Sexuell auffälliger Zwölfjähriger Das Problem mit dem Problemkind

Max, 12, gilt als sexuell auffällig, als gefährlich. Er lebt in einer geschlossenen Einrichtung, 700 Kilometer von der Großmutter entfernt, seiner einzigen Bezugsperson. Muss man den Jungen vor sich selbst schützen - oder die Gesellschaft vor ihm?

Max bei einem Ausflug mit seiner Großmutter: "Gefahr für andere"

Max bei einem Ausflug mit seiner Großmutter: "Gefahr für andere"


Zeit seines Lebens wird Max* herumgeschubst. Von der haltlosen Mutter zum vorbestraften Vater, zurück zur drogensüchtigen Mutter, die ihn vernachlässigt und nicht in die Schule schickt, bis ihr das Jugendamt München das Kind entzieht. Max kommt in ein Heim, seine Mutter wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Der Vater setzt sich nach Holland ab.

Max ist acht Jahre alt, als man ihn ins Kinderhaus Kerb in Neubeuern bei Rosenheim bringt. Das Heim im bayerischen Inntal hat 350 Quadratmeter Wohnfläche und grüne Fensterläden. Max turnt an der Kletterwand, hüpft auf dem Trampolin, hangelt sich zwischen den Ästen hoch auf das Baumhaus aus dicken Holzbalken. Erstmals findet er ein Zuhause. Nur fünf weitere Kinder sind hier untergebracht, Kinder, denen kein großes Heim zugemutet werden soll. Die Leiterin lebt mit ihrer eigenen Familie unter demselben Dach, ein Sohn ist in Max' Alter.

Max ist ein schwieriges Kind. Die Heckscher Klinik in München und ein Kinderpsychiater diagnostizieren die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Er verweigert sich in der Schule, ist oft aggressiv, manchmal depressiv. Die Heimleitung notiert: Max mobbt Schwächere, gleichzeitig biedert er sich Älteren an. Wenn ihn diese abwimmeln, wehrt er sich, bepöbelt sie so lange, bis sie zuschlagen. Er leidet unter Enuresis nocturna, nässt fast jede Nacht ein.

Und noch etwas notiert die Heimleiterin: Max zieht häufig die Hosen herunter und zeigt sich den anderen Kindern nackt, ahmt den Geschlechtsakt nach, fasst sich und anderen in den Schritt, an Hintern oder Brust. Der Junge verfügt über detailliertes Sexualwissen.

Vermutlich ist Max als Kind sexuell missbraucht worden. Der Vater soll mit ihm im Rausch Pornomagazine durchgeblättert, die Mutter ihn vor dem Computer geparkt haben.

Anna P*., seine Großmutter, betreut ihn zwei-, dreimal pro Woche, bis ihr die drogensüchtige Mutter den Kontakt verbietet. Als Max ins Heim kommt, steht sie wieder parat. Einmal im Monat fährt die 57-Jährige von einem Ort am Bodensee nach München, mehrere hundert Kilometer für zwei Stunden Besuchszeit. Länger ist nicht erlaubt. Max leidet unter der Trennung, die Großmutter auch. Sie zieht nach München, um dem Enkel näher zu sein.

Sie erreicht, dass er jedes Wochenende bei ihr verbringen darf. Eine Heimmitarbeiterin setzt Max in die S-Bahn, die Großmutter holt ihn an der Haltestelle ab, sonntags fährt sie ihn mit dem Auto zurück. Sie weiß von den sexuellen Auffälligkeiten. "Ich will das auch nicht bagatellisieren", sagt sie. "Aber in meinem Beisein hat er nichts Anstößiges gemacht."

Das Heim, in dem Max lebt, kapituliert

Dann häufen sich die Auffälligkeiten. Die Heimleitung notiert: Max belästigt die volljährigen Praktikantinnen in "besonders ordinärer Weise", klaut Unterwäsche, fotografiert beim Duschen den Penis eines Jungen und versucht, an pornografisches Material zu gelangen, das er unter seiner Matratze versteckt; Eltern anderer Kinder beklagen sich über sein "sexualisiert grenzverletzendes Verhalten".

