"Sexy Photos Gate": Chinas nackte Superstars

Von Marcel Grzanna, Peking

Nackte Prominente, Pornobilder, entsetzte Fans: Die Harmonie in China ist aus der Balance, seit rund 1300 Sexfotos des Schauspielstars Edison Chen im Internet aufgetaucht sind. Jetzt erfasst eine Debatte über Moral und westliche Enttabuisierung das Land.

Hongkong - Der Schauspieler Edison Chen will nie wieder in Hongkong arbeiten, Chinas aufregendster Metropole. Noch kürzlich war der 27-Jährige der Superstar des dortigen Kinos, außerdem populär als HipHop-Künstler. Doch nun ist er schon seit Wochen in einen äußerst peinlichen Skandal verstrickt - der in China sprachlich etwas unbeholfen unter "Sexy Photos Gate" firmiert.

Im Internet tauchten rund 1300 Sexfotos auf, die Chen mit zum Teil ebenfalls sehr prominenten Gespielinnen zeigen. Um das Ausmaß des chinesischen Sex-Skandals zu illustrieren, moderierte der US-Nachrichtensender ABC die Berichterstattung mit den Worten an: "Stellen Sie sich vor, Paris Hilton, Britney Spears und Lindsay Lohan hätten für Justin Timberlake und seine Kamera die Kleider abgelegt."

Chen zeigte sich bei einer Pressekonferenz zerknirscht: "Ich möchte mich gern bei all den Damen und ihren Familien entschuldigen. Diese Fotos sind meine Privatangelegenheit und waren niemals für die Öffentlichkeit bestimmt", sagte der gebürtige Kanadier. "Die ganze Sache ist in einem so ungeahnten Ausmaß aus dem Ruder gelaufen, dass nun die gesamte Gesellschaft davon betroffen ist, und dies macht mich zutiefst traurig." Im selben Atemzug erklärte Chen seinen Abschied aus dem Hongkonger Filmgeschäft.

Handelt es sich bei der Chen-Affäre um einen Unfall, ein Verbrechen - oder schlicht um schiefgelaufene Eigenpromotion? Die Mutmaßungen erhielten neues Futter, nachdem Chen ("Batman – The Dark Knight") in der vergangenen Woche zehn Stunden lang von der Hongkonger Polizei verhört wurde. Chen behauptet, die Fotos seien ihm geklaut worden. Doch es gibt Spekulationen, dass er den vermeintlichen Datenraub selbst eingefädelt hat. Denn spätestens seit eine strohblonde Hotelkettenerbin aus den USA mit Sexvideos der Marke Eigenproduktion ihren Bekanntheitsgrad international gesteigert hat, scheinen Privatpornos als Marketingtrick salonfähig geworden zu sein. Doch Pornografie ist in Hongkong und China gesetzlich verboten, weswegen Chen ernsthafte Schwierigkeiten drohen - bis hin zu einer Gefängnisstrafe.

"Diese Photos sind meine Privatangelegenheