Seligsprechung von Johannes Paul II. Santo? Subito!

Abkürzung zur Anbetung: Der frühere Papst Johannes Paul II. ist bei einer feierlichen Messe in Rom seliggesprochen worden - im schnellsten Verfahren der jüngeren Kirchengeschichte. Die Pilgerfreude kennt kaum Grenzen. Fehlt nur noch die flinke Heiligsprechung.

REUTERS

Rom - Es war eine Show ganz nach dem Geschmack der zahllosen Religionstouristen - freudige Erwartung, Spiritualität, Jubelrufe und Tränen der Rührung, alles inklusive. Bei einer Zeremonie auf dem Petersplatz ist am Sonntag der frühere Papst Johannes Paul II. offiziell seliggesprochen worden. Mehr als eine Million katholische Pilger versammelten sich dazu im Zentrum von Rom, um die Zeremonie auf dem Petersplatz zu verfolgen.

Papst Benedikt XVI. erschien zu der von ihm geleiteten Messe in einem Gewand von Johannes Paul II. Als ein riesiges Foto mit dem huldvoll lächelnden Polen über dem Balkon des Petersdoms enthüllt wurde, gab es kein Halten mehr. Tosender Applaus brandete auf, ein großer Chor stimmte einen von Johannes Paul II. geschätzten Choral an. "Er war ein wunderbarer Mann. Es ist ein Privileg, hier zu sein", jubelte die 48-jährige Anne Honiball aus dem britischen Worthing. Sie schwenkte eine kleine britische Nationalflagge. "Wir haben die königliche Hochzeit verpasst, aber wir sind Katholiken und das hier war ein bisschen wichtiger", sagte sie.

In gewisser Weise erinnerte die Szenerie an jene Tage, in denen Johannes Paul II. im Sterben lag. Damals hatten sich rund drei Millionen Gläubige zu einer mehrtägigen Nachtwache vor seiner Residenz versammelt, um dem Oberhaupt ihrer Kirche in seinen letzten Stunden beizustehen. Bei der Beerdigungsfeier am 8. April 2005 hatten zahlreiche Gläubige dann gefordert: "Santo subito" ("Sofort heiligsprechen").

Diesem Wunsch ist Papst Benedikt XVI. schnell nachgekommen. Bei der Begräbnisfeier sei bereits der "Duft seiner Heiligkeit" zu spüren gewesen, sagte er nun bei seiner Predigt. Deshalb habe er gewollt, dass der Prozess der Seligsprechung seines Vorgängers zwar vorschriftsmäßig, aber "ziemlich rasch" vorangehen konnte. Schon bald könnte nun die Frage der Heiligsprechung des Ex-Kirchenoberhaupts aufkommen.

Die Stimmung in Rom war zumindest angemessen euphorisch: Während über Lautsprecher Auszüge aus Predigten Johannes Paul II. verlesen wurden, saßen Nonnen singend im Kreis zusammen. Junge Pilger aus Polen, Frankreich, Großbritannien und Argentinien schwenkten begeistert ihre Fahnen. "Er hat die ganze Welt bereist", sagte der Bischof der malischen Hauptstadt Bamako, Jean Zerbo, über Johannes Paul II. Er war eigens nach Rom gefahren, um bei der Zeremonie dabei zu sein. "Heute kommen wir zu ihm."

Unter den Hunderttausenden Menschen, die sich auf dem Petersplatz und in den umliegenden Straßen versammelt haben, waren auch der spanische Kronprinz Felipe und Prinzessin Letizia sowie der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Auch der frühere polnische Gewerkschaftsführer Lech Walesa war vor Ort - und der umstrittene simbabwische Diktator Robert Mugabe, der eigentlich ein Einreiseverbot in die EU hat.

Fotostrecke

17  Bilder
Johannes Paul II.: Der eilige Vater
Vor allem bei den polnischen Pilgern war die Freude groß: "Ich bin sehr stolz auf Johannes Paul II.", erklärte die 21-jährige Polin Alice Wirwicka. Sie hatte eine 17-stündige Busfahrt auf sich genommen, um bei der Seligsprechung jenes Mannes dabei zu sein, der in ihrer Heimat wie ein Nationalheiliger verehrt wird. "Dieser beispielhafte Sohn der polnischen Nation hat den Christen auf der ganzen Welt geholfen, keine Angst zu haben, sich Christen zu nennen, zur Kirche zu gehören und vom Evangelium zu sprechen", pries Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt.

