Militanter Umweltaktivist Watson Nummer 007 in Haft

Paul Watson gründete die radikale Umweltorganisation Sea Shepherd, wegen eines Extremeinsatzes wurde er mit internationalem Haftbefehl gesucht. Jetzt haben Polizisten den Ex-Greenpeace-Mann mit der Mitgliedsnummer 007 in Frankfurt festgenommen - auf dem Weg zu einem Treffen von Star-Trek-Fans.

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Mit neun Jahren hat Paul Watson die Weichen gestellt. Er rächte den qualvollen Tod seines Freundes, einem Biber, der in eine Falle von Tierjägern geraten war. Wie besessen suchte er die anderen Fallen und zerstörte sie. Seither kämpft Watson unerbittlich für den Tierschutz, gründete erst mit anderen die Umweltorganisation Greenpeace, dann 1981 die Organisation Sea Shepherd.

Am Sonntag wurde Watson am Frankfurter Flughafen festgenommen. Aufgrund eines internationalen Haftbefehls aus Costa Rica erließ das Amtsgericht Frankfurt am Montag eine sogenannte Festhalteanordnung gegen den 61-Jährigen. Das Oberlandesgericht Frankfurt müsse nun entscheiden, ob die Voraussetzungen für eine Auslieferung gegeben seien, sagte Günter Wittig, Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Vorerst bleibt der Umweltaktivist auf alle Fälle in Haft. Vor dem Gericht protestierten am Montag Sympathisanten mit Transparenten.

Watson wollte eigentlich zu einem Treffen von Star-Trek-Anhängern in Düsseldorf reisen. Der Grund, warum nach Watson gefahndet wurde, liegt knapp zehn Jahre zurück - und klingt, gemessen an seinen sonstigen Einsätzen, geradezu gewöhnlich.

Ein Dokumentarfilmer begleitete den Sea-Shepherd-Chef damals vor der Küste Guatemalas bei seinem Kampf gegen das sogenannte Shark-Finning eines costaricanischen Schiffs. Umweltexperten zufolge werden etwa 73 Millionen Haie, die für das Gleichgewicht im Ökosystem Meer sorgen, pro Jahr getötet. Meist werden ihnen bei lebendigem Leib die Flossen abgehackt, in der chinesischen Küche gelten sie als Delikatesse. Verstümmelt werden die Tiere zurück ins Wasser geworfen, in dem sie qualvoll verenden.

Watson soll als "Chef-Steuerer" der "Ocean Warrior" das costaricanische Schiff "Varadero" blockiert, es mit einer Wasserkanone angegriffen und die Crew in Gefahr gebracht haben, sagt Wittig von der Generalstaatsanwaltschaft. Die "Varadero" sei daraufhin vom Kurs abgekommen.

Laut Sea Shepherd nahm nach der Attacke ein guatemaltekisches Kanonenschiff die Tierschützer ins Visier, die "Ocean Warrior" fuhr Richtung Costa Rica und stieß an Land auf weitere illegale Shark-Finning-Aktivitäten: Tausende von getrockneten Haifischflossen lagerten auf Dächern von Industriegebäuden.

"Der aggressivste, entschlossenste Verteidiger der Wildnis"

EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit setzt sich für eine Freilassung des gebürtigen Kanadiers ein und spricht von einer "absurden Situation": Paul Watson, mit dem er befreundet sei, sei in den vergangenen zehn Jahren in die USA, nach Kanada, Frankreich, durch ganz Europa gereist - ohne Probleme, weil Interpol den Haftbefehl außer Kraft gesetzt habe. "Die deutschen Behörden aber sagen, sie müssen sich nicht an Interpol orientieren", so Cohn-Bendit.

"Er kann es nicht fassen, dass er festgenommen wurde", sagte Watsons Anwalt Oliver Wallasch. "Er weiß, dass ihn in Costa Rica kein faires Verfahren erwartet, weil die Fischindustrie dort große Macht hat."

Laut Sea Shepherd werfen die costaricanischen Behörden Watson auch versuchten Mord vor. Die Crew des Schiffs habe die Aktivisten beschuldigt, sie töten zu wollen.

