Militanter Umweltaktivist auf der Flucht: Wo ist Watson?

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Ein Öko-Krieger auf der Flucht: Paul Watson, Chef der radikalen Umweltorganisation Sea Shepherd, wurde auf umstrittene Weise in Deutschland verhaftet, floh dann ins Ausland. Haifisch-Jäger aus Japan und Costa Rica wollen den Aktivisten vor Gericht sehen. Wo ist er untergetaucht?

Flüchtiger Umweltaktivist: Watson auf der Flucht Fotos
AFP

Es gibt einen Satz von Paul Watson, der alles über ihn sagt. "Setzt meinen Namen auf eine Blaue Liste, die Rote Liste, die Schwarze Liste oder die Todesliste, das ist immer noch besser, als ihn auf einer 'Das-alles-interessiert-mich-einen-Dreck'-Liste zu sehen."

Paul Watson ist einer der militantesten Umweltaktivisten der Welt - und auf der Flucht. Mit den Listen meint er die "Blue Notice" von Interpol, die sich auf einen japanischen Haftbefehl stützt, und die nun mutmaßlich in eine "Red Notice" umgewandelt wurde. Auch Costa Rica hat einen Auslieferungsantrag gestellt und eine "Red Notice" erreicht.

Beide Länder wollen Watson.

Der 61-Jährige, der erst die Umweltorganisation Greenpeace, dann 1981 die Organisation Sea Shepherd gründete, kämpft seit Jahrzehnten gegen Shark-Finning und gegen "wissenschaftlichen" Walfang. Beim Finning werden Haien bei lebendigem Leib die Flossen abgehackt, die in der chinesischen Küche als Delikatesse gelten. Verstümmelt werden die Tiere zurück ins Wasser geworfen, in dem sie qualvoll verenden. Sowohl vor der Küste Japans als auch vor der Costa Ricas kam es zu Einsätzen, bei denen Watson äußerst rabiat vorgegangen sein soll. Als "Chef-Steuerer" der "Ocean Warrior" soll er beispielsweise das costa-ricanische Schiff "Varadero" mit einer Wasserkanone angegriffen haben, bis es vom Kurs abkam, die Crew sei laut Staatsanwaltschaft in großer Gefahr gewesen.

Interpol lehnte zunächst einen Antrag auf Erlass einer "Red Notice" gegen Watson als wahrscheinlich politisch motiviert ab. Der Umweltaktivist reiste problemlos durch Spanien, Frankreich und England, bis er am 13. Mai - auf dem Weg zu einem Treffen von Star-Trek-Anhängern in Düsseldorf - am Frankfurter Flughafen verhaftet wurde. Ausgerechnet in Deutschland, das nicht einmal ein Auslieferungsabkommen mit Costa Rica hat. Dennoch können die deutschen Behörden jeden ausliefern.

Der Tierschützer, dessen Blockadeaktionen gegen Walfänger ihn schon oft mit dem Gesetz in Konflikt gebracht haben, appellierte an die deutsche Regierung, sich gegen eine Auslieferung auszusprechen - nicht zu seinem Schutz, sondern "zum Schutz der Ozeane", für die er sich als Symbol sieht, wie er sagte.

"Unsinnig, wenn er nicht geflohen wäre"

Nach 70 Tagen verstieß Watson gegen seine Meldeauflagen und erschien einfach nicht mehr auf dem 6. Revier des Frankfurter Polizeipräsidiums in der Turmstraße. Zeitgleich hatte die Japanische Botschaft einen Auslieferungsantrag über das Außenministerium an die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main weitergeleitet.

Im Kampf gegen Watson sind sich die beiden Länder sehr nahe: Das costa-ricanische Staatsoberhaupt stattete Ende 2011 Japan einen Besuch ab, kurz darauf übergab Japan eine immense Geldspende für den "Umweltschutz" an Costa Rica.

Wo steckt Paul Watson?

Für den gebürtigen Kanadier mit amerikanischem Pass ist Shark-Finning die verwerflichste illegale Aktivität weltweit nach dem Drogen- und dem Waffenhandel. Sein Anwalt Oliver Wallasch ist davon überzeugt, dass Watson seinen Kampf "trotz der Auslieferungsbegehren" fortsetzt. "Ich kann aus eigener Anschauung versichern, dass mein Mandant sich nicht mehr in der Bundesrepublik Deutschland aufhält - alles andere wäre ja auch gelinde gesagt eher unsinnig."

In einer SPIEGEL ONLINE vorliegenden nicht-öffentlichen Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main hat der dortige 2. Strafsenat den Antrag auf Aufhebung des Haftbefehls abgelehnt. Zur Begründung hat das Oberlandesgericht ausgeführt, dass nicht ermittelt werden könne, ob Watson sich noch in der Bundesrepublik Deutschland aufhalte, und von daher "die realistische Möglichkeit besteht, dass dieser sich noch an einem unbekannten Ort in der Bundesrepublik Deutschland aufhält".

Die deutsche Justiz beteilige sich mit dieser "nicht nachvollziehbaren Entscheidung" an einer "Hatz auf den Umweltschützer", konstatiert Wallasch und bezeichnet die Entscheidung des Oberlandesgerichts "als ein Nachtreten" gegenüber Watson. "Aus nachvollziehbaren Gründen wollte er sich nicht nach Costa Rica oder Japan ausliefern lassen. Da dort ein faires Verfahren, nach all dem was sich bereits im Auslieferungsverfahren selbst ergeben hat, niemals gewährleistet ist", so Wallasch.