Unter den Pilgern wurden jedoch auch einige nachdenkliche Stimmen laut. Der in Rekordzeit durchlaufene Seligsprechungsprozess war im Vorfeld mehrfach kritisiert worden. Traditionell liegen fünf Jahre zwischen dem Tod eines Anwärters und der Einleitung des Verfahrens. Benedikt ordnete den Schritt jedoch nur wenige Wochen nach dem Tod seines Vorgängers an. "Heute ist der erwartete Tag gekommen", rief Benedikt den Massen auf dem Petersplatz zu, "er ist schnell gekommen, weil es dem Herrn so gefallen hat."

"Ich hoffe, dass er nichts von den Pädophilen wusste"

Im Januar hatte der Vatikan den Weg für die Seligsprechung freigemacht, indem er die angebliche Wunderheilung Johannes Pauls II. an der französischen Nonne Marie Simon-Pierre anerkannte. Sie litt wie er an Parkinson. Die Nonne nahm nun prominent an der Messe vor dem Petersdom teil. "Er hat die Gesellschaft, die Kultur, die Bereiche der Politik und der Wirtschaft für Christus geöffnet", so Benedikt. Carol Wojtyla habe mit der Kraft eines Riesen daran gewirkt, "uns die Kraft wiederzugeben, an Christus zu glauben".

Nicht jeder katholische Christ findet ähnlich hymnische Worte: Dass ein Großteil der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche und die versuchte Vertuschung der Verbrechen gerade während der 27-jährigen Amtszeit Johannes Paul II. bekannt wurden, lässt manche die Seligsprechung kritisch sehen. So werde mit der schnellen Seligsprechung nur "noch mehr Salz in die Wunden" der Opfer gestreut, erklärte etwa der in den USA ansässige Opferverband "Netzwerk für von Priestern misshandelte Menschen".

"Ich hoffe, dass er nichts von den Pädophilen wusste", sagt die spanische Nonne Luisa Garcia. "Wenn er davon wusste, war das ein Fehler. Aber niemand ist perfekt, nur Gott." Zumindest habe die Kirche als Konsequenz aus den Skandalen gelernt, dass "die Würde einer Person, insbesondere die eines Kindes, wichtiger ist als das Image der Kirche".

Für eine Heiligsprechung von Johannes Paul II. bedarf es eines weiteren angeblichen Wunders. Der Vatikan hat bereits andeutet, dass es bald so weit sein könnte.