"Captain Paul Watson ist der wohl aggressivste, entschlossenste, aktivste und effektivste Verteidiger der Wildnis", sagte der kanadische Schriftsteller Farley Mowat einmal über den gebürtigen Kanadier, der innerhalb der vergangenen 40 Jahre mehr als 350 Aktionen durchgeführt hat. Das "Time Magazine" bezeichnete ihn 2000 als "Helden des 20. Jahrhunderts".

Mit der Friedensbewegung "Don't Make a Wave Committee" kämpfte er 1971 gegen einen amerikanischen Atombombentest, mit der "Greenpeace I" schipperten er und seine Begleiter mitten ins Testgebiet. Der Test wurde verhindert, die "Greenpeace I" kehrte einen Monat später nach Vancouver zurück, die Umweltorganisation Greenpeace formierte sich.

Watson war das achte Gründungsmitglied, weil Robert Hunter als erstes Mitglied die Mitgliedsnummer 000 wählte, bekam er die 007 zugeteilt.

Die Kollision wurde sein Kampfinstrument: 1972 brachte Watson das kleine Greenpeace-Boot "Astral" im Hafen von Vancouver auf Kollisionskurs mit dem französischen Hubschrauberträger "Jeanne D'Arc", bis der erst den Kurs änderte, dann gar stoppte.

1975 brachte Watson im Kampf gegen die sowjetische Walfangflotte sein Schlauchboot zwischen ein russisches Harpunenboot und einen Schwarm Pottwale. Eine weitere Begegnung im Leben Watsons, die eine Weiche stellte: Ein harpunierter Wal tauchte direkt vor Watson auf. Der Blick in die Augen des sterbenden Tieres habe ihn so bewegt, sagte er, dass er den Schutz der Wale und anderer Meerestiere in den Mittelpunkt seines rastlosen Kampfes stellte.

Auf einer Ebene mit Martin Luther King, Gandhi und dem Dalai Lama

Er stellte sich mit kleinen Booten großen Schiffen in den Weg, versperrte ihnen die Fahrt, um das Abschlachten von Robben zu verhindern. Und er wusste sich zu inszenieren: Mit prominenten Unterstützern lockte er die Medien, so posierte Brigitte Bardot 1977 vor der Küste von Labrador für Greenpeace.

Watsons radikale Art wurde manchen Aktivisten zu viel, 1977 trennte er sich von Greenpeace, die Organisation bezeichnete er später als "Wohlfühlunternehmen" und gründete im selben Jahr die Sea Shepherd Conservation Society - eine Organisation mit dem Ziel der Untersuchung und Dokumentation von Umweltverbrechen und der Durchsetzung der internationalen Umweltschutzgesetze. Er erwarb ein eigenes Schiff, um mit ihm die Robbenjagd im Osten Kanadas zu stören. Noch im selben Jahr rammte er sein Schiff in einem portugiesischen Hafen in einen Walfänger. Watson ist Seekapitän, keiner Reederei unterstellt und sagt, er trage für jede Aktion die volle Verantwortung.

Bereits 1992 hatte Norwegen ihn wegen des Untergangs eines Walfängers in Abwesenheit zu 120 Tagen Gefängnis verurteilt, 2010 hatte die japanische Justiz einen Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Bekannt ist Sea Shepherd vor allem für riskante Störmanöver und den alljährlichen Einsatz gegen die japanische Walfangflotte in der Antarktis. "Wir sind nahe dran, Japan endgültig aus dem Walschutzgebiet vor der Antarktis zu vertreiben", sagte Watson vor wenigen Monaten. Unlängst setzten seine Aktivisten erstmals eine Drohne ein, um Walfänger in antarktischen Gewässern zu orten. Das unbemannte Fluggerät war von der "Steve Irwin" gestartet.

Die Internationale Walfangkommission (IWC) entzog der Gesellschaft die Einstufung als Umweltschutzgruppe, nachdem Sea Shepherd sich 1986 zum Versenken von zwei isländischen Walfangbooten und zur Verwüstung einer Walfleisch verarbeitenden Fabrik im Hafen von Reykjavík bekannt hatte.

