Hakenkreuz-Glocke in Schweringen "Wie gehen wir mit diesem Erbe um?"

Im niedersächsischen Schweringen haben Unbekannte ein Hakenkreuz von der Kirchturmglocke geflext. Offenbar will keiner im Ort das NS-Symbol wiederhaben - und trotzdem sind einige unzufrieden.

Kirchenglocke in Schweringen
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Kirchenglocke in Schweringen


Andreas Kuhlmann will eigentlich nichts mehr sagen zu dieser Sache, aber dann sagt der Vorsitzende des Kapellenvorstands von Schweringen doch etwas. Nein, er wolle keine Strafanzeige stellen. Natürlich nicht, ein weggeflextes Hakenkreuz sei kein Verlust. Außerdem: Eine Strafanzeige, Ermittlungen, Verdächtigungen, wie solle die Kirchengemeinde da zur Ruhe kommen? Und darum gehe es jetzt schließlich - endlich Frieden einkehren zu lassen.

Ob der niedersächsischen Gemeinde dieser Frieden vergönnt sein wird, ist allerdings offen. In der vergangenen Woche entfernten Unbekannte eigenmächtig ein 35 mal 35 Zentimeter großes Hakenkreuz und eine Inschrift von der Kirchturmglocke, vermutlich mit einer Flex. Der Vorfall wurde am Dienstag bekannt, erregte bundesweite Aufmerksamkeit und markiert den vorläufigen Höhepunkt eines langwierigen Streits: Seit im vergangenen September bekannt geworden war, was da auf der Glocke prangt, diskutiert die Gemeinde über den Umgang mit ihrem braunen Erbe. Nun hat die Flex Fakten geschaffen.

Auch Pastor Jann-Axel Hellwege will keine Strafanzeige stellen, wie er der "Bild"-Zeitung sagte. Doch die Landeskirche Hannover prüft, ob es sich um eine strafbare Sachbeschädigung handelt. Und bei der Polizei ist mittlerweile eine erste Anzeige eingegangen. Die stamme allerdings nicht von Vertretern der Kirchengemeinde, sagt Polizeisprecher Axel Bergmann. Den kompletten Sachverhalt samt Anzeige würden die Beamten demnächst der Staatsanwaltschaft vorlegen; die entscheide, ob es zu Ermittlungen komme.

Beschädigte Glocke
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Beschädigte Glocke

Dass die 1,2 Tonnen schwere Glocke ernsthaft Schaden genommen hat, erscheint indes unwahrscheinlich. "Klanglich kann sich eigentlich nicht viel verändert haben", sagt Hanns Martin Rincker, Glockengießer aus dem hessischen Sinn und Vorsitzender des Verbands Deutscher Glockengießer. Sein Familienunternehmen wartet 3500 Kirchturmglocken in ganz Deutschland, darunter auch die in Schweringen.

Im Verhältnis zur Größe der Glocke, sagt Rincker, sei offenbar wenig Metall verloren gegangen, so zumindest wirke es aus der Entfernung. Vor Ort wird ein Sachverständiger die Glocke untersuchen. Sollte er dabei doch einen klanglichen Schaden entdecken, dürfte dieser irreparabel sein. Wie alle Glocken aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stehe auch die Schweringer Glocke unter Denkmalschutz, sagt Rincker. Das heißt: Selbst bei Beschädigungen dürfe man sie nicht zurechtschleifen. Eine neue Glocke derselben Größe koste etwa 10.000 Euro, sofern das alte Metall verwendet werde.

"Wie ist es zu dieser Glocke gekommen?"

Doch selbst wenn die Glocke noch zu retten ist, wird sie die Schweringer Kapellengemeinde wohl weiterhin beschäftigen. "Der oder die Täter haben uns überrumpelt und das ärgert mich", sagte Pastor Hellwege der "Bild". "Dabei wollten wir im Mai darüber beschließen, wie es weitergeht." Seit September war die Glocke vorläufig stillgelegt. Im März entschied der Kirchenvorstand der Gemeinde: Sie solle wieder läuten und nicht ersetzt werden.

Hellwege beanstandete den Beschluss und verwies auf Verfahrensfehler. Für die Dauer des Beanstandungsverfahrens sollte die Glocke stumm bleiben, das aber reichte den unbekannten Tätern offenbar nicht. "Ich hätte es gern als Denk- und Mahnmal erhalten und hoffe, dass kein Gras über die Angelegenheit wächst", sagte Hellwege nun. "Wir müssen im Dialog bleiben."

Das fordert auch die Landeskirche Hannover. Die Kirchengemeinde müsse die Geschichte der Glocke aufarbeiten. "Wie ist es zu dieser Glocke gekommen, wie gehen wir mit diesem Erbe um, wie mit der Tatsache, dass diese Glocke jahrzehntelang zum Gebet gerufen hat?", sagt Sprecher Benjamin Simon-Hinkelmann. Laut Oberlandeskirchenrat Rainer Manusch hat der Vorfall die Aufarbeitung eher erschwert als vorangebracht: "Die notwendige Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Folgewirkungen in der Gegenwart lässt sich nicht mit einer 'Flex' bewältigen."



insgesamt 63 Beiträge
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heinzgünther 04.04.2018
1. Ich lach mich weg
"Der oder die Täter haben uns überrumpelt und das ärgert mich", sagte Pastor Hellwege der "Bild". "Dabei wollten wir im Mai darüber beschließen, wie es weitergeht." Jap, ist erst ein paar Jahre her mit der Nazizeit, wirklich kaum genug Zeit sich darüber gedanken zu machen.
didel-m 04.04.2018
2. Selber weggeflext
Nach allem was man so liest, haben die das selber weggeflext. Schon der Krach allein -es ist ne Glocke!! - hätte den ganzen Ort hochgeschreckt. Also wussten alle Bescheid. Man will eben seine Ruhe haben. Problem gelöst. Das Ding sieht sowieso nie einer da oben, es soll schließlich gehört werden.
adhortator 04.04.2018
3. ...mit der Flex..
...Geschichte entfernen ist keine Lösung
Mike1108 04.04.2018
4. Geschichtsleugnung
Hakenkreuze von historischen Glocken zu flexen ist Geschichtsleugnung.... Nicht mehr und nicht weniger
götzvonberlichingen_2 04.04.2018
5. Aha
Ich bin bisher davon ausgegangen das Nazi Symbole - und dazu gehört ja wohl das Hakenkreuz - bei uns verboten sind. Wo selbst Computerspiele nicht zugelassen werden, wenn dort Hakenkreuze zu sehen sind - wie kann es sein das seit über einem halben Jahrhundert ein Nazisymbol auf der Glocke angebracht ist? Wenn der Pastor sich jetzt überrumpelt fühlt, sollte er sein Zeitgefühl überprüfen lassen. Zeit zum Nachdenken war ja nun lange genug vorhanden.
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