Päpstliche Leibwache in der Krise Helm ab für die Schweizergarde

Der Chef gefeuert, die Mannschaft verunsichert: Im Vatikan steckt die pittoreske Schweizergarde in einer tiefen Krise. Wird die Truppe zur bloßen Touristenattraktion abgestuft - oder gar ganz abgeschafft?

DPA

Sie haben sich in Stücke hauen lassen, damals bei der Plünderung Roms durch deutsche, spanische und italienische Landsknechte. 147 der 189 Gardisten starben, als sie im Mai 1527 die Flucht von Papst Clemens VII. in die Engelsburg deckten. Genutzt hat es zwar nicht viel, bald darauf musste sich der Papst ergeben. Aber den Ruf der Schweizergarde hat es begründet, ihren katholischen Herren "treu, redlich und ehrenhaft" zu dienen. So schwört es noch heute jeder Gardist, "bereit, wenn es erheischt sein sollte, selbst mein Leben für sie hinzugeben".

Seit 1506 verdingen sich in der Schweiz rekrutierte Söldner den Päpsten als Palast- und Leibwache. Jetzt, nach fünf Jahrhunderten, könnte damit plötzlich Schluss sein. Seit Wochen schwirren Gerüchte durch Rom, wonach die Garde allenfalls als fotogene Trachtengruppe überleben soll. Italienische, aber vor allem Schweizer Medien präsentieren immer neue Gardisten, die - natürlich anonym - das Schlimmste befürchten.

Was der amtierende Papst mit der traditionsreichen Truppe tatsächlich vorhat, weiß vermutlich niemand, vielleicht noch nicht einmal er selbst. Dass es Veränderungen in oder mit der kleinsten Armee der Welt geben wird, ist dagegen für viele im Vatikan ganz sicher. Und es gäbe ja auch eine Alternative zur Garde: die Gendarmeria Vaticana, die Vatikan-Polizei.

150 Italiener gegen 110 Schweizer

Schon lange mäkelte der scheidende Gardekommandant Daniel Anrig, dass die Polizei mit ihren rund 150 meist italienischen Mitgliedern seine 110 Mann starke Truppe immer mehr verdränge. Als vor zwei Jahren Polizeichef Domenico Giani von einer mächtigen katholischen Laienvereinigung (Tu es Petrus) als "Schutzengel des Papstes" gewürdigt wurde, platzte Anrig der Kragen. Das Prädikat stehe seiner Garde zu, die sei seit Jahrhunderten in der Pflicht, beschwerte er sich in einem Brief an den Papst. Das war wohl nicht klug.

Still, aber zielstrebig hatte sein Gegenspieler Giani nämlich seine Gendarmen professionell schulen lassen, unter anderem beim amerikanischen FBI. Er schuf eine "schnelle Eingreiftruppe", die den Einsatz bei möglichen Terrorattacken trainiert. Während die Garde mit malerischen Kostümen, Schwertern und Hellebarden die Zugänge zur Vatikanstadt bewacht, kümmert sich die Polizei unauffällig um Ordnung und Sicherheit im päpstlichen Hoheitsgebiet.

Locker-freundlich oder militärisch-martialisch

Dabei treten die Polizisten nicht martialisch auf. Gerade, wenn sie in kurzärmeligen Uniformhemden den Verkehr regeln oder Besuchergepäck kontrollieren, wirkt das freundlich-locker. Sogar lachen und scherzen dürfen die Gendarmen - was bei den Gardisten verpönt ist.

Papst Franziskus beeindruckte die lockere Effizienz der Polizei, während ihm die Schweizer Militaria-Kultur zunehmend missfiel. Das änderte sich nicht, als auch Kommandant Anrig seine Männer aufrüstete, mit neuer Bewaffnung und Nahkampftraining. Denn all das praktizierte der Schweizer auf eine Art, die der argentinische Papst schon als Bischof in seiner Heimat nicht mochte: mit dumpfem Drill.

Man dürfe während des Dienstes nichts trinken, werden Gardisten in den Medien zitiert. Zwölf-Stunden-Schichten seien nicht selten gewesen. Wer patzte, wurde hart bestraft: Eine zweiminütige Verspätung zog leicht eine Woche Ausgangssperre nach sich.

Schon in der Schweiz, ehe er in Rom Gardekommandant wurde, hatte Anrig als Rambo von sich reden gemacht. 2003 zum Beispiel war er als Kripo-Chef im Kanton Glarus mitverantwortlich für eine Razzia in einem Asylbewerberheim. Die Bewohner wurden dabei ausgezogen und gefesselt; mit einem Stoffsack über dem Kopf hielt man sie stundenlang fest. Ein 16-jähriger Asylbewerber sprang vor Angst aus dem Fenster und verletzte sich schwer. Die Drogen, die die Ermittler in der Einrichtung vermutet hatten, wurden nie gefunden.

Acht-Zimmer-Luxuswohnung für den Gardechef

Nachdem er Chef der vatikanischen Garde wurde, verlor Anrig "jede Bodenhaftung", sagen Mitglieder der Truppe. Er ließ sich eine 380-Quadratmeter-Wohnung im Vatikan ausbauen - acht Zimmer, vier Bäder, ein großer Salon. Dreimal so groß wie die Bleibe seines Vorgängers. Schließlich habe er Frau und vier Kinder, rechtfertigte er sich.

