Selbstverbrennung eines Pfarrers Das Fanal, das keiner versteht

War es bloß eine diffuse Angst, die ihn zum Selbstmord trieb? Die Selbstverbrennung von Pfarrer Roland Weißelberg in Erfurt lässt alle rätseln: Im Abschiedsbrief beklagte er Angst vor dem Islam. Die Muslime in der Stadt finden das "verrückt". Auch die Kirche versteht es nicht. Eine Spurensuche.

Von Sonja Pohlmann, Erfurt


Erfurt - Radion Jelew steht vor der Baugrube des Erfurter Augustinerklosters und raucht. Der Haustechniker des Klosters kommt immer hierher, wenn er eine kurze Pause machen will - doch jetzt hält er es nicht aus. Er geht lieber in den Hinterhof des Klosters. Rauchen und gleichzeitig in die Grube blicken, das geht noch nicht. Sobald er den Zigarettenqualm riecht, hat er den Geruch brennender Menschenhaut in der Nase.

Augustinerkloster in Erfurt: "Wir werden uns jetzt bestimmt nicht abgrenzen, sondern intensiv mit den Muslimen im Gespräch bleiben"
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Er sieht dann wieder den Körper, der in Flammen steht. Er denkt daran, wie er ihn löschen will - den Körper von Roland Weißelberg, 73 Jahre, pensionierter Pfarrer aus Erfurt, der sich am Dienstag selbst angezündet, umgebracht hat.

Jelew bemerkt an diesem Vormittag nicht, dass Weißelberg über die Absperrung in die Grube klettert. Es ist Reformationstag. Er baut gerade Stellwände auf fürs Gemeindefest. Von der Kirche klingen Bachkantaten zu ihm heraus. 450 Leute feiern dort gerade Gottesdienst - auch Roland Weißelberg muss sie hören, als er in die Grube steigt.

Jelew sieht ihn erst dort unten stehen, nachdem er Schreie gehört hat. Er holt den Feuerlöscher. Er schafft es, den brennenden Körper zu löschen. Mund, Augen und Nase sind fast versengt. Weißelberg schreit immer wieder: "Jesus." Und: "Oskar!"

Schwester Ruth, Leiterin der auf dem Klostergelände untergebrachten Schwesternschaft "Cummunität Casteller Ring", versucht, den Schwerverletzten zu beruhigen. Früher hat sie mit Weißelberg gemeinsam gebetet. Dass er es ist, der gerade vor ihr liegt, weiß sie nicht. Sein Gesicht ist zu stark zerstört.

Die Rettungssanitäter müssen Weißelberg die Kleidung vom Leib schneiden, weil Polyesterstoffe auf der Haut festgesengt sind. 60 Prozent des Körpers sind verbrannt. Weder im Erfurter Krankenhaus noch in der Spezialklinik für Verbrennungen in Halle ist Weißelberg zu retten. Er stirbt am Mittwoch gegen 14 Uhr.

Er war alt - galt aber keineswegs als verwirrt

Gestern, am Donnerstag, blickt Jelew das erste Mal wieder in die Grube. Er sieht zwischen den Steinen auf dem Boden kleine Kohlestücke: Reste von Weißelbergs Kleidern. Und von seiner Aktentasche, in der er vermutlich den Brandsatz transportierte. Bevor sich Weißelberg angezündet hat, hatte er noch seinen Autoschlüssel an der Rezeption abgegeben und dort gesagt, wo der Wagen steht - seine Frau sollte ihn schließlich finden.

Die Frau rief dann um 13 Uhr bei Schwester Ruth an, fragte, ob sie wisse, wo ihr Mann sei, ob etwas passiert sei. Ja, ein Mann habe sich angezündet, sagte die Schwester. Die Antwort, sinngemäß: Das könnte mein Mann sein. Kurz darauf fand die Frau den Abschiedsbrief. Darin stand, was bis heute keiner versteht: Aus Angst vor der Ausbreitung des Islams bringe er, Roland Weißelberg, sich um.

Roland Weißelberg war ein pensionierter Pfarrer. Er war 73. Aber er wirkte keineswegs verwirrt. Das sagen Menschen, die ihn kennen. In der Gemeinde war er aktiv, er nahm an den Veranstaltungen teil. Ende September leitete er noch vertretungsweise einen Gottesdienst. Einen theologischen Schwerpunkt hatte er nie, er war ein ganz normaler Pfarrer - nur eines fiel auf: In den vergangenen Jahren beschäftigte ihn der Islam immer stärker.

