Lesung von Maria Langstroff: Im Rampenlicht

Von , Marburg

Maria Langstroff ist 25 Jahre alt und todkrank. Sie lebt im abgedunkelten Zimmer eines Pflegezentrums, ihr Bett kann sie nicht verlassen. Nun hat sie ihrem Körper einen Trumpf abgetrotzt - und ist für ein paar Stunden in ihr altes Leben an der Uni zurückgekehrt.

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Philipps-Universität Marburg

Lesung mit Maria Langstroff: "Einer der schönsten Tage in den letzten drei Jahren"

Sie kommt rein, wo es eigentlich nur raus geht. Als die Rettungsassistenten Maria Langstroff auf ihrer Trage langsam durch den Notausgang in den Hörsaal schieben, ist kaum etwas zu hören. Die Stille macht Geräusche wahrnehmbar, die sonst verschluckt würden: ein schweres Atmen, ein Reißverschluss, der geschlossen wird.

Das Bett der jungen Frau wird direkt vor die erste Reihe geschoben. Maria Langstroff ist festgeschnallt, weil ihr Körper manchmal unkontrolliert zuckt. Sie trägt eine Stoffmütze und eine dunkle Sonnenbrille. "Ich dachte, mein Herz bleibt stehen", wird die 25-Jährige diesen Moment später beschreiben. Sie kehrt noch einmal an ihre Uni in Marburg zurück, in ihr altes Leben, das sie längst verloren hat.

Maria Langstroff leidet an einer unbekannten, fortschreitenden Muskelkrankheit. Sie ist fast komplett gelähmt, kann kaum noch sehen und reagiert mit Krampfanfällen auf helles Licht. Ihre Ohren nehmen Geräusche extrem sensibel wahr, vor allem, wenn sie überraschend kommen. Weil sie kaum noch schlucken kann, wird sie künstlich ernährt. Nun hat sie zum ersten Mal seit Monaten ihr abgedunkeltes Zimmer in einem Gießener Pflegeheim verlassen. Für das Rampenlicht.

Langstroff liest aus ihrem Buch "Mundtot!?". Es handelt von den Diskriminierungen, die sie als Behinderte erfahren hat. Sie will gehört werden, und in einem Einzelzimmer im Pflegeheim wird man nicht gehört.

Ein Intensivtransporter brachte sie zum Unigebäude, parkte dahinter auf einem schmalen Weg. An ihrer Seite: Ein Notarzt und zwei Rettungsassistenten. Ein guter Freund brachte noch schnell die Handtasche zum Wagen, denn da waren ihre Ohrstöpsel drin. Die braucht sie, weil ihre Ohren mittlerweile sehr empfindlich sind. Mit einem Fahrstuhl ging es hinein ins Gebäude, die Assistenten schoben sie um den Hörsaal herum, vorbei an der regulären Tür, verfolgt von den Blicken der Studierenden am Einlass.

Maria Langstroff war aufgeregt in diesen Minuten, telefonierte mit einer Freundin, gemeinsam sangen sie "Hänschen klein". Zur Beruhigung.

Als sie hereinkommt, rührt sich niemand im abgedunkelten Hörsaal - vom Fernsehteam einmal abgesehen. Maria Langstroff winkt mit dem rechten Arm, nur ihn kann sie noch bewegen. Da löst sich die Anspannung, die Studenten lachen erleichtert auf, klatschen. "Es geht gleich los", sagt Langstroff, wieder lachen die Leute.

Blau flimmert die Sauerstoffsättigung, der Puls blinkt grün

Der Verlag hatte ihr aus Sorge um ihre Gesundheit zunächst von der Lesung abgeraten, doch Langstroff ließ sich nicht beirren. Sie würde am liebsten alles machen. Die vielen Interviews, die Skype-Schaltungen zu Schulklassen, die Besucher im Pflegeheim - das ist jedes Mal eine unheimliche Anstrengung. Aber es ist auch eine große Chance, ihrem kaputten Körper etwas abzuringen.

Vorne in Hörsaal 0020 hält eine Verlagsmitarbeiterin den ausgedruckten Text in großen Buchstaben vor Marias Gesicht. Maria spricht gut: Wenn sie einen Arzt nachmacht, wird die Stimme tief. Wenn sie sich empört, wird sie laut. Wenn sie einen hämischen Spruch wiedergibt, dann wird auch ihr Tonfall hässlich. Und wenn sie sagt, es war ein Auf und Ab, dann macht ihre Hand dazu die passende Bewegung.

Während sie spricht, wird sie über einen Schlauch mit Sauerstoff versorgt. Ein Spucknapf steht bereit, falls sie sich übergeben muss - das kann wegen der künstlichen Ernährung vorkommen. Auf einem Monitor flimmert in einer blauen Kurve die Sauerstoffsättigung, der Puls blinkt grün. Doch das sehen die Zuschauer nicht, nur der Notarzt, der sitzt schräg hinter hier. Alles läuft gut.

Etwas mehr als 150 Leute dürften gekommen sein, viele junge Menschen, Teilnehmer des Seminars "Leben mit Behinderungen. Analyse autobiografischer Texte". Auch einige Rollstuhlfahrer sind unter den Zuhörern. Wer erkältet ist, muss draußen bleiben, wegen der Ansteckungsgefahr.

"Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid", sagt Maria Langstroff am Ende, sie weint kurz. "Tschuldigung, ich bin nah am Wasser gebaut."

Eine Frau im Rollstuhl fragt, warum Langstroff immer noch eingeschrieben ist an der Uni, wie sie all das schafft, warum sie nicht aufgibt. "Es ist ein Traum, um mich an meinem Leben festzuhalten", sagt Langstroff.

Pünktlich um 16 Uhr ertönt ein Gong, die Professorin beendet die Vorlesung. Der Saal wird nun für eine andere Veranstaltung gebraucht. Maria Langstroff bedankt sich noch einmal, sie sagt: "Das war einer der schönsten Tage in den letzten drei Jahren."

Zum Schluss malt sie noch ein Herz

"Der Körper ist meine große Sorge", hatte Langstroff zwei Tage vor der Lesung gesagt, da ging es ihr gerade wieder schlechter. "Er ist mein größter Feind." Mit der Veranstaltung hat sie ihn noch einmal herausgefordert - und bezwungen. Doch wie sie die Strapazen wirklich überstanden hat, wird sich erst in den kommenden Tagen zeigen.

Nach der Lesung sprechen einige Besucher auf dem Flur noch persönlich mit Maria. Danae, eine 20-Jährige Austauschstudentin aus Kanada, lässt sich das Buch signieren. Die Hand der Autorin muss dabei gestützt werden. "Love & Kisses, yours Maria Langstroff" steht auf der ersten Seite. Es dauert lange, die Schrift ist ein wenig krakelig. Die Studentin will das Buch schon zurücknehmen, doch Maria Langstroff gibt sich nicht zufrieden, zum Schluss malt sie noch ein Herz dazu.

Die Homepage von Maria Langstroff finden Sie hier.

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