Selbstmord-Flug in Austin "Nimm mein Fleisch und schlaf gut"

Er lenkte sein Flugzeug in ein Gebäude der Steuerbehörde, tötete einen Mitarbeiter und verletzte mehr als ein Dutzend. Jetzt wird klar: Der Todesflieger aus dem texanischen Austin handelte aus Wut auf das Finanzsystem - und hinterließ einen verstörenden Abschiedsbrief.


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Todesflieger von Austin: "Verzweifelte Taten"

Washington - Wer war Joseph Andrew Stack? Und warum steuerte er seine Propellermaschine vom Typ Piper Cherokee PA-28 am Donnerstag in ein Bürohaus im texanischen Austin? Weshalb wollte er sterben und wieso musste ein Angestellter der dortigen Steuerbehörde ebenfalls sein Leben lassen? Und warum erlitt mindestens ein Dutzend Menschen zum Teil schwere Verletzungen?

Die Behörden suchen nun nach Antworten, die Journalisten tun selbiges, und natürlich fragen sich auch die Menschen, die den mutmaßlichen Todespiloten gekannt haben, was ihnen entgangen sein könnte? Ein Musiker namens Ric Furley, der zusammen mit dem Freizeit-Bassisten Stack in einer Band gespielt haben will, sagte dem Nachrichtensender CNN: "Ich kann nicht glauben, dass es dieselbe Person ist. Er war immer so gelassen."

Das scheint sich geändert zu haben.

"Gewalt ist die einzige Lösung"

Die Ermittler kamen dem Todespiloten schnell auf die Spur. Er wurde als Joseph Andrew Stack identifiziert - am selben Vormittag hatte der 54-Jährige noch sein Haus angezündet. Als die Rettungskräfte dort eintrafen, fehlte von dem Besitzer jede Spur. Er war auf dem Weg zum nahe gelegenen Georgetown Municipal Airport, wo seine Maschine stand.

Wenige Minuten später lenkte Stack sie in das Gebäude der Steuerbehörde. Ein Unfall oder Absicht?, fragten sich die Ermittler. Kurz darauf entdeckten sie auf der Website des Unglückspiloten einen sechsseitigen Abschiedsbrief - gezeichnet mit "Joe Stack". Darin heißt es: "Zeiten der Verzweiflung fordern verzweifelte Taten. (…) Nichts ändert sich, es sei denn es gibt Tote. (…) Gewalt ist nicht nur die Lösung, sondern die einzige Lösung (...) Ich habe genug."

Der Verfasser des Briefes klagt über die US-Steuerbehörde IRS, schimpft aber auch auch über andere Einrichtungen und Personen - etwa Ex-Präsident George W. Bush und die Wall-Street-Banken. Am Ende des Schreibens richtet sich seine Wut gegen seinen Steuerberater. Der habe versäumt, ihn darauf hinzuweisen, dass seine Frau 12.700 Dollar Einkommen in der Steuererklärung nicht ordnungsgemäß angegeben habe.

Kurz vor dem Einschlag abgedreht

"Ich habe einmal gelesen", heißt es in dem Dokument, "dass es verrückt sei, immer dasselbe zu tun und trotzdem plötzlich ein anderes Ergebnis zu erwarten. Ich bin endlich bereit, diese Verrücktheit zu beenden. Nun, Mr. Big-Brother-Finanzbeamter, lass uns etwas anderes versuchen: Nimm mein Pfund Fleisch und schlaf gut!"

Viele Angestellte in dem Gebäude hatten an einen Terrorakt gedacht, als sie am Donnerstag gegen 10 Uhr Ortszeit (17 Uhr MESZ) ein blau-weißes Kleinflugzeug auf sich zu rasen sahen. "Es sah aus, als ob es direkt in mein Fenster fliegt", schilderte der Finanzbeamte William Winnie der Zeitung "Austin Statesman".

Kurz vor dem Einschlag habe die Maschine dann abgedreht und sei in einem unteren Stockwerk eingeschlagen, so Winnie. Die dann folgende Explosion habe das Gebäude erschüttert. In Panik liefen die Büroangestellten ins Freie. Manche sagten, sie hätten zuerst an ein Erdbeben gedacht.

Nach dem Angriff mit dem Flugzeug stieg aus dem brennenden Bürogebäude dichter schwarzer Rauch auf. Während die Feuerwehr den Brand binnen eineinhalb Stunden unter Kontrolle hatte, hoben zwei Kampfflugzeuge ab.

Obwohl sich sowohl das Weiße Haus als auch das US-Heimatschutzministerium zu erklären beeilten, dass sie nicht von einem Terrorakt ausgingen, aktivierte das Pentagon die beiden F-16-Jets. Sie sollten für alle Fälle den Luftraum sichern, bis die Lage geklärt war.

jdl/dpa

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