen ist groß, vielfältig und nicht selten bizarr: Der Zahnpastahersteller Colgate brachte in den Achtzigerjahren Tiefkühllasagne auf den Markt. US-Präsident Donald Trump wollte mit seinem eigenen Gesellschaftsspiel Monopoly Konkurrenz machen. Und eine schwedische Firma baute ein Fahrrad aus Plastik.

In manchen Fällen waren die Ideen hinter den Produkten kurios, in anderen konnten sich die Hersteller schlicht nicht gegen Konkurrenten durchsetzen. Eines aber haben alle Ausstellungsstücke im "Museum des Scheiterns" gemeinsam: Früher oder später floppten sie auf dem Markt.

Im schwedischen Helsingborg präsentiert Kurator Samuel West misslungene Erfindungen aus aller Welt: Dinge, von denen sich die Hersteller großen Erfolg versprochen hatten, die letztlich aber scheiterten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Kurator über seine Vision, über Innovation und den Umgang mit Misserfolgen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee für das "Museum des Scheiterns" gekommen?

West: In den vergangenen acht Jahren habe ich zum Thema Innovation geforscht. Irgendwann merkte ich, dass ich nur noch die gleichen Geschichten las: von Unternehmern, die Produkte kreierten und damit erfolgreich waren. Es hat mich gelangweilt, nur Erfolgsgeschichten zu lesen. Ich interessierte mich für die Misserfolge. Denn 80 bis 90 Prozent aller unternehmerischen Projekte scheitern.

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Gescheiterte Produkte: Colgate-Lasagne und Horror-Schönheitsmaske

SPIEGEL ONLINE: Welchen Zweck verfolgen Sie mit der Ausstellung?

West: Es ist mir ein Anliegen, dass wir überdenken, wie wir gesellschaftlich mit dem Thema Scheitern umgehen. Wir verherrlichen Erfolge und verteufeln Misserfolge. Das ist falsch, denn aus dem Scheitern lernt man viel mehr als aus Erfolgen. Diese Haltung zum Thema macht die Menschen risikoscheu. Das ist problematisch, denn als Gesellschaft müssen wir Probleme lösen - und das setzt ein gewisses Risiko voraus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Voraussetzungen muss ein Ausstellungsstück erfüllen, damit Sie es präsentieren?

West: Es gibt zwei Voraussetzungen: Es muss sich um eine Innovation handeln. Und diese Innovation muss gescheitert sein. Das Samsung Galaxy Note 7, bei dem es zu Akku-Explosionen gekommen war, haben wir zum Beispiel nicht aufgenommen. Denn das war ein Fall von Versagen in der Produktion, nicht bei der Innovation.

SPIEGEL ONLINE: Haben sie ein Lieblingsstück in der Ausstellung?

West: Das ist so, als würde man mich fragen, welches meiner Kinder ich am meisten liebe. Kein Kommentar.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, was sie gerne in der Ausstellung gezeigt hätten, es aber nicht konnten?

West: Ich hätte gerne soziale Innovationen gezeigt. In den Siebzigerjahren haben wir in Schweden soziale Wohnsiedlungen mit günstigem Wohnraum gebaut. Das war eine noble Idee. Heute wissen wir aber, dass diese Idee gescheitert ist. Denn diese Siedlungen sind die sozialen Brennpunkte von heute. Wir hatten einfach nicht genug Platz, um dies in der Ausstellung zu zeigen. Wir werden aber im September eine größere Ausstellungsfläche hier in Helsingborg beziehen. Wir werden uns dann eine Möglichkeit überlegen, dies sinnvoll darzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Besucher auf die Ausstellung?

West: Mir haben Besucher der Ausstellung gesagt, dass sie es als befreiend empfinden zu sehen, dass selbst die ganz Großen mit ihren Ideen scheitern. Sie sagen sich: "Wenn Google scheitern kann, dann muss auch ich mich nicht schämen, wenn ich scheitere." Ich habe aber auch Freunde, die mich aufziehen. Sie sagen: Wäre es nicht lustig, wenn das "Museum des Scheiterns" scheitern würde?



insgesamt 29 Beiträge
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adhortator 07.06.2017
1. Teleguide...
in Frankreich war das Minitel ein Riesenerfolg; kein Vergleich zum Nischendasein von BTX in Deutschland.
bissig 07.06.2017
2. Ship happens
Die Tasse würde ich sofort kaufen
dergenervte 07.06.2017
3. Betamax
Betamax ist kein Flop gewesen. Es konnte sich zwar im Heimbereich nicht durchsetzen, Aber im professionellen Bereich wurde Betamax bis zur Digitalisierung der Aufzeichnung verwendet. Leider ist das beste Videosystem (Video 2000) von Grundig und Phillips ein Flop gewesen.
Knossos 07.06.2017
4. Kommerzielles scheitern muß kein technisches sein
Als Rauschfiltersystem zur Zeit der Kassetten war High-Com unschlagbar. Im Gegensatz um Produkt des Konkurrenten Dolby, welches nur bedingt und grundsätzlich miserabel funktioniert(e), weil es den HF-Bereich gleicht mit entsorgte, machte sich High-Com ganz hervorragend, ohne in irgend einer Weise klangliche Einbußen einzubringen. Dennoch blieb es ein kommerzielles Stiefkind. Blaupunkt war ebenso wie AEG viel zu gut für die Einweg-Wirtschaft und Luxmann (in einer seiner Perioden) gleichfalls nicht von Pappe, bis sie allesamt Firmenhändlern zum Spielball wurden. Meinereines besaß einst ein, den sogenannten Bonanza-Rädern ähnliches, Fahrrad, daß um Klassen besser konstruiert und sehr edel verarbeitet war. Ebenfalls eine Sternschnuppe. Und gegen Fahnen gab es ein unfehlbares Produkt namens Desaquick, das selbst Knobi oder Alkohol per Sauerstoff ad hoc in die Flucht schlug. Das Produkt wurde nach Übernahme der Firma ebenfalls aus unergründlichen Anlaß eingestampft. Intel war nicht in der Lage über seine Aluminium-basierte CPU-Technik hinauszukommen und AMD ihnen in den Neunzigern weitaus überlegen. Intel-Chips fänden heute allenfalls in Küchengeräten Verwendung, wenn die MS-Intel-Allianz und damit verbundene Architektur um den Hauptprozessor herum nicht zur erzwungenen Herausgabe von AMDs Patent geführt hätte. Es gab wohl eine Menge, das praktisch vorzüglich war, aber sich aus unterschiedlichen Gründen, wie etwa dem Treiben monopolistischer Übermacht oder Ziele, den Absatz von Minderwertigem nicht zu gefährden, entweder nicht am Markt zu etablieren vermochte, einkassiert oder strategisch sabotiert wurde. Eine gewiß ausreichende Zahl an Produkten, um in dem schwedischen Museum eine extra Abteilung mit gelungenen Dingen zu füllen, welche den irrationalen Teil des Marktes zu erhellen, bedauern und vielleicht einmal zu meiden hülfen.
Knossos 07.06.2017
5. Ps:
Die Schöpfer der Kreditkarte machten auch eine Bauchlandung. (`meine mich zu erinnern, wie die Welt darüber frotzelte.) Andere kauften den Rest vom Schützenfest später billig auf und bekamen das Ding zum rollen.
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