Schwere Brände in Russland: "Betet dafür, dass es regnet!"
Die verheerenden Wald- und Torfbrände in Russland werden zur nationalen Katastrophe. Der orthodoxe Patriarch Kirill lässt nun die Menschen für Regen beten. Mehr als 100.000 Hektar Wald stehen in Flammen.
Moskau - Für Dmitrij Medwedew ist es eine Naturkatastrophe, die sich "wahrscheinlich einmal in 30 oder 40 Jahren" ereignet, wie er in einem Fernsehinterview sagt. Vielleicht ist es sogar mehr. Der russische Präsident muss jedenfalls gerade dabei zusehen, wie die verheerenden Brände in seinem Land immer weiter um sich greifen. Nach Angaben des Katastrophenschutzministeriums stehen mittlerweile weit mehr als 100.000 Hektar Wald in Flammen.
Neben dem europäischen Teil Russlands ist mittlerweile auch der ferne Osten des Landes von den Feuern betroffen, vor allem die Halbinsel Kamtschatka. Bis Sonntagmorgen waren nach Angaben der Katastrophenschützer 774 Feuer gemeldet worden, davon allein seit Samstag 369. Bislang kamen etwa 30 Menschen in den Flammen ums Leben. Rund 1900 Häuser wurden zerstört. Dazu kommen im Umland der Hauptstadt Moskau schwere Torfbrände, die seit Tagen die Luft für die mehr als zehn Millionen Einwohner verschlechtern (siehe Fotostrecke).
Weil große Teile der Ernte vernichtet wurden, stehen Tausende Bauern vor dem Ruin. In Russland herrscht derzeit die größte Hitze seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. In Moskau war es am Donnerstag mit 38,2 Grad Celsius so heiß wie noch nie seit 160 Jahren. Für die kommenden Tage sagen Meteorologen für die Region Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius voraus. Regen gibt es kaum.
Der orthodoxe Patriarch Kirill hat die Menschen mittlerweile dazu aufgerufen, für Regen zu beten. "Betet dafür, dass es regnet!", sagte er auf einem Gottesdienst in der Region Nischni-Nowgorod. Das Katastrophenschutzministerium warnte unterdessen vor weiteren Waldbränden. Bei Temperaturen um die 40 Grad Celsius und Windgeschwindigkeiten von 20 Metern pro Sekunde drohten neue Feuer. Bereits jetzt sind insgesamt 238.000 Feuerwehrleute, 25.000 Fahrzeuge und 226 Flugzeuge und Hubschrauber bei der Brandbekämpfung im Einsatz. Die Behörden haben in 14 Regionen den Ausnahmezustand verhängt.
Deutschland bietet Hilfe an
Zwar konnten in einigen Gebieten die Feuer unter Kontrolle gebracht werden, andernorts breiten sich nun aber neue Brände aus. Betroffen sei insbesondere die Region Mordowia und die Umgebung der Industriestadt Togliatti, sagte eine Sprecherin des Katastrophenschutzministeriums. In der stark in Mitleidenschaft gezogenen Region Woronesch seien die Feuer dagegen unter Kontrolle.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hat den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl ausgesprochen. Falls gewünscht, werde geprüft, inwieweit Deutschland medizinische Hilfe leisten könne. Auch Notunterkünfte und Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung gehörten zur Katastrophenhilfe, erklärte das Auswärtige Amt. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin will für die Unterstützung der Obdachlosen mehr als hundert Millionen Euro bereitstellen lassen.
Die Brände sorgen auch für innenpolitische Kontroversen in Russland. Ministerpräsident Putin hat die Provinzverwaltungen dafür kritisiert, dass nicht alles getan worden sei, um das Ausmaß der Brände zu vermeiden. Er kündigte Konsequenzen für die Verantwortlichen an.
Dagegen geben zum Beispiel der Bürgermeister von Murmansk, Sergej Subbotin, und auch Oppositionspolitiker der Führung in Moskau die Schuld an der Katastrophe. "Das ganze Land brennt, das ganze System der politischen Macht!", sagte Subbotin der Zeitung "Kommersant". Moskau lasse den Provinzen seit Jahren keinen Freiraum zum eigenständigen Handeln, kritisierte die Opposition. Außerdem habe das Land keine Umweltpolitik, schimpfte der Chef der liberalen Jabloko-Partei, Sergej Mitrochin.
chs/reuters/afp/apn/dpa
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