Der Fall Alexander Jentzsch Leben und Sterben bei Scientology

Alexander Jentzsch starb mit 27 Jahren, sein Nachname ist Scientology-Kennern weltweit ein Begriff: Der Vater ist der internationale Sprecher der Organisation, die Mutter eine bekannte Aussteigerin. Die Sekte bestimmte Alexanders Leben, die Todesumstände geben Rätsel auf.

Von Mona Botros


Karen de la Carriere merkte erst nicht, was die Nachricht bedeutete. Eher beiläufig las sie, was jemand ihr auf Facebook geschrieben hatte. "Weißt Du schon, dass Alexander Jentzsch tot ist?"

De La Carriere dachte, so erzählt sie es heute, zunächst an eine Namensverwechslung. Doch es ging nicht um ihren 75-jährigen Ex-Mann Heber Jentzsch. Gemeint war tatsächlich Alexander. Ihr Sohn.

Er wurde 27 Jahre alt, er starb Anfang Juli. Sein Tod hat inzwischen eine Zahl: 2012-04365. Unter dieser Fallnummer ermitteln die Behörden von Los Angeles. Es gebe keine Zeichen äußerlicher Gewaltanwendung, nichts deute auf einen Selbstmord hin, so der Gerichtsmediziner. Gewebeuntersuchungen sollen nun Aufschluss über die Todesursache geben.

Der Name Jentzsch ist unter Scientology-Kennern weltweit bekannt. Seit 1982 ist Alexanders Vater Heber der internationale Sprecher der Organisation, bis in die neunziger Jahre war er das Gesicht von Scientology in der Öffentlichkeit. Seine Mutter wurde durch den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard persönlich rekrutiert und ausgebildet.

"Er bettelte mich an, zu unterschreiben"

Scientology meint den Grund von Alexanders Tod bereits zu kennen. In einer Rundmail verkündet sein Patenonkel, ein langjähriger Scientologe, Alexander sei an einer Reaktion auf verschreibungspflichtige Medikamente gestorben. Er habe sie genommen, da er nach einem Verkehrsunfall unter Rückenschmerzen gelitten habe. Eine überraschende Mitteilung: Bei Scientology sind Medikamente generell verpönt.

Alexander Jentzsch war ein hübscher Junge mit dunklen Augen, auf glamourösen Veranstaltungen sah man ihn Seite an Seite mit Scientology-Promis wie John Travolta und Chick Corea.

Doch sein Leben war alles andere als märchenhaft. Die Auflösung der kleinen Familie beginnt, als Alexander drei Jahre alt ist. Karen fällt bei dem Anführer von Scientology, David Miscavige, aufgrund einer unbedachten Äußerung in Ungnade. Er ordnet die Trennung von Karen und Heber an, 1988 folgt die Scheidung. Alexander wohnt fortan bei seiner Mutter, dem Vater wird eine Zahlung von 280 Dollar für den Unterhalt des Sohnes angeordnet. "Tatsächlich hat Heber gar nichts gezahlt. Wie sollte er auch, bei einem Einkommen von zwölf Dollar pro Woche?", sagt de la Carriere.

Sie kämpft, um sich und ihren Sohn durchzubringen. Obwohl sich die Eltern das Sorgerecht teilen, sieht Alexander seinen Vater, der Scientology in aller Welt vertritt, fast nie. Unter der Trennung soll Alexander Zeit seines Lebens gelitten haben.

Mit acht Jahren wird Alexander in die Sea Org rekrutiert, die Eliteorganisation von Scientology. Das Lockmittel muss für den Jungen unwiderstehlich gewesen sein. "Sie sagten ihm, er würde viel Zeit mit seinem Vater verbringen können", erinnert sich de la Carriere. "Er bettelte mich an, zu unterschreiben." Alexander kommt auf ein Scientology-Internat außerhalb von Los Angeles.

"Jegliche Information wird kontrolliert"

Drei Jahre später wird Alexander nach Clearwater, Florida, in das Fort Harrison Hotel berufen, das spirituelle Hauptquartier der Sekte. Scientologen kommen aus aller Welt hierher, um teure Kurse zu belegen. Der Junge habe unter anderem Toiletten putzen und Fußböden schrubben müssen, bis zu zwölf Stunden am Tag, so erzählt es seine Mutter. Eine Schulausbildung? Fehlanzeige.

Dann passiert etwas, was Alexander wohl für den Rest seines Lebens belasten und was erst Jahre später bekannt wird.

Als Alexander zwölf Jahre alt ist, vergeht sich eine 40-jährige Scientologin an ihm, die ebenfalls dort arbeitet. Immer wieder kommt es zu sexuellen Übergriffen. Als die Sache intern bekannt wird, handelt man schnell. Innerhalb von 24 Stunden wird Alexander an die Westküste geschickt, um einen möglichen Zugriff der Behörden von Florida zu verhindern.

Es finden stundenlange Verhöre statt, an deren Ende der Junge gewusst haben muss: Er darf niemals über die Sache sprechen. De la Carriere erfährt erst 14 Jahre später von der Misshandlung ihres Sohnes. Aussteiger, die in die Vertuschung des Vorfalls verwickelt waren, berichteten ihr, was Alexander damals geschehen ist. "Ich habe mich in dem Moment erinnert, wie er mir nicht in die Augen schauen konnte, als ich ihn vom Flughafen abgeholt habe", erzählt Karen. "Ich traue mich gar nicht daran zu denken, was sie mit ihm angestellt haben."

Die Abteilung bei Scientology, die in solchen Fällen einspringt, heißt "Office of Special Affairs" oder OSA. Ihr Auftrag lautet, jeden Schaden von Scientology abzuwenden. Offiziell ist die Einheit für Öffentlichkeitsarbeit und Rechtsangelegenheiten zuständig, tatsächlich handelt es sich um eine Art eigener Geheimdienst.

Mike Rinder war jahrelang an der Spitze der Einheit. Seit 2007 ist er ausgestiegen und gehört zu den besten Kennern der Organisation. "In so einem Fall macht OSA alles, um die Angelegenheit geheim zu halten. Jegliche Information wird kontrolliert und jeder Scientologe wird unter Druck gesetzt, ja nicht darüber zu sprechen. Mit niemandem", so Rinder.

Abgeschoben ins Straflager

Mike Rinder kennt die Familie Jentzsch, seit Alexander klein war, hat jahrelang eng mit Heber zusammengearbeitet. Er erlebte, wie der Präsident von CSI bei dem Chef der Organisation zunehmend in Ungnade fiel. "David Miscavige hat ihn geschlagen und gedemütigt", erzählt Rinder. "Er konnte es nicht ertragen, dass Heber bei allen so beliebt war." Miscavige habe ihm immer weniger Aufträge erteilt, irgendwann verschwand Heber Jentzsch ganz von der Bildfläche. Er sei ins internationale Hauptquartier abkommandiert worden, zwei Autostunden östlich von Los Angeles. "Dort haben sie ihn im Loch eingesperrt", berichtet der ehemalige OSA-Chef.

"Das Loch", das sind zwei kleine Bürogebäude, die als Straflager eingerichtet und speziell für Führungskräfte bestimmt sind. Dort lebt Heber Jentzsch seit etwa 2006, nach Rinders Beschreibungen unter erbärmlichen Umständen. Jentzsch habe keinen freien Zugang zu seinem Sohn gehabt. Mike Rinder weiß, wovon er spricht. Er hat den gealterten Präsidenten dort gesehen, als er ebenfalls einsitzen musste.

Scientology widersprach Rinders Beschreibungen: Jentzsch lebe und arbeite in Einrichtungen der Kirche. "Aufgrund seines Alters tritt er seltener öffentlich auf als in der Vergangenheit", schrieb ein Anwalt der Kirche in einer Mitteilung an SPIEGEL ONLINE. Heber sei "stolz, so wie wir, auf 50 Jahre stetigen Dienst". Im Übrigen möchte Scientology sich zur Familie Jentzsch und dem Tod von Alexander nicht weiter äußern.

Alexander war in seinen letzten zwei Lebensjahren nicht nur von seinem Vater, sondern auch von seiner Mutter isoliert. Sie stieg 2010 aus und gehört seither der Bewegung "Independent Scientologists" an. Die Gemeinschaft glaubt nach wie vor an Hubbards Lehre und praktiziert seine Methoden.

De la Carriere begann, sich kritisch über die Organisation zu äußern, Scientology erklärte sie zur Feindin. Fortan darf kein Scientologe mit ihr in Kontakt sein, auch nicht ihr eigener Sohn. "Alexander rief mich an und sagte, ich dürfe ihn nicht mehr anrufen und keine E-Mails schicken."

Trennung bis zum Tod

Alexander Jentzsch und seine Ehefrau Andrea verlassen 2010 die Sea Org, bleiben aber Mitglieder von Scientology. Andrea erwartet ein Kind, und in der Eliteorganisation sind Babys unerwünscht. Das Paar versucht, sich ein Leben in Texas aufzubauen, doch sie erleben Rückschläge. Andrea verliert das Kind, Alexander wird entlassen. Die beiden scheinen sich von einander zu distanzieren. "Kurz vor seinem Tod hat er seinen Beziehungsstatus auf Facebook geändert", erinnert sich seine Mutter.