Max beginnt eine Therapie. Er zeigt sich willig und gesprächsbereit, teilt der Psychotherapeut der Großmutter mit und empfiehlt, den Jungen zu sich zu nehmen. Anna P. und Max verbringen zusammen die Pfingstferien, planen für den Sommer eine Reise nach Prag, da erfahren sie: Das Kinderheim will den Zwölfjährigen entlassen.

Da Max in die Pubertät komme und eine Verstärkung der Symptomatik zu erwarten sei, könne man ihn nicht mehr angemessen betreuen, schreibt die Leiterin der zuständigen Mitarbeiterin des Münchner Jugendamtes, die für Max die sogenannte Ergänzungspflege übernommen hat.

Der Junge gilt auf einmal als so gefährlich, dass er nicht mit zur Campingfreizeit darf. Er darf nicht einmal mehr mit dem Fahrrad allein ins Dorf radeln. Gleichzeitig genehmigt das Jugendamt der Großmutter, für die Prag-Reise einen Reisepass für Max zu beantragen. Und mit der S-Bahn darf er auch weiterhin fahren. Anna P. versteht die Welt nicht mehr.

"Wir haben versucht, ihn möglichst lange zu halten, aber die Problematik drohte immer mehr zu eskalieren: Er wurde als Gefahr für andere, aber auch für sich selbst eingeschätzt", sagt Heiner Koch vom Albert-Schweitzer-Familienwerk Bayern, zu dem das Kinderheim gehört.

Der Großmutter sagt man, Max komme ins Frère-Roger-Kinderzentrum nach Augsburg, eine Lösung, mit der die 57-Jährige leben kann. Doch es kommt anders.

Max landet in einer geschlossenen Einrichtung für sexuell übergriffig agierende Jugendliche: in der Gruppe 14 des Martinistifts in Nottuln, einer Kleinstadt nahe Coesfeld. Insgesamt werden dort 170 Jungen betreut, an denen Jugendämter und Jugendpsychiatrien bislang scheiterten. Das Stift ist knapp 700 Kilometer von München entfernt - und Max damit ebenso weit von seiner einzigen Bezugsperson, der Großmutter.

Obwohl zwei Psychiater dem Jungen eine gute Prognose stellen, beantragt das Jugendamt München die Unterbringung dort wegen "Gefahr in Verzug". Die Entscheidung verfügt das Amtsgericht Rosenheim in einer einstweiligen Anordnung. Das Amtsgericht Coesfeld verlängert den Beschluss bis zum 30. September.

"Ich war entsetzt"

Warum kam Max nicht wie angekündigt nach Augsburg? Das Jugendamt München habe die Anfrage im dortigen Kinderzentrum versäumt, sagt Anna P. "Meines Erachtens gab es Probleme bei der internen Kommunikation, deshalb ist Max abgeschoben worden." Auch habe man ihr gesagt, es gebe nur diese Einrichtung für sexuell übergriffige Kinder. Laut bayerischem Landesjugendamt gibt es durchaus Projekte, die deutlich näher an der Heimat der Oma liegen als Nottuln.

"Das Sozialreferat kann zu dem Fall aus Datenschutzgründen keine Stellung nehmen", gibt das Münchner Jugendamt bekannt. "Grundsätzlich suchen wir für Kinder und Jugendliche die Einrichtung, die in der Lage ist, die individuelle Problemlage zu bearbeiten - und zwar so ortsnah wie möglich."

Heiner Koch vom Albert-Schweitzer-Familienwerk Bayern sagt: "Die Entscheidung haben mehrere Jugendamtsmitarbeiter nach langer und sorgfältiger Überlegung gefällt. So etwas entscheidet man nicht ohne Not und vorschnell."

Anna P. glaubt, dass die Entscheidung ein Schnellschuss war: Warum sonst hätte das Jugendamt die Prag-Reise genehmigen sollen?