Auf seine aggressive Vorgehensweise angesprochen, sagte Paul Watson im November 2011 den "Kieler Nachrichten", er wolle die drei größten Vertreter gewaltlosen Vorgehens zitieren. "Martin Luther King hat geschrieben, Gewalt sei etwas, das sich gegen lebende Wesen richtet. Wir rammen Schiffe. Gandhi hat gesagt, gewaltloser Protest sei die strategisch effektivste Methode zur Erreichung politischer Ziele, aber wenn die einzige Alternative feiges Zurückweichen sei, würde er Gewalt wählen. Und der Dalai Lama, der uns unterstützt, hat mir eine Statue geschenkt, die Verkörperung der mitleidigen Seite des buddhistischen Zorns: Man tut niemandem weh, aber wenn jemand das Licht partout nicht sehen will, darf man ihm schon ordentlich Angst machen, bis er erleuchtet wird."

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sundance069 14.05.2012
1. ...Interpol den Haftbefehl ausgesetzt
Was soll das dann ? Sitzt ein Haiflossenhändler bei der Staatsanwaltschaft ?
Schroekel 14.05.2012
2. peinlich, Deutschland!
Zitat von sysopAPPaul Watson gründete die radikale Umweltorganisation Sea Shepherd, wegen eines Extremeinsatzes wurde er mit internationalem Haftbefehl gesucht. Jetzt haben Polizisten den Ex-Greenpeace-Mann mit der Mitgliedsnummer 007 in Frankfurt festgenommen - auf dem Weg zu einem Treffen von Star-Trek-Fans. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,833113,00.html
Dass die deutsche Justiz sich für ein äusserst fragwürdiges Manöver Costa Ricas hergibt, ist wirkjlich fragwürdig. Der Mann ist einfach nur konsequent in seinem Vorgehen und garantiert weniger gewltbereit als die Wahlfänger, Delphin Abschlachter oder - worum es hier geht - jene Unternehmer und Fischer in Costa Rica und Guatemala, die Haie fangen und ihnen die angeblich Potenzfördernde Finnflossen abschneiden, was den ins Meer zurückgeworfenen Hai qualvoll sterben lässt.
Altesocke 14.05.2012
3.
Zitat von sysopAPPaul Watson gründete die radikale Umweltorganisation Sea Shepherd, wegen eines Extremeinsatzes wurde er mit internationalem Haftbefehl gesucht. Jetzt haben Polizisten den Ex-Greenpeace-Mann mit der Mitgliedsnummer 007 in Frankfurt festgenommen - auf dem Weg zu einem Treffen von Star-Trek-Fans. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,833113,00.html
Vor Gericht und auf hoher See....! Hoffen wir mal, das die zustaendigen Richter verstehen, worum es hier geht, und sich das Bildmaterial, das bestimmt vorhanden ist, ansehen!
Toto 14.05.2012
4.
Zitat von SchroekelDass die deutsche Justiz sich für ein äusserst fragwürdiges Manöver Costa Ricas hergibt, ist wirkjlich fragwürdig. Der Mann ist einfach nur konsequent in seinem Vorgehen und garantiert weniger gewltbereit als die Wahlfänger, Delphin Abschlachter oder - worum es hier geht - jene Unternehmer und Fischer in Costa Rica und Guatemala, die Haie fangen und ihnen die angeblich Potenzfördernde Finnflossen abschneiden, was den ins Meer zurückgeworfenen Hai qualvoll sterben lässt.
Man sollte ihm stattdessen das Bundesverdienstkreuz verleihen...
forscher56 14.05.2012
5. Dutzende andere Staaten haben über Jahre hinweg
diesen Haftbefehl nicht vollzogen. Eine deutsche Staatsanwaltschaft fühlt sich nun bemüßigt, einer Bananenrepublik zuzuarbeiten. Ist wahrscheinlich die gleiche Staatsanwaltschaft, die gegen Occupy in Frankfurt zu Felde zieht.
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