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SEK-Affäre in Köln: Burn-out mit dem Bike

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Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos in Köln (Archiv): Affäre um Elite-Einheit Zur Großansicht
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Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos in Köln (Archiv): Affäre um Elite-Einheit

Die Affäre um das Kölner SEK weitet sich aus: Die Auflösung einer Einheit verärgert die Elite-Beamten. Tatsächlich scheinen die meisten Vorwürfe gegen sie fragwürdig zu sein.

In Südtirol sollen die eigenen Kollegen sich auf Kosten des SEK-Beamten Thorsten K.* belustigt haben. Die Männer hätten ihn und einen anderen Neuling mit Handschellen an eine Kiste gefesselt. Sie hätten Indianerkostüme und Perücken tragen, mit einem alten Damenrad zehn Kilometer bergauf zu einem Bergsee fahren, darin schwimmen und auf einer Insel Bommerlunder trinken müssen.

Der eine Kollege sagte hinterher, dieses Aufnahmeritual sei der "Höhepunkt seiner Karriere" und deren "ehrenhaftester Moment" gewesen. Der andere, K., empfand es als Schikane und "menschenverachtend". Er beschwerte sich im Präsidium über das Spezialeinsatzkommando 3 der Kölner Polizei. Aber erst, nachdem er es wegen schlechter Leistungen hatte verlassen müssen.

Die zweifelhaften Aussagen des Beamten K. setzten eine behördliche Lawine in Gang, an deren Ende die Auflösung des Kommandos steht. Polizeipräsident Wolfgang Albers entschied: Vier Mitglieder des bislang freigestellten SEK müssen die Spezialeinheiten verlassen, sie bleiben aber bei der Kölner Polizei. Fünf Mitgliedern sei angeboten worden, weiterhin bei einem SEK Dienst zu versehen, allerdings außerhalb Kölns, so Albers.

Kölner Polizeipräsident Albers: SEK-Einheit aufgelöst Zur Großansicht
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Kölner Polizeipräsident Albers: SEK-Einheit aufgelöst

Die Entscheidung erzürnte die SEK-Männer. Am Dienstag räumten sie den Aufenthaltsraum ihrer Dienststelle in Brühl - und benahmen sich dabei offenbar daneben. Polizeipräsident Albers erklärte in einer eilig einberufenen Pressekonferenz, die Beamten seien mit einem Motorrad über den Flur gefahren und hätten es auf einen Tisch gehoben. Dann hätten sie die Räder durchdrehen lassen. Albers nannte das Verhalten "nicht angemessen".

Berichte über Randale mit einer Kettensäge wollte die Polizei nicht bestätigen. Albers wollte es aber auch nicht ausschließen.

Es gebe "keine Hinweise" auf Sachbeschädigung, sagte ein Polizeisprecher. Die Kollegen hätten lediglich einen Tresen abgebaut, der ihnen gehöre. Die dienstliche Einrichtung - Tische, Stühle, Boden - sei unversehrt geblieben. Der Sprecher bestätigte, die Männer hätten Alkohol getrunken.

"Die Männer verstehen die Entscheidung nicht"

"Für einige Beamte platzt gerade ein Lebenstraum. Und das, obwohl die Vorwürfe, die innerbehördlich noch gar nicht geklärt sind, von Anfang an in keinem Verhältnis zu der Auflösung des gesamten Kommandos stehen", sagt die Kölner Rechtsanwältin Gabriele Jansen, die in dem Verfahren ein Mandat übernommen hat. "Die Männer verstehen die Entscheidung nicht - und auch nicht, warum einige von ihnen weiter in Spezialeinheiten außerhalb Kölns arbeiten dürfen, andere aber nicht."

Die Staatsanwaltschaft Aachen hatte ein Ermittlungsverfahren in der Sache vor einiger Zeit eingestellt, "weil verfolgbare Straftaten nicht vorliegen" und die jeweils betroffenen Beamten freiwillig mitmachten und sich jederzeit hätten entziehen können. Ein Bericht aus dem Haus von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) kam jedoch "losgelöst von der strafrechtlichen Relevanz" zu dem Schluss, dass die Aufnahmerituale "beamtenrechtlich in keiner Weise akzeptabel" gewesen seien.

Die Opposition im Landtag lenkt nun den Blick auf die Verantwortung der Behördenleitung: "Polizeipräsident Albers hat die Kontrolle verloren und erst nach öffentlichem Druck völlig überstürzt reagiert", sagt der Innenexperte der CDU, Gregor Golland. "Offenbar versucht der Polizeipräsident nur seinen eigenen Kopf zu retten und der Innenminister bleibt tatenlos. Der Imageschaden wächst weiter und weitet sich aus."

Polizeikaserne in Brühl: Hier bauten die SEK-Männer ihren Tresen ab Zur Großansicht
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Polizeikaserne in Brühl: Hier bauten die SEK-Männer ihren Tresen ab

Dass die Aussagen von Thorsten K. solche Auswirkungen haben würden, war nicht vorherzusehen. So kam die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen zu dem Urteil, dass der Kronzeuge eine sehr problematische Persönlichkeit ist. Wegen seiner fehlenden Leistungsbereitschaft, mangelnder Einstellung und Kritikfähigkeit sowie wegen seines fortgesetzten schlechten Redens über Kollegen sei K. ausgesprochen unbeliebt im Kommando gewesen, vermerkte ein Staatsanwalt.

Im Winter 2014 sei der Polizist daher zu einer anderen Kölner SEK-Einheit gewechselt, aber auch dort habe sich wenig geändert. Weiterhin habe er "sich auf Kosten anderer Kollegen unter allen Umständen ins beste Licht zu setzen" versucht.

Fast zeitgleich mit dem Bekanntwerden der Mobbingvorwürfe war die Kölner Polizei wegen eines weiteren Vorfalls in die Schlagzeilen geraten. Aktive und ehemalige Führungskräfte der Spezialeinheiten waren auf einem Pylon der Severinsbrücke von einem Polizeihubschrauber aus fotografiert worden - mutmaßlich handelt es sich um ein aufwendig inszeniertes Erinnerungsfoto.

Auch diese Causa hat nun personelle Konsequenzen: Der Leiter der Kölner Spezialeinheiten soll innerhalb der Behörde auf einen anderen Posten wechseln.

* Name geändert

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