Max fliegt allein nach Münster, mit dem Taxi fährt er in die Einrichtung, die Großmutter darf ihn nicht begleiten. Sie sitzt im Büro ihres Rechtsanwalts Rainer Wiedermann in München, in Jeans, darüber eine weiße Bluse, die blonden Haare kurz geschnitten, auf dem Schoß einen Stapel Fotos des Enkels. Gerade hat sie Max besucht. "Ich wollte wissen, wie er dort lebt, wie es ihm geht, was er macht. Und ich war entsetzt."

Das Anwesen des Martinistifts sei riesig, erzählt sie, mit eigener Bäckerei, Schule und Kapelle, umzäunt von drei Meter hohem Stacheldraht, die Fenster vergittert. Max könne nur zwischen Eisenstangen ins Freie blicken. Der Junge habe ein Einzelzimmer, gelb gestrichen, einen Schrank, ein Waschbecken, nachts werde er eingeschlossen. "Oma, wenn ich Pipi muss, muss ich klopfen", habe er ihr erzählt. Von allen Jugendlichen dort sei er mit Abstand der Jüngste.

Unter Aufsicht darf Anna P. mit ihrem Enkel in einem Besuchssaal sitzen. Als sie in der Handtasche nach Bonbons kramt, wird sie zur Ordnung gerufen. Max sei so eingeschüchtert gewesen, dass er sich nicht auf ihren Schoß getraut habe. Nur Freitag oder Samstag dürfe sie mit dem Enkel telefonieren, maximal 20 Minuten, aber er muss den Lautsprecher einschalten.

"Ob Max diese Anstalt unbeschadet meistert?"

Die "Harry Potter"-Hörspiele, die sie ihm mitgebracht hat, darf er nicht hören, sondern muss sich das verdienen. Wenn er ein Buch lesen will, muss er einen Antrag stellen. "Er ist wie ein Sicherungsverwahrter weggesperrt", sagt Anna P., die auch ihre Tochter regelmäßig im Gefängnis besucht. "Es ist absurd: Sie hat mehr Freiheiten als ihr Sohn."

Der Kinderpsychiater, der Max zuletzt betreute, verurteilt die Maßnahme. "Es ist unglaublich, mit welcher Unwissenheit hier mit Menschenleben gespielt wird", schreibt er Anna P. Natürlich ergebe sich ein besorgniserregendes Bild, wenn man alle Vorfälle der vergangenen Jahre zusammensetze. "Nach wie vor aber fehlen mir konkrete und vor allem aktuelle Anzeichen und Vorfälle bei Max, um diesen Schritt zu legitimieren (...). Beten wir, dass Max diese Anstalt unbeschadet meistert."

Rechtfertigen Max' "Taten" die Unterbringung in einer solchen Anstalt? Ist der Junge so gefährlich, dass er wie in einem Jugendgefängnis untergebracht werden muss, obwohl er noch gar nicht strafmündig ist? Hat das Jugendamt auf den Brandbrief des Kinderheims übertrieben hart reagiert? Wollte das Gericht auf Nummer sicher gehen und kein Risiko eingehen?

"Er wird dort das kriminelle Handwerk erlernen, das er noch nicht kann", befürchtet Anna P. "Man behandelt den Jungen wie einen Schwerverbrecher, eine Stigmatisierung, die er nie wieder loswird", sagt Anwalt Wiedermann. "Eine freiheitsentziehende Maßnahme wie diese darf man laut Gesetz nur anordnen, wenn akute Gefahr besteht. Wo bestand sie?"

Die Leitung des Martinistifts wollte die Gepflogenheiten der Anstalt gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren, nicht einmal Max' Anwesenheit bestätigen. Pro Jahr gebe es 250 Anfragen für eine geschlossene Unterbringung, steht auf der Homepage. Die Kosten pro Person betragen 230 Euro pro Tag. Von denen, die einen Platz bekommen, werden etwa 50 Prozent rückfällig.

Max hat an die Wand in seinem Zimmer nur einen Zeitungsausschnitt gehängt. Er zeigt ein Bild der Prager Karlsbrücke.