Von Japan "schikaniert"

Watson wurde in Deutschland nur aufgrund des Auslieferungsbegehrens verhaftet, aktiv wird er von Deutschland nicht gesucht - weder national noch international. Die Tatsache, dass Interpol eine "Red Notice" für Paul Watson aufgrund der Anschuldigungen aus Costa Rica erlassen hat, bedeutet nur, dass die Polizei der Mitgliedsstaaten der Suche Costa Ricas nach ihm gewahr wird. Die Polizei und die juristischen Behörden der Interpol-Mitgliedsländer können nach Belieben mit dem costa-ricanischen Haftbefehl verfahren: Sie können darauf reagieren oder eben nicht.

Die Bundesrepublik habe sich im Fall Watson "nicht mit Ruhm bekleckert", kritisiert Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Nach Watsons Flucht hatte er eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet. Statt Licht ins Dunkel zu bringen, habe man sich hinter "Phrasen und Halbwahrheiten" versteckt. "So zu tun, als ob Interpol damals zu einer Festnahme Paul Watsons aufgerufen hätte, ist schlichtweg unredlich. Diese 'Red Notice' kam erst, als er aus Deutschland getürmt war. Nun versucht die Bundesregierung es so zu drehen, als ob bei der Festnahme im Mai alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall."

Erst durch die fragwürdige Festnahme sei die Situation heraufbeschworen worden, "aufgrund derer er nun weltweit verstärkt gesucht wird. Das ist wirklich peinlich bis beschämend." Tragisch sei zudem, dass ein namhafter Umweltschützer wie Paul Watson sich nun nicht mehr nach Deutschland trauen könne.

"Der Haftbefehl und die 'Blue Notice' sind ein weiterer schwacher Versuch Japans, uns von unserer Mission abzuhalten, die Meere zu schützen, zu erhalten und zu verteidigen", sagt Susan Hartland, Verwaltungsdirektorin von Sea Shepherd.

"Wir wissen natürlich, dass Japan nichts lieber wäre als eine eigene 'Red Notice' für Paul Watson zu erwirken", so Hartland. Mit Deutschland und Costa Rica konspirierend habe Japan versucht, Watson ausliefern zu lassen und in den USA einen Prozess gegen Sea Shepherd angestrengt. "Japan schikanierte und verhaftete unsere Crew-Mitglieder und versuchte, ihnen harmlose oder fingierte Delikte anzuhängen, wann immer es konnte."

Die Wut der Umweltschützer scheint ungebrochen. "Nichts, was Japan tut, kann uns davon abhalten, in dieser Saison mit vier Schiffen und vier Besatzungen, bestehend aus entschlossenen und engagierten Freiwilligen, in die Antarktis zurückzukehren, um die japanische Walfangflotte stillzulegen", sagt Hartland.

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insgesamt 126 Beiträge
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1. Bei mir nicht.....
bananenrep 06.09.2012
Aber ich finde die Radikalität wirklich gut. Solange die Nationen mit Fangmethoden ala" wissenschaftliche Untersuchung" verschleiern ist er ein Held. Politiker sind korrupt, drüben noch mehr als hier. Also wenn er ein Versteck sucht, ich würde ihm Unterschlupf kostenfrei bieten. Nur mit seinen Methoden ist überhaupt noch was zu machen. Nicht wie die von Greenpeace. Die halte ich für eine von der Regierung installierete Alibiorganisation halte. Und der Rechtssstaat, hah der versucht doch solche "Helden" klein zu halten oder wegzuspeeren.
2.
Claudio Tiberio 06.09.2012
Zitat von sysopEin Öko-Krieger auf der Flucht: Paul Watson, Chef der radikalen Umweltorganisation Sea Shepherd, wurde auf umstrittene Weise in Deutschland verhaftet, floh dann ins Ausland. Haifisch-Jäger aus Japan und Costa Rica wollen den Aktivisten vor Gericht sehen. Wo ist er untergetaucht? Sea Shepherd: Paul Watson auf der Flucht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,853244,00.html)
Dies ist ein Mensch, vor dem ich mich ganz tief verbeuge! Unsere Zivilisation geht daran zu Grunde, das wir nur an unseren Profit denken und dabei alle Werte liegen lassen. Watson wehrt sich dagegen, führt einen Kampf den er nie gewinnen kann, Danke und viel Glück!
3. Es wäre mir eine Ehre
Dr.W.Drews 06.09.2012
Herr Watson, sie vor der internationalen Industriemafia zu verstecken!
4. Guter Mann
SirSmackalot 06.09.2012
Ich hoffe sie schnappen ihn nie.... "äußerst rabiat vorgegangen sein soll. Als "Chef-Steuerer" der "Ocean Warrior" soll er beispielsweise das costa-ricanische Schiff "Varadero" mit einer Wasserkanone angegriffen haben, bis es vom Kurs abkam, die Crew sei laut Staatsanwaltschaft in großer Gefahr gewesen." Das Finning äußerst verwerflich ist dazu konnte sich der Autor wohl nicht durchringen, wäre dann wohl kein unabhängiger Standpunkt mehr. Es hat aber zu "äußerst verwerflich" gereicht bei ner größeren Wasserpistole, na klar. Ich finde den Mann gut, ich hoffe sie schnappen ihn nie. Von mir aus kann er seine Wasserpistole auch gegen Torpedos tauschen.
5. um/tierschützer
Forenleser 06.09.2012
so wird eben umgegangen, mit menschen, die andere darauf hinweisen, das tiere und umwelt bald zu grunde gehen. japanische produkte boykottieren ist der beste weg, das der walfang ein ende hat.
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