Alexander kehrt an die Westküste zurück, allein und mittellos. Seine Mutter, inzwischen eine erfolgreiche Kunsthändlerin, darf er nach wie vor nicht um Hilfe bitten. Er kommt bei seinen Schwiegereltern am nördlichen Stadtrand von Los Angeles unter. Am 2. Juli legte er sich morgens ins Bett, erzählen seine Schwiegereltern später der Polizei. Er habe sich nicht gut gefühlt und über Fieber geklagt. Am Abend habe er noch genau so dagelegen. Es wird kein Arzt gerufen. Am nächsten Morgen geht ein Notruf bei der Rettungsstelle ein. Alexander ist tot.

Wenige Tage danach hat jemand der trauernden Mutter ein Foto zugespielt, aufgenommen zwei Wochen vor seinem Tod. Da lacht Alexander in die Kamera. "Es schien ihm gut zu gehen", sagt Karen verzweifelt. Warum ist der junge Mann gestorben?

Ed Winter, gerichtsmedizinischer Sprecher von Los Angeles County, erzählt, es seien Medikamente in der Nähe der Leiche gefunden worden. Und: "Wir haben Hinweise, dass er schon eine Weile tot war, bevor der Notruf am Morgen des 3. Juli einging." Die Ermittlungen gehen weiter, Alexanders Tod bleibt ein Rätsel.

Am 10. Juli sticht eine Yacht vor Los Angeles in See. Der Himmel ist strahlend blau, die See ruhig. Es herrscht eine Hitzewelle, die erste des Sommers. Das Thermometer klettert auf fast 40 Grad. An Bord des Schiffes ist die Urne mit Alexanders Asche. Als seine sterblichen Überreste freigesetzt werden, gibt es keine Trauerfeier.

Karen de la Carriere veranstaltet eine drei Tage danach. Sie durfte ihren Sohn nicht beerdigen. "Scientology hat sich in die Sache eingeschaltet und unsere Trennung auch nach Alexanders Tod durchgesetzt", erzählt sie. Sogar einen letzten Blick auf seine Leiche hat ihr die Schwiegertochter verwehrt.



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Highfreq 05.09.2012
1. Verbot!
Die Sekte verbieten und all jene, die sich zu Verantworten haben, zur Rechenschaft ziehen. Was anderes fällt mir zu dieser Psychosekte nicht mehr ein.
johl 05.09.2012
2. grüezi
Zitat von HighfreqDie Sekte verbieten und all jene, die sich zu Verantworten haben, zur Rechenschaft ziehen. Was anderes fällt mir zu dieser Psychosekte nicht mehr ein.
Ja genau, Ihre Kreativität ist nicht zu unterbieten. Verbote sind in den seltesten Fällen eine Lösung. Wenn der gesunde Menschenverstand genug ausgeprägt wäre, würde keiner dem Idiotenverein beitreten - Problem gelöst. Zweiteres ist das Problem - und nicht, dass es Scientology gibt.
Greyjoy 05.09.2012
3.
Zitat von HighfreqDie Sekte verbieten und all jene, die sich zu Verantworten haben, zur Rechenschaft ziehen. Was anderes fällt mir zu dieser Psychosekte nicht mehr ein.
Genau verbieten wie einfach religiöse Fanatiker, dann hat sich das Problem erledigt. Die ziehen sich dann kampflos zurück und leben dann ein "normales" Leben. Am besten verbieten wir auch direkt Kriege. Mit Mord, Raub und Drogenhandel hats ja auch geklappt.
Izmi 05.09.2012
4. Verbotsmaßnahmen
Zitat von johlJa genau, Ihre Kreativität ist nicht zu unterbieten. Verbote sind in den seltesten Fällen eine Lösung. Wenn der gesunde Menschenverstand genug ausgeprägt wäre, würde keiner dem Idiotenverein beitreten - Problem gelöst. Zweiteres ist das Problem - und nicht, dass es Scientology gibt.
Jede Organisation - und sei sie noch so dümmlich von ihrer Argumentation her - findet immer wieder Menschen, die sich angesprochen fühlen. Und je "klüger" die Falle aufgebaut wird, um so mehr Personal gibt es. Das fängt bei den Neonazis an und endet bei den "Scientologen". Deshalb ist die konsequente Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben Bedingung für jede Betätigung von nicht-staatlichen Organisationen. Ansonsten Verbot! Konsequent!!
LeToubib 05.09.2012
5.
Zitat von GreyjoyGenau verbieten wie einfach religiöse Fanatiker, dann hat sich das Problem erledigt. Die ziehen sich dann kampflos zurück und leben dann ein "normales" Leben. Am besten verbieten wir auch direkt Kriege. Mit Mord, Raub und Drogenhandel hats ja auch geklappt.
"Religioese Fanatiker"? "Scientology" soll eine Religion sein? Nein, Scientology ist keine Religion und deren Anhaenger sind alles andere als religioes ...
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