Sexueller Missbrauch Scham fressen Seele auf

Er musste sich nackt auf ein Sofa legen, und was dann kam, hat seine Seele zerstört: Norbert Denef wurde als Kind jahrelang von einem katholischen Pfarrer missbraucht. Als erstes deutsches Opfer bekam er finanzielle Entschädigung - doch sein Kampf gegen die Kirche ist noch nicht zu Ende.

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Der Fall Norbert Denef: Idyll, das eine Hölle war
Hamburg - Es ist dieses eine Bild, diese eine kleine Geste, die sich eingebrannt hat in Norbert Denefs Kopf. Eine Geste, die ein Symbol ist für das, was ihm jahrelang widerfahren ist. Es ist das Bild eines Jungen, der seinen Finger in ein Astloch bohrt, wieder und wieder. So lange und so oft, bis das Astloch irgendwann ausgefranst ist und sein Finger problemlos hineinpasst. Während er dem Astloch an der Seitenwand eines ausladenden Schreibtischs seine ganze Aufmerksamkeit widmet, liegt der Junge nackt auf der Couch.

Es ist die Couch eines Geistlichen.

Jahrelang vergeht sich Pfarrer Alfons Kamphusmann an Norbert Denef, meist auf seinem Sofa, mehrmals in der Woche.

Der Missbrauch geschieht in den Jahren 1959 bis 1966, Denef ist damals zwischen zehn und 16 Jahren alt. Es ist die Zeit, von der er heute sagt, sie habe seine Seele getötet. Nachdem der Pfarrer von ihm ablässt, wird Denef Opfer eines zweiten Kirchenmannes, eines Angestellten, der ihn drei weitere Jahre lang missbraucht.

Es folgen Jahrzehnte des Schweigens. Die Erinnerung an die Vergangenheit verschlägt ihm die Sprache. Ein Jahr lang probt er vor dem Spiegel, um die entscheidenden vier Worte zu sagen: "Ich wurde sexuell missbraucht."

Er sagt den Satz erst bei einem Familienfest 1993, und die Familie ist empört. Nicht über Pfarrer Kamphusmann, der als Freund der Familie bei den Denefs ein- und ausging. Sondern über Norbert, der es wagte, von Missbrauch zu sprechen. Der Kontakt bricht ab, Denef ist ein Ausgegrenzter.

Die Rechnung: Was hätte er in derselben Zeit auf dem Strich verdient?

Seither ist sein Leben ein Kampf, geführt von seiner Wohnung aus und über die Medien.

Denef kämpft gegen das Verdrängen und eine Kirche, die auf Zeit spielt und bemüht ist, unter den Teppich zu kehren, was nicht sein darf - aber was, wie die aktuelle Debatte über Missbrauchsfälle zeigt, doch viel zu oft passiert.

"Der Gegner ist mir aufgezwungen worden, den habe ich mir nicht ausgesucht", sagt Denef. Er kämpft auch mit sich selbst, er ringt mit dem Erlebten, mit Schweißausbrüchen und Angstattacken, die ihn noch immer einholen. Mit dem Bedürfnis, nur in kochendheißem Wasser baden zu wollen, um sich selbst zu spüren. Mit der Erfahrung, die eigenen Kinder geschlagen zu haben, weil erlebte Gewalt weitere Gewalt erzeugt.

Denef hat sich seiner Vergangenheit in zig Therapien gestellt. Wer mit ihm spricht, merkt das. Denef weiß, was in jener Zeit mit ihm geschehen ist, als er das Erlebte von sich abgespalten hat, um es ertragen zu können. Er weiß, dass er erstarrte, um überleben zu können.

Doch sein Kampf hatte Erfolg: Der heute 60-Jährige hat geschafft, was bislang keinem anderen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kirchenmänner in Deutschland gelang. Nach jahrelangen Verhandlungen zahlte das Bistum Magdeburg ihm Schmerzensgeld. Denef konnte den Missbrauch beweisen. Die beiden Kirchenmänner hatten gestanden, schriftlich.

Doch wie viel Geld ist Leiden wert?

Wie bemisst man all die Nachmittage auf der Couch des Pfarrers in Geld? Wie vergütet man das Leid eines Lebens, in dem kein Tag vergeht, an dem die Vergangenheit nicht präsent ist, aus dunklen Winkeln nach der Gegenwart greift? In dem Ehefrau und Kinder leiden mussten, weil Denef unter seiner Vergangenheit litt?

Für Norbert Denef war es eine schlüssige Rechnung: Er überlegte sich, was er verdient hätte, wäre er in den Jahren des Missbrauchs auf den Strich gegangen statt zwangsweise in das Bett des Pfarrers. Er addierte Therapiekosten für sich und seine Familie - und kam auf 450.000 Euro. Das Bistum Magdeburg kam auf 25.000 Euro.