Solches Privileg - Frau und Kinder - haben in der Schweizergarde nur die Oberen. Man solle doch auch den einfachen Gardisten die Ehe erlauben, schlug der Papst vor. Anrig wehrte ab: Es gebe zu wenig Wohnraum.

Etliche junge Schweizer hatten ihre Sorgen dem Papst schon zukommen lassen, als der kürzlich deren Kantine besuchte. Er traf dort auf übermüdete Gardisten in Uniform, heißt es, und habe sie gefragt, ob sie sich nicht setzen und etwas trinken wollten. Das sei ihnen untersagt, sei die Antwort gewesen.

Das war es dann für den Kommandanten.

Anfang des Monats, als gerade die Schweizer Bischöfe dem Heiligen Stuhl ihre Aufwartung machten, verlautbarte der Vatikan, der Papst habe dem Wunsch des Gardekommandanten Anrig entsprochen und ihn zum Jahresende freigestellt. Tatsächlich hat Franziskus den martialischen Schweizer gefeuert. Das bestätigte dieser selbst im "Tagesbefehl zum 2. Dezember 14": Er nehme "vom Wunsch des Heiligen Vaters Franziskus Kenntnis", informiert er seine Truppe, "dass er eine Erneuerung an der Spitze des Korps wünscht". Die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" hatte die Anrig-Zeilen als Faksimile veröffentlicht.

Aber auch diese letzte Szene im letzten Akt hat der Chef der Schweizergarde nicht begriffen. Franziskus will nicht nur einen neuen Kommandanten, er will eine neue, ganz andere Garde. Eine, die zu ihm passt, zu einer Kirche, wie er sie sich vorstellt: menschlich, freundlich, verzeihend statt strafend.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
dr. ch. bernhart 19.12.2014
1. Das wäre der Anfang vom Ende des Papsttums
Ein Papst kann die Schweizer Garde nicht abschaffen, sie beruht auf göttlichem Recht. Wer soll den Papst den vor den Barbaren schützen wie am 6. Mai 1527, heute stehen die Islamisten vor der Tür, wohl sicher nicht die italienische Armee
zerr-spiegel 19.12.2014
2. Trachtentruppe?
Also da habe ich schon anderes gelesen und gesehen. Die "Trachtentruppe" steht nur für die Touristen rum. Die sind aber alle sehr gut militärisch ausgebildet und modern bewaffnet. Und ganz ehrlich: auf italienischstämmige Polizisten würde ich mich nicht verlassen wollen. Deren Loyalität dürfte im Zweifel Italien gelten. Die Schweiz wird ja wohl eher nicht in Vatikanstadt einmaschieren.
eldoloroso 19.12.2014
3. Olle Kammellen
Tach, Der Kompetenzstreit zwischen Gendarmeria und Schweizergarde ist so alt wie das Gendarmieriekorps - also rund 200 Jahre. Nach der Abschaffung der Nobel- und Palatingarde anno 1970 nahm dieser Urstreit etwas an Schärfe zu, ansonsten ändert sich wenig: Gendarmerie organisiert den Polizeidienst, die Schweizergarde den Wachdienst sowie Schutz von Kardinälen und natürlich dem Papst. Dass Franziskus nun die Garde grossartig umbaut glaube ich nicht. Anrig war als Gardeoffizier alter Schule zwar nicht nach seinem Geschmack und musste weg, dabei wird es aber wohl bleiben.
nichtfritz 19.12.2014
4. göttlich,
Zitat von dr. ch. bernhartEin Papst kann die Schweizer Garde nicht abschaffen, sie beruht auf göttlichem Recht. Wer soll den Papst den vor den Barbaren schützen wie am 6. Mai 1527, heute stehen die Islamisten vor der Tür, wohl sicher nicht die italienische Armee
dass Sie sich ausgerechnet auf das "göttliche Recht" berufen... Der Papst ist nach der römisch-katholischen Lehre der Stellvertreter Gottes auf Erden, das Votum der Kardinäle bei der Papstwahl durch den Heiligen Geist generiert. Der Papst kann mithin nicht nur mit der Schweizer Garde machen, was immer er will - es ist die vox Dei, also Gottes Stimme, die da spricht...
nichtfritz 19.12.2014
5. Ja,
Zitat von zerr-spiegelAlso da habe ich schon anderes gelesen und gesehen. Die "Trachtentruppe" steht nur für die Touristen rum. Die sind aber alle sehr gut militärisch ausgebildet und modern bewaffnet. Und ganz ehrlich: auf italienischstämmige Polizisten würde ich mich nicht verlassen wollen. Deren Loyalität dürfte im Zweifel Italien gelten. Die Schweiz wird ja wohl eher nicht in Vatikanstadt einmaschieren.
insbesondere nach dem, was in Genua 2001 abging, möchte ich mit "italienischstämmigen Polizisten" auch ungern Erfahrungen sammeln, aber Ihr Vertrauen in ausgerechnet Schweizer zu stecken? Das hat was von der Wahl zwiwchen Pest und Cholera, die einen so vertrauenerweckend wie die anderen...
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