Schwulenbar in Jerusalem: "Außenseiter zu sein, hält uns zusammen"

Von Mounia Meiborg, Jerusalem

Jerusalem hat wieder eine Schwulenbar - in die letzte flog ein Molotow-Cocktail. Im neu eröffneten "Hamikwe" funktioniert, was sonst kaum möglich ist: Juden und Araber, Religiöse und Säkulare feiern zusammen. Sie trotzen der Homophobie, die in der Stadt immer stärker wird.

Schwule in Jerusalem: Feiern gegen die Intoleranz Fotos
Mounia Meiborg

Vorm Hamikwe hängt kein Schild. Auch Plakate gibt es keine. Jerusalem hat seit drei Monaten wieder eine Schwulenbar - aber die ist mit ihrer Werbung äußerst vorsichtig. In die letzte Schwulenbar haben strenggläubige Juden einen Molotow-Cocktail geworfen. Deswegen steht am Eingang vom Hamikwe ein Wachmann.

Hinter zwei schwarzen und dicken Vorhängen ist das vergessen. An der Bar stehen Studenten in engen Hosen und Hornbrillen. Unauffällige Typen um die 40 sitzen zusammen; aufgeregt läuft ein junger Mann im schwarzen Netzshirt herum und verteilt Küsschen. Auf der Bühne stehen zwei Männer in Lockenperücken und Abendkleidern, die sich Diva D und Kiara Duple nennen.

Heute ist Montag, Drag-Queen-Abend. Routiniert begrüßen die beiden das Publikum: "Kommt einer von euch aus dem Ausland?" Ein junger Typ mit Kippa hebt die Hand, er ist Amerikaner. "Ist auch jemand aus einem exotischen Land hier? Aus Ramallah vielleicht?" Keiner meldet sich.

Das Hamikwe liegt im Zentrum der Stadt in einer ruhigen Seitenstraße. Läuft man zehn Minuten nach Norden kommt man ins ultraorthodoxe jüdische Viertel Mea Schearim, wo die Männer aussehen wie im Stetl des 19. Jahrhunderts. Läuft man zehn Minuten nach Osten, beginnt das arabische Viertel Bab al Sahra, wo die meisten Frauen Kopftuch tragen. Und zehn Minuten Richtung Süden beginnt das säkulare, also nicht-religiöse Rechavia, wo junge Israelis ihren Müll trennen.

Nur da, wo es sich nicht vermeiden lässt, treffen sich all diese Menschen: in Einkaufsstraßen, Krankenhäusern und Ämtern. Und, wenn sie schwul sind, im Hamikwe.

Yaron Gal freut sich über jeden Gast. Der Student hat die Bar zusammen mit zwei Freunden gegründet. Er trägt Irokesenschnitt und ein kariertes Holzfällerhemd und sieht aus wie der Friedensaktivist, der er nebenberuflich auch ist. Das Besondere an der Szene in Jerusalem? "Guck mich mal an", witzelt er, "ich kann mich doch in Tel Aviver Clubs nicht blicken lassen."

In Tel Aviv gilt das Schönheitsideal von Städten, die am Meer liegen. Wie in Rio oder Los Angeles zählen Waschbrettbauch und Brustmuskeln. Die Schwulenszene ist groß: "Die Indie-Jungs gehen in diese, die Muskelmänner in jene Bars", sagt Yaron Gal. In Jerusalem, erklärt er, kann in der Szene jeder sein, wie er ist. "Außenseiter zu sein, hält uns zusammen."

In Jerusalem gewinnen die ultraorthodoxen Juden immer mehr Einfluss

Denn Israel brüstet sich zwar gern damit, das einzige homosexuellenfreundliche Land im Nahen Osten zu sein. Aber entfernt man sich mal vom Tel Aviver Strand, nimmt die Toleranz schnell ab. Vor allem in Jerusalem. Die Heilige Stadt von Juden, Muslimen und Christen hat wenig Platz für Andersartige.