Dem Bescheid über das Geld lag eine Erklärung bei, er solle sich verpflichten, nicht öffentlich über das Geschehene zu sprechen. Die Kirche wollte Denef kein Schmerzengeld zahlen, sondern Schweigegeld. Gegen diese Schweigeklausel hat er zwei Jahre lang gekämpft. Am Ende wurde sie gestrichen. Das Geld hat er genommen und will damit eine Stiftung gründen, die sich gegen das "Verschweigen, Verleugnen und Vertuschen sexualisierter Gewalt" einsetzt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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razorfish, 12.02.2010
1. Beim geringsten Veracht anzeigen!
Schon beim geringsten Verdacht anzeigen, das kann die alleinige Konsequenz sein. Natürlich haben wir eher Täter- denn Opferschutz. Umso wichtiger ist es, bei begründeten Verdachtsmomenten den Gang zur Polizei nicht zu scheuen und Anzeige zu erstatten. Ich komme selbst aus einem kleinen, erzkatholischen Ort. Zu meiner Schulzeit hatte der ortsansässige Pfaffe und Religionslehrer in Personalunion den Ruf, gerne mal zu grabschen. Darüber hat man nicht nur unter den Jugendlichen gesprochen, passiert ist aber nichts, zumindest habe ich nichts mitbekommen, zumal der Paffe gefühlte 50 Jahre im Amt war. Vielleicht war nichts dran, vielleicht aber doch. Heutzutage muss man sich trauen, dann auch Anzeige zu erstatten, im Zweifel lieber einmal zu oft!
philosoph123 12.02.2010
2. keine Verjährung bei sexuellenm Missbrauch
Sexueller Missbrauch ist eine so schlimme Tat - es hinterlässt eine so zertstörte Seele. Wozu dann noch eine Verjährungsfrist, die den Täter schützt? Ich fordere keinerlei Verjährunb bei sexuellem Missbrauch in Straf und Zivilrecht.
dasky 12.02.2010
3. Mutter
Seinen eigenen Angaben zufolge ist Herr Denef im Alter von sieben Jahren erstmals Opfer sexueller Gewalt geworden, sexueller Gewalt durch seine *Mutter* (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3128908&postcount=78). Es fragt sich also, wie weit seine Mutter die Opferkarriere des Herrn Denef wesentlich mitbestimmt hat. Sexueller Missbrauch von Kindern durch Frauen und Mütter dürfte die wohl tabuisierteste (http://www.scribd.com/doc/15960670/M-Matussek-Die-Vaterlose-Gesellschaft) Form des sexuellen Missbrauchs (Matussek, S.185 ff.) sein.
mwille64, 12.02.2010
4. Es gibt da nur eine Antwort zur Loesung des Problems...
Alle Katholiken muessen geschlossen aus der Kirche austreten, weil das einzige was die Institution Kirche versteht GELD ist. Da Deutschland das einzige Katholiken Land der Welt ist das automatisch mit der Mitgliedschaft einen Teil des Einkommens erhaelt ist das ein sehr maechtiges instrument. Das waere im uebrigen auch im Sinne unseres Gruenders, der solche schweinereien mit Sicherheit nicht geduldet haette. Das hat nichts mit Sippenhaft fuer alle Priester zu tun, sondern mit der Tatsache das die Kirche als Institution tabula rasa in den eigenen Reihen machen muesste, aber genau das Gegenteil tut. Es ist eine gnadenlose Schande die mich als Katholik tief beschaemt und ich mich jeden Sonntag fragen muss ob ich den Glaubensschwur auf die Kirche wirklich noch persoenlich verteten kann.
town621903 12.02.2010
5. Wen wundert die Kirche noch?
Was hier passiert, zeigt eigentlich nur die menschenverachtende Denkweise der katholischen Kirche. Über Jahrhunderte wurden entweder von der Kirche selbst (siehe Inquisition) und mit Wohlwollen / Wegschauen der Kirche (drittes Reich, jede moderne Diktatur) Andersdenkende verfolgt, gefoltert und ermordet. Selbst heute noch akzeptiert die katholische Kirche, daß "Brüder" den Holocaust leugnen. Die jetzt offengelegten Vergewaltigungen Minderjährigen zeigen zwei Dinge: 1. Die katholische Kirche hat dasselbe menschenverachtende Weltbild wie in den letzten Jahrhundert: Nehme Dir, was Du willst, egal was es andere kostet, denn wir haben immer recht. 2. Wenn erkannt wird, daß doch eine Straftat begangen wurde, soll alles möglichst verschwiegen werden - man versetzt den "fehlgeleiteten Bruder" und hofft, daß es nicht mehr vorkommt. Beides sind die Seiten derselben Medaille mit dem Namen Menschenverachtung. Nächstenliebe und Fürsorge sieht anders aus.
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