"So etwas passt überhaupt nicht zum ihm"

"Immer wieder forderte er, dass sich die Evangelische Kirche intensiver mit dieser Religion auseinandersetzen muss", sagt Elfriede Begrich, Pröpstin in Erfurt. Seine Forderung: Die Christen sollen sich gegenüber dem Islam stärker abgrenzen. Sonst würden sie vom Islam überrollt. Das sagte er auch zu Uwe Edom, der heute Weißelbergs ehemalige Gemeinde in Windischholzhausen leitet. Begrich wies ihn immer wieder auf Texte und Gespräche hin, in denen sich Vertreter der Evangelischen Kirche mit dem Islam auseinandersetzten, auch kritisch. Fühlte sich Weißelberg nicht ernst genommen?

Eine Selbstverbrennung. In einem Kloster, in dem Luther lebte. Am Reformationstag. Während des Gottesdienstes. Kein Zweifel, es sollte ein drastisches, religiös überhöhtes Zeichen sein.

Vor 30 Jahren hat sich Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz verbrannt. Der Pfarrer aus Rippicha hatte in den siebziger Jahren das DDR-Regime immer wieder mit Protestaktionen provoziert. Als er versetzt werden sollte, verbrannte er sich im August 1976 selbst - als Protestzeichen.

Dass Weißelberg bei seiner Selbstverbrennung "Oskar" rief, muss ein Verweis auf Brüsewitz gewesen sein. Was ging in diesem Menschen bloß vor? Fühlte er ernsthaft seine Meinung unterdrückt wie zu DDR-Zeiten?

"Ich bin ratlos. So etwas passt überhaupt nicht zum ihm", sagt Eberhard Dutschmann, der früher Pfarrer in Weißelbergs Nachbargemeinde war. Weißelberg sei ein besonnener, leiser und beherrschter Mensch gewesen. Hans-Joachim Gente, der Brüsewitz in der Erfurter Predigerschule unterrichtet hat und später mit Weißelberg zusammenarbeitete, sieht einfach keine Parallelen zwischen den Männern: "Weißelberg war nicht so ein entschlossener Typ wie Brüsewitz."

"Das ist doch verrückt", sagt ein Muslim

Und doch hat er es getan. Warum nur? Wegen einer diffusen Furcht vor dem Islam? Das Klima zwischen den Religionen in Erfurt gilt keineswegs als bedrohlich. Es gibt in der Stadt kaum Muslime: Gut tausend leben hier, etwa 7000 sind es in Thüringen. Die Religionsgemeinden verstehen sich. "Wir reden regelmäßig miteinander und kommen sehr gut miteinander aus", sagt Abdullah Dunbar, Imam in der Erfurter Moschee und Vorsitzender des Bundes der Muslime in Thüringen. Regelmäßig träfen sich die Vertreter der Religionen, immer wieder sind Schulklassen in der Moschee zu Gast.

Heute startete zum Beispiel in Erfurt das Projekt "Fremde werden Freunde": Familien aus der Stadt übernehmen Patenschaften für ausländische Studierende. 150 Menschen haben sich angemeldet. "Sicher gibt es bei uns auch Spannungen und Vorurteile", sagt Renate Tuche, Ausländerbeauftragte der Stadt. "Aber weil wir gegenseitig ins Gespräch kommen, entstehen bisher keine großen Probleme."

Die Muslime können nicht verstehen, dass sich Weißelberg aus Angst vor ihnen umgebracht hat. "Das ist doch verrückt", sagt der Iraker Nejdad Asis Ali, 43. "Wir sind doch alle Menschen, da muss sich niemand vor dem anderen fürchten." Pröpstin Begrich hat eine klare Linie: Weitermachen wie bisher. "Wir werden uns jetzt bestimmt nicht abgrenzen, sondern weiter intensiv mit den Muslimen im Gespräch bleiben."

Begrich kümmert sich um die Gemeindemitglieder und Angestellten des Klosters. Sie sind schockiert. An Weißelbergs Selbstverbrennung werden sie nun jedes Jahr am Reformationstag denken.

Haustechniker Jewel hofft, dass zumindest seine Alpträume bald ein Ende haben.



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