Schwimmendes Fachwerkhaus Dynamit-Harry auf großer Fahrt

Harald Busse baute seinen Traum: die Vagabund, ein schwimmendes Fachwerkhaus mit Wohnküche, Lichtorgel und Außenbordmotor. Damit schippert er über Elbe und Spree. Ein Besuch an Bord.

Mathias Hamann

Von Mathias Hamann, Fürstenwalde


"Wissen Sie, ein Schlaganfall kann auch schön sein - einfach bumm, wenn man danach nicht wieder aufwacht, ist das ein leichter Tod." Bei Harald Busse hat es mehrfach bumm gemacht. Jedes Mal ist er wieder aufgewacht und "irgendwann so richtig". Dann fing er an, seinen Traum zu leben: Er baute ein Fachwerkhaus mit Außenbordmotor. Die Immobilie ist nicht nur mobil, sie kann schwimmen. Gerade liegt sie in Fürstenwalde, eine halbe Autostunde von Berlin gen Frankfurt, am Ufer der Spree.

Das Fundament besteht aus Aluminiumpontons. Darauf schwimmt ein Haus mit Schilfdach, vor den Fenstern blühen Geranien in Blumenkisten, dahinter 40 Quadratmeter mit Wohnküche, Bad, Schlafzimmer. "Außen Fachwerk, wie mein Haus in Bad Saarow, ich liebe Fachwerk", sagt Harald Busse und bittet in sein Reich. Vorbei geht es an Strandkorb und Schaukelstuhl, neben der Eingangstür links ein kleiner Kamin und rechts das Steuerrad. Gegenüber ein Liegesofa: "Da sitze ich gerne mit einer Tasse Kaffee - möchten Sie welchen?" Der Kapitän und Bauherr setzt Wasser auf und erzählt seine Geschichte.

"Ich war schon immer gerne auf dem Wasser", sagt Busse, geboren in Laage bei Rostock. Er redet im Berliner Dialekt mit viel "ick" und " Jemütlichkeit". In seiner Jugend hieß er Dynamit-Harry, "wenn irgendwo bei uns auf dem Dorf was explodierte, dann war ich bestimmt mit dabei". Als Erwachsener explodierte er vor Energie, wurde Bauingenieur, Immobilienunternehmer und Investor. "Eine Brauerei und einen Wasserturm habe ich schon saniert." In Fürstenwalde gehören ihm ein paar Mietshäuser. Vor 15 oder 16 Jahren hatte er die Idee, einen Traum: ein Haus zum Schwimmen zu bringen.

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Die Vagabund: Ein gelebter Traum
Harald Busse schenkt Kaffee ein, wirft den Motor an. Das Hausboot blubbert aus dem Hafen. Der Bauherr sitzt im Wohnzimmer am Steuerrad, schaut in zwei LKW-Spiegel und auf einen Monitor, der zeigt das Bild der Kamera, die er achtern angebracht hat.

"Entweder du hörst auf zu saufen oder du gehst nicht mehr angeln!"

Im Jahr 2002 hatte er den ersten Schlaganfall, zwei weitere und einen Herzinfarkt folgten. Im Herbst 2009 lag er wieder im Krankenhaus, er war damals erst 53. Ein Arzt riet ihm, eine Auszeit zu nehmen. Der Unternehmer dachte an vier Wochen, der Mediziner meinte aber Jahre, sonst wäre sein Patient bald tot. "Dit war, als ob mir jemand die Beine weghaut."

Harald Busse blieb im Krankenhaus. Bis die Diagnose stand, sollte es anfangs zwei, drei Wochen dauern. Es wurden vier Monate. "Ick hatte da ein schönet Zimmerchen mit Fernseher und Internet, richtig jemütlich." Er ruhte und schlief und wenn er nicht schlief, träumte er vom schwimmenden Fachwerkhaus. Im Internet recherchierte er, und am Ende stand der Plan. Er wusste, was er brauchte, zum Beispiel Motoren, um seitlich fahren zu können, und ein Schilfdach. Klappbar.

