Sesamstraße-Figuren bei Flüchtlingskindern "Die Wirkung der Puppen ist auf der ganzen Welt gleich"

Die Puppen der Sesamstraße besuchen Kinder in Flüchtlingslagern. Eigens produzierte Folgen sollen ihnen Mut machen und Lust auf Bildung wecken.

Ryan Heffernan

Von Pia Seitler


Zwischen zerschlissenen Zeltplanen und Wellblechcontainern blitzt feuerrotes Fell und eine Kartoffelnase hervor: Elmo aus der Sesamstraße besucht geflüchtete Kinder in ihren Unterkünften in Jordanien. Er leitet das Elmochester und soll Pfannkuchen in der Luft wenden können, aber vor allem zeigt er Kindern, dass jeder bestimmte Fähigkeiten hat.

Seit 49 Jahren bringt die Sesamstraße Vorschulkindern auf der ganzen Welt mit viel Witz das Alphabet, Zählen und Rechnen bei. Das soll die Sendung nun auch geflüchteten Kindern in Syrien, Jordanien, dem Irak und dem Libanon nahe bringen. In Kriegsgebieten haben Kinder häufig schlechten Zugang zu Bildungsangeboten. Gemeinsam mit den Machern der Sesamstraße hat die Hilfsorganisation "International Rescue Committee" (IRC) ein Programm entwickelt, das sich an den Bedürfnissen geflüchteter Kinder orientiert.

Sie entwickelten ein Programm, das ihnen Grundfähigkeiten wie Lesen und Schreiben vermittelt, aber auch zeigt, wie sie ihre Gefühle ausdrücken und sich in fremden Ländern integrieren können. In einer regionalen Sonderausgabe der Sesamstraße werden die Puppen auf Arabisch und nordkurdisch über Themen wie Diversität, Respekt und Gleichberechtigung sprechen. Sie sollen den Kindern Mut und Lust aufs Lernen machen.

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Sesamstraße: Lichtblicke für Flüchtlingskinder

Sherrie Westin arbeitet im Führungsteam von Sesame Workshop, einer gemeinnützigen Organisation, die die Sesamstraße verantwortet. "Die Wirkung der Puppen ist auf der ganzen Welt gleich. Sie bringen Freude", sagt Westin. Viele Länder haben ihre eigenen Puppen: Indische Kinder kennen Chamki, ägyptische Kinder haben Khoka. In Südafrika klärt die goldgelbe Kani, die HIV-positiv ist, in "Takalani Sesame" Kinder über HIV und Aids auf. In der afghanischen Ausgabe "Baghch-e-Simsim" geht die sechsjährige Puppe Zari zur Schule und hat ihren eigenen Kopf. Sie soll Mädchen in dem armen Land Mut machen, sich zu bilden.

Elmo und Bibo kommen ins Deckenzelt

Dabei machen alle Produktionen das, was die Sesamstraße Sherrie Westin zufolge am besten kann: Akzeptanz und Inklusion schaffen. Dies sei auch das Ziel der Ausgabe für geflüchtete Kinder. Die neuen Geschichten und Charaktere sollen die Lebenswelt der geflüchteten Kinder widerspiegeln und dazu passen, was die Kinder dort erlebt haben. So werde eine Figur ihr Zuhause verlassen und in einem Zelt leben, eine andere habe ihre Familie verloren.

Ab September 2019 können die Kinder die Geschichten von Elmo, Bibo und den neuen Puppen im lokalen Fernsehprogramm und über das Internet auf ihren Smartphones anschauen. So sollen mehr als neun Millionen geflüchtete Kinder erreicht werden. Das Angebot richtet sich nicht nur an Kinder auf der Flucht, sondern auch an diejenigen, die in den Ländern geboren und aufgewachsen sind.

Kinderlachen dringt aus einem Schulzelt nach draußen: Tonton, die Puppe aus der jordanischen Ausgabe der Sesamstraße, ist zu Besuch im Libanon. Gemeinsam mit einer Lehrerin zeigt Tonton den Kindern im Flüchtlingslager, wie sie ein Arbeitsblatt ausmalen können. "Man ist inmitten der schlechtesten Bedingungen und sieht, wie Kinder vor Freude strahlen sobald sie Tonton sehen", sagt Westin.

Einsätze vor Ort

Das Projekt hilft beim Aufbau von Schulen in den Flüchtlingsunterkünften und gibt Lernmaterialien für sie heraus. Ende 2017 hatte es 100 Millionen Dollar Fördergeld von der amerikanischen MacArthur Stiftung erhalten.

"Eine stabile Bindung zu einem Erwachsenen hilft den häufig traumatisierten Kindern am meisten", sagt Westin. Viele Eltern hätten auf der Flucht den Zugang zu ihren Kindern verloren. Mitarbeiter des IRCs besuchen die Familien in den Unterkünften. Sie bringen Malbücher und Puppen mit und zeigen den Eltern und Helfern, wie sie spielerisch mit den Kindern lernen können. In den nächsten fünf Jahren wollen sie mehr als eine Million geflüchteter Kinder zwischen null und acht Jahren erreichen.

Insgesamt waren laut Uno etwa 35 Millionen Kinder Ende 2017 weltweit auf der Flucht. Hunger, Angst und Gewalt dominieren ihre Kindheit. Sie wohnen in Flüchtlingslagern und Unterkünften - viele sind Opfer und Zeuge von traumatisierenden Erlebnissen in ihrer Heimat.



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