chs/dapd/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 290 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mannemunson 01.05.2011
1. Scharlatanerie
Da bedarf es also einer angeblichen "Wunderheilung", um einen Papst posthum selig zu sprechen. Und mehr als eine Million Menschen jubeln diesem Mumpitz auch noch zu. Um es gleich zu sagen – ich gönne jedem Menschen seinen "Glauben", sollen Sie doch so glücklich werden. Aber anstatt dass die Kirche sich ihren Problemen und Schattenseiten annimmt und dies in adäquater Weise aufarbeitet, wird hier wieder mit dubiosen Methoden sich selbst beweihräuchert, um ihr Image aufzupolieren. Und dann wird noch nicht mal dieser Schlächter Mugabe ausgeladen, ich fasse es nicht. Was geht denn da ab? Bei so was kann ich nur den Kopf schütteln ...
starliker 01.05.2011
2. -Unnötig-
Brauchen wir heutzutag soetwas wirklich noch? In einer aufgeklärten Gesellschaft wissen wir doch, dass er hier oder auch Joseph Ratzinger einfach irgendwelche Opas aus Polen und Bayern sind. Wieso soll man einen gewöhnlichen Menschen selig oder gar heilig sprechen? Wir sind doch alle gleich gut / schlecht und sollten uns ALLE gegenseitig gleichermaßen zu schätzen wissen! Wir sollten diese ganze Energie, die wir in diese teils fanatische Religion stecken lieber dafür verwenden, uns gegenseitig in der Stadt, an der nächsten Ampel oder im Supermarkt mit mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber treten. Dann haben ALLE etwas davon. Diese gebündelte Energie und Faszination auf nur einen einzigen Menschen finde ich bedenklich und falsch. -> Wir alle müssen uns gegenseitig mehr Respekt zukommen lassen! Wie das geht, kann man sich bei den Japanern abschauen. Wer schonmal dort war, weiß wovon ich spreche. Nehmt die eure ganze Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ihr einem Papst oder einem Dieter Bohlen usw. zukommen lasst und schenkt sie euch gegenseitig! Dazu brauchen wir auch keine Religion - das geht nämlich einfach so. Man muss nur einfach damit anfangen und es tun. Ich verspreche euch: Ihr werdet nach einer gewissen Zeit das doppelt und dreifache positiv zurück bekommen!
Claudia_D 01.05.2011
3. .
Zitat von sysopAbkürzung zur Anbetung: Der frühere Papst Johannes Paul II. ist bei einer feierlichen Messe in Rom seliggesprochen worden - im schnellsten Verfahren der jüngeren Kirchengeschichte. Die Pilgerfreude kennt kaum Grenzen. Fehlt nur noch die flinke Heiligsprechung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,759985,00.html
Ach wie gut, dass ich ev.-luth. bin... :-)
crocodil 01.05.2011
4. Papst
..so ein Humbuk. Aber die Kirche hat es ja schon seit Jahrhunderten verstanden, die Leute für dumm zuverkaufen. -Aber wie bei allen anderen Religionen auch - Sollte man nicht auch "Piarro" heilig sprechen, der im Namen der Kirche geplündert und gemordert hat?? Aber von dem geraubten Gold der Inkas und Atzteken wird schon noch was im Vatikan vorhanden sein. Ich gebe zu, ich bin Atheist, und glaube nicht an so einen Schnickschnack. Woher kommen wir (keiner kann darüber was erzählen), Wohin gehen wir - ins Nichts - woher wir kamen. Kommt die Ameise, die ich zertrete, auch in den Himmel????
phönix-kb 01.05.2011
5. „Memento te hominem esse.“ (Bedenke, dass du ein Mensch bist.)
Zitat von sysopAbkürzung zur Anbetung: Der frühere Papst Johannes Paul II. ist bei einer feierlichen Messe in Rom seliggesprochen worden - im schnellsten Verfahren der jüngeren Kirchengeschichte. Die Pilgerfreude kennt kaum Grenzen. Fehlt nur noch die flinke Heiligsprechung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,759985,00.html
Wie kann der Hohe aus Rom den Gläubigen suggerieren, einen Menschen umfassend zu erkennen, hineinzublicken in die Tiefen seiner Seele, um zu dem Schluss zu kommen, „das ein verstorbener Christ von Gott in die Schar der Heiligen bzw. Seligen aufgenommen worden ist“? Ist das nicht anmaßend? Selbst noch so gute Psychologen würden zugeben, dass sie überfordert sind in alle Schichten der Seele zu blicken, um eine schlüssige Persönlichkeitsstudie zu erstellen. Und mahnt nicht das Gesetz dieser Gruppe: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“? (AT, EÜ, Jesaja 55:9) Muss bei dem Thema Glauben nicht zugeben werden, dass wir fast nichts wissen? Warum sich also mit aller Macht an eine von den vielen Gruppenschöpfungen festklammern? Im Hinblick auf den Betroffenen bilanziert die süddeutsche.de: „Fortschrittliche Geister in der Kirche mussten ihre Hoffnungen in Fragen des Zölibates, …, begraben … Oder der Versuch, den Gläubigen die „richtige“ Sexualität vorzuschreiben, die nur der Fortpflanzung dienen soll… Trotzdem blieben sie [diese Regeln] für Wojtyla zeitlebens unantastbar … Seine Kritiker warfen ihm vor, trotz Überbevölkerung und der immer stärkeren Ausbreitung der tödlichen Immunschwächekrankheit Aids bei seinem strikten Verbot von Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabb. geblieben zu sein.“ Aber das kann er ja beim nächsten Mal abarbeiten, gleich seinem Chef, der alles aus dem Tempel vertrieb, was nicht hineingehörte. (Joh. 2:13…
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.