Er nähert sich einer Brücke: "Wollen Sie wetten, ob wir durchpassen - 20 Euro?" Er hätte die Wette gewonnen. "Im Boot habe ich vier Tanks, wenn ich die flute, liegen wir noch 20 Zentimeter tiefer."

Er hängte seinen Job an den Nagel und fing an zu bauen. Im April 2010 ging es los, drei Monate später schipperte sein Haus erstmals über die Spree. Die Angler schauten nicht schlecht: "Die haben dann daheim erzählt, dass da ein Haus auf der Spree fuhr", lacht Harald Busse. "Und ihre Frau hat ihnen dann gesagt: 'Entweder du hörst auf zu saufen oder du gehst nicht mehr angeln.'"

Bei der Abnahme kamen Prüfer vom Berliner Wasserschifffahrtsamt und der Wasserschifffahrtsverwaltung des Bundes und "fotografierten jede einzelne Schraube." Dann haben sie festgestellt: "Der Busse hat allet richtig jebaut." Nur die Kamera zum Rückwärtsfahren musste er noch ergänzen.

Die Prüfer bestaunten auch das Bad: "Mit Hänge-WC statt Chemieklo", erzählt Harald Busse stolz. Die Badschränke hat er aus dem Möbelmarkt. Die Dusche ist eine Wellnessdusche, mit Massagestrahlern, Lichtorgel; wer will, könnte auch sein Handy oder einen MP-Spieler anschließen. "Aber das hab ich noch nicht richtig verkabelt." Für Duschwasser gibt es Filter, Trinkwasser bekommt er in den Häfen.

"Einmal durch die Elisabethbrücke in Budapest fahren"

"Eigentlich bin ick'n bodenständiger Mensch, aber mein Schiff heißt Vagabund." Zwischen Strandkorb und Schaukelstuhl steht auf der Terrasse ein kleiner Mann mit Mütze, das Maskottchen, ein Vagabund. In einer Hand hält es ein Schälchen, darin befinden sich Münzen. Das schwimmende Haus hat Harald Busses finanzielle Reserven gefressen. "Ick hab' angefangen, da hatte ick 50.000 auf'm Konto und 20.000 in der eisernen Reserve." Als die 70.000 Euro verbaut waren, half die Familie mit Geld, rund 120.000 Euro kostete es insgesamt.

Er weiß, sein Schiff ist das einzige seiner Art in Europa: "Hat mein Anwalt recherchiert." Dieser beantragte einen Gebrauchs- und Geschmacksschutz. "Wer jetzt so etwas baut, muss eine Gebühr an mich zahlen." Er möchte sein Boot vermieten, für Firmenfeiern. "Die können dann aufs Wasser fahren und da grillen." Familie und Freunde lädt er schon jetzt gerne ein.

Warum gründet er kein Unternehmen und produziert weitere Häuser zum Schippern? Eine Fertigungshalle hat er tatsächlich schon gemietet. Es könnte ein Erfolg werden, wenn er es macht. Aber zu welchem Preis? Noch einen Schlaganfall? Der letzte? Lieber gondelt er über die Brandenburger Flüsse. So ist sein Boot wirklich ein gelebter Traum.

Zwei Träume hat er noch: Noch mal ein Hausboot bauen, größer, mit bewohnbarem Dachgeschoss: "Das wären dann rund 100 Quadratmeter Wohnfläche." Der andere Traum: "Einmal durch die Elisabethbrücke in Budapest fahren." Im September schippert er erst mal wieder nach Hamburg, seinen Sohn besuchen.



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nataliadirks@gmail.com, 04.09.2011
1. In der heutigen
Zeit kann ich nur jedem empfehlen zu versuchen sich aus der Umklammerung des Alltagslebens mit seiner Sklavenarbeit, seinem Multikulturellem Wahnsinn und seiner Politischen Lügenbarone zu lösen. Wohl dem der dies mental und finanziell auf die Reihe bekommt! Aber man kann dieses Freisein als ein erstrebenswertes Ziel verinnerlichen und darauf hinarbeiten. Nicht der Dicke Audi und das Einfamilienhaus macht glücklich sondern die echte, d.h. innere und äußere Freiheit. Schafft man die äußeren Rahmenbedingungen für ein glücklicheres Leben, so wie Dynamit Harry, gehts viiiiiel leichter mit der inneren Loslösung. Ich weiß wovon ich spreche. Insbesondere die Deutschen setzen viel zu häufig ein lebenlang aufs falsche, materielle Pferd. Und noch viel trauriger ist, daß insbesondere die Deutschen selbst bei größtem Fleiß, Sparsamkeit und Disziplin am Ende ihres arbeitsreichen Lebens in den Nachfolgegenerationen um ihre flüchtigen materiellen Güter beschißen werden werden.
meine_ansicht 04.09.2011
2. Das geht auch besser ...
... oder zumindest zeitgemäß für alle mit etwas mehr Geld in den Taschen, die mal einen Urlaub in Holland machen möchten: http://www.friesland-boating.nl/onze-schepen/varende-vakantiehuizen/206/varend-vakantiehuis-1#inhoud Wir waren damit in Urlaub, kann ich dafür nur empfehlen! Auf dauer dort wohnen möchte ich dennoch lieber nicht ;-)
female4 04.09.2011
3. Begeisterung
Zitat von nataliadirks@gmail.comZeit kann ich nur jedem empfehlen zu versuchen sich aus der Umklammerung des Alltagslebens mit seiner Sklavenarbeit, seinem Multikulturellem Wahnsinn und seiner Politischen Lügenbarone zu lösen. Wohl dem der dies mental und finanziell auf die Reihe bekommt! Aber man kann dieses Freisein als ein erstrebenswertes Ziel verinnerlichen und darauf hinarbeiten. Nicht der Dicke Audi und das Einfamilienhaus macht glücklich sondern die echte, d.h. innere und äußere Freiheit. Schafft man die äußeren Rahmenbedingungen für ein glücklicheres Leben, so wie Dynamit Harry, gehts viiiiiel leichter mit der inneren Loslösung. Ich weiß wovon ich spreche. Insbesondere die Deutschen setzen viel zu häufig ein lebenlang aufs falsche, materielle Pferd. Und noch viel trauriger ist, daß insbesondere die Deutschen selbst bei größtem Fleiß, Sparsamkeit und Disziplin am Ende ihres arbeitsreichen Lebens in den Nachfolgegenerationen um ihre flüchtigen materiellen Güter beschißen werden werden.
Dem kann ich voll und ganz zustimmen Natalia! ----------- Das (Boot)Häuschen gefällt mir ausserordentlich gut. Toll gebaut, mit Liebe zum Detail. Es freut mich für Harry, dass er so was sein Eigen nennt. Eine super Idee. Ich mag freigeistiges Denken und Entwickeln dieser Art sehr. Alles Gute Harry und danke für die Freude des Anschauens in Ton und Bild.
sappelkopp 04.09.2011
4. Tolle Sache...
...so ein Ausstieg, wer träumt nicht davon. Allerdings, "einen Patentantrag hat Busse schon eingereicht", den Satz verstehe ich nicht wirklich. Wofür einen Patentantrag, Hausboote gibt es seit Jahrhunderten. Was ist daran schützenswert?
Meinungsmarktbeiträger 04.09.2011
5. Mehr als ein schönes Hobby ist es nicht ...
Zitat von sysopHarald Busse*baute seinen Traum: die Vagabund, ein schwimmendes Fachwerkhaus mit Wohnküche, Lichtorgel und Außenbordmotor. Damit schippert er über Elbe und Spree. Ein Besuch an Bord. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,783840,00.html
Bei "wie mein Haus in Saarow" hege ich davon aus, dass Herr dort auch zu Hause ist. Es ist also nicht mehr als eine konstruierte Aussteigergeschichte... Wenn es darum geht, seine Träume zu verwirklichen, dann ist es traurig, dass die meisten Leute erst einen Schicksalsschlag brauchen, um den wirklichen Wert des Lebens und die bis dahin durch gesellschaftliche Zwänge eingeschränkte Freiheit zu erkennen ....
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