* Die Namen wurden zum Schutz der Personen geändert



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 221 Beiträge
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Seite 1
unterländer 15.09.2011
1. Titel sind aus
Zitat von sysopMax, 12, gilt als sexuell auffällig, als gefährlich. Er lebt*in einer geschlossenen Einrichtung, 700 Kilometer von der Großmutter entfernt, seiner einzigen Bezugsperson. Muss man den Jungen vor sich selbst schützen - oder die Gesellschaft vor ihm? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,786424,00.html
Was haben eigentlich die mutmaßlichen Versäumnisse des Jugendamtes mit der Gefährlichkeit des Jungen zu tun? Natürlich muss man die Gesellschaft vor ihm schützen. Wenn man es hinbekommt, dass er sich helfen lässt und überhaupt therapierbar ist - umso besser. Dass aber eine einzige Person, nämlich seine Oma mit diesem Jungen und seinen Problemen und noch viel wichtiger - den Problemen, die er seiner Umwelt bereitet - nicht fertig werden kann, dürfte keine all zu gewagte Einschätzung sein.
Zeitkind 15.09.2011
2. Moderne Zeiten..
Zitat von unterländerWas haben eigentlich die mutmaßlichen Versäumnisse des Jugendamtes mit der Gefährlichkeit des Jungen zu tun? Natürlich muss man die Gesellschaft vor ihm schützen. Wenn man es hinbekommt, dass er sich helfen lässt und überhaupt therapierbar ist - umso besser. Dass aber eine einzige Person, nämlich seine Oma mit diesem Jungen und seinen Problemen und noch viel wichtiger - den Problemen, die er seiner Umwelt bereitet - nicht fertig werden kann, dürfte keine all zu gewagte Einschätzung sein.
Vor einem 12-jährigen? Aber sonst geht's noch? Da haben offensichtlich gleich reihenweise "Kinderpsychologen" und Jugendämter versagt und der Kleine darf es nun ausbaden. Bei der Vita ist die Prognose Jugendgefängnis als nächste Station doch vorprogrammiert. Traurig.
Haubentaucher66 15.09.2011
3.
Wenn ein Heranwachsender, egal welcher Verhaltensmuster er zeigt, so behandelt wird, daß noch nicht einmal ein Buch gelesen werden darf oder Hörbücher verboten werden, dann hat das nichts mehr mit Therapie zu tun, sonderem einem schlichten "Wegsperren". Ohne die genauen Hintergründe zu kennen, ist das ein Beginn einer wunderbaren kriminellen Karriere, die von Staatseite in diesem Fall mehr als gefördert wird. Hilfe für Kinder aus solch' einem Elternhaus stelle ich mich anders vor. Allerdings würde dies wohl über Haushaltsbudget liegen. So etwas würde man in einem Land in Mittelafrika eventuell vermuten können aber nicht im aufgeklärten Deutschland. Habe fertig!
p0p0c4t3p3t3l 15.09.2011
4. Kapitalismus olé
"Pro Jahr gebe es 250 Anfragen für eine geschlossene Unterbringung, steht auf der Homepage. Die Kosten pro Person betragen 230 Euro pro Tag. Von denen, die einen Platz bekommen, werden etwa 50 Prozent rückfällig." Bei soviel Geld scheint das Interesse, dass die Leute wieder gesund werden ohnehin eher gering ...
Hardisch 15.09.2011
5. Und dann?
Hier ist er wieder, der Teufelskreis: Begeht der Junge später ein Sexual- oder gar Tötungsdelikt, gibt es einen Aufschrei und Hetze gegen die "blinden" Behörden, Gerichte etc. Passiert nichts, ist diese Behandlung unzweifelhaft unangemessen und pädagogischer Unsinn. Vielleicht wäre es insgesamt sinnvoll, den medialan Hype und die Vorwurfsautomatik in diesen Fällen etwas leiser laufen zu lassen. In der Haut der Entscheidungsträger möchte ich jedenfalls nicht stecken. Dem Jungen wünsche ich von Herzen alles Gute!
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