Das weiß auch Omer, der an der Filmhochschule studiert. Er ist Single - "leider", sagt er. Schüchtern steht er da mit seinem Wollpulli und einem Bier. Direktes Flirten ist nicht sein Ding. Und auch online, auf der Dating-Plattform Atraf, fällt es ihm schwer, jemanden kennenzulernen. "Die meisten zeigen ihr Gesicht nicht." Sie sind entweder Araber oder religiöse Juden - oder haben Angst, diskriminiert zu werden.

Denn in Jerusalem gewinnen die ultraorthodoxen Juden immer mehr Einfluss. In den vergangenen Wochen waren sie ständig in den Schlagzeilen. Es ging darum, wie sich Frauen kleiden und wo sie im Bus sitzen sollen. Ihr Kampf gegen Schwule ist älter: Die "Jerusalem Pride"-Parade wird jedes Jahr von Protesten der Religiösen begleitet.

Auf ihren Plakaten steht "Kranke Perverse - verschwindet aus Jerusalem", oder "Schwule spielen in der Hölle, nicht in Jerusalem". Vor sieben Jahren stach ein Ultraorthodoxer mit einem Küchenmesser auf drei Demonstranten ein. Zur Legitimation für homophobe Angriffe dient die Thora. Dort heißt es im Dritten Buch Mose: "Du sollst nicht beim Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Gräuel."

All das wusste Yaron Gal, als er den Club in eine Schwulenbar verwandelte - und sie ausgerechnet Hamikwe (Die Mikwe) nannte. "Mikwe" heißt das jüdische Reinigungsbad. Selbst einige säkulare Gäste finden den Namen zu extrem. Das Bad war in jüdischen Vierteln früher ein sozialer Treffpunkt. Gal sagt: "Was in der Mikwe passiert, bleibt in der Mikwe."

Pause in der Travestie-Show, an der Bar herrscht Gedränge. Ofer - dunkler Teint, gegelte Haare, weißes Muskelshirt - bestellt ein Bier. Er wohnt in Tel Aviv, aber wenn er zu Besuch bei seinen Eltern in Jerusalem ist, kommt er ins Hamikwe. Ob einer Araber ist, gläubiger Jude oder säkular, ist Ofer egal. Im Hamikwe kennt er fast alle und langweilt sich ein bisschen. Zumal der gutaussehende dänische Tourist, mit dem er online geflirtet hat, ihn gerade ignoriert.

"In Jerusalem ist eben alles politisch, vor allem Sex"

Aus Rache spricht Ofer einen unscheinbaren Typen neben sich an. Ob er seine Kapuze nicht abziehen will? Zum Vorschein kommen Schläfenlocken. Der Junge ist vor ein paar Monaten aus den USA gekommen, seine Eltern haben ihn zum Thorastudium hergeschickt. Jetzt trinkt er im Hamikwe Cola und erklärt Ofer, dass er gar nicht schwul ist.

"Klar ist der schwul", sagt Housam, der in der Ecke steht und raucht. "Was macht er sonst hier?" Housam selbst ist Meister darin, anderen etwas vorzumachen. Er ist Araber, aufgewachsen in Ostjerusalem. Geoutet hat er sich erst, als er zum Studium auszog. Manche in seiner Familie hoffen noch immer auf ein Happy End mit Hochzeit.

Auf der Bühne verabschieden sich die beiden Diven. Sie haben in den vergangenen zwei Stunden nicht nur Barbra Streisand imitiert und Schnulzen gesungen, sie haben auch Witze gemacht: über Hitler, palästinensische Selbstmordattentäter und israelische Siedler. "In Jerusalem ist eben alles politisch", sagt Yaron Gal, der hinter der Theke Geldscheine zählt. "Vor allem Sex." Er wurde mal angespuckt, als er auf der Straße einen Kumpel umarmt hat. Und nur selten lernt er jemanden kennen, der sich traut, seine Hand zu halten.

Aus den Boxen kommt Neunziger-Jahre-Pop, die Party ist jetzt in vollem Gang. Ofer steht vor den Toiletten und wartet auf den Dänen. Im Profil guckt er, ob sein Bauch dick ist. Ist er nicht. In der anderen Kabine haben zwei Männer Sex. Der Däne kommt raus und rauscht an Ofer vorbei.

Yaron Gal steht hinter dem Tresen und sieht müde aus. "Im Moment herrscht ja fast Krieg zwischen den streng Religiösen und den Säkularen. Ich will da nicht mitmachen. Bei mir ist jeder willkommen." Auch die zwei Ultraorthodoxen, die neulich kamen, mit langen Mänteln und Hüten, in voller Montur. Einen Moment lang hat er den Atem angehalten und an den Molotow-Cocktail in der letzten Schwulenbar gedacht. Dann hat er ihnen ein Bier hingestellt.

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. Molotowcocktail?
Systemrelevanter 18.04.2012
Eine einzige "Schwulenbar" gibt es da also. Und in den Vorgänger wurde ein Molotowcocktail geworfen? Das scheint ja wirklich tolerant zuzugehen in dieser ach so freien Gesellschaft.
2. Respekt.....
w.r.weiß 18.04.2012
Zitat von sysopJerusalem hat wieder eine Schwulenbar - in die letzte flog ein Molotowcocktail. Im neu eröffneten "Hamikwe" funktioniert, was sonst kaum möglich ist: Juden und Araber, Religiöse und Säkulare feiern zusammen. Sie trotzen der Homophobie, die in der Stadt immer stärker wird. Schwulenbar in Jerusalem: "Außenseiter zu sein, hält uns zusammen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,818064,00.html)
...vor den Jungs die diese Bar betreiben!! In Jerusalem sollte es viel mehr solcher Läden geben, in denen es wirklich und tatsächlich egal ist wo man herkommt, wer man ist und woran man glaubt! The last line of defense gegen "religiösen Wahnsinn". Bei meinem nächsten Besuch in Israel komme ich garantiert auf ein Bier vorbei, versprochen!
3.
weltsichtig 18.04.2012
Zitat von sysopDenn Israel brüstet sich zwar gern damit, das einzige homosexuellenfreundliche Land im Nahen Osten zu sein. Aber entfernt man sich mal vom Tel Aviver Strand, nimmt die Toleranz schnell ab. Vor allem in Jerusalem. Die Heilige Stadt von Juden, Muslimen und Christen hat wenig Platz für Andersartige.
Dieser Satz ist ein schönes Beispiel dafür, wie man sogar etwas Positives, nämlich die Tatsache, dass Israel tatsächlich das einzige Land im nahen Osten ist, wo Schwule und Lesben keine staatliche Verfolgung befürchten müssen, ins Negative verdrehen kann. Ja, es gibt in Israel eine homophobe Minderheit, und natürlich muss dagegen vorgegangen werden (was viele Israelis übrigens schon tun, die klar Stellung beziehen gegen religiös motivierte Homosexuellen- und Frauenfeindlichkeit), aber im Gegensatz zu seinen Nachbarn ist es eben nur eine Minderheit, und ebenfalls im Gegensatz zu seinen Nachbarn stellt sich der Staat eindeutig auf die Seite der Liberalen und garantiert Homosexuellen ihre Rechte. Diese Tatsachen so zu formulieren, dass sich Israel damit "brüstet" (mit der Konnotation "brüstet sich zu Unrecht damit") ist ein Beispiel für diese Doppelmoral, die nicht zulassen kann, dass irgendetwas gut ist in Israel.
4.
marlene9000 18.04.2012
Eine sehr erfreuliche Entwicklung!
5. ...
xzz 18.04.2012
Zitat von sysopJerusalem hat wieder eine Schwulenbar - in die letzte flog ein Molotowcocktail. Im neu eröffneten "Hamikwe" funktioniert, was sonst kaum möglich ist: Juden und Araber, Religiöse und Säkulare feiern zusammen. Sie trotzen der Homophobie, die in der Stadt immer stärker wird. Schwulenbar in Jerusalem: "Außenseiter zu sein, hält uns zusammen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,818064,00.html)
Und jetzt ein Bericht über eine Schwulenbar in Ramallah oder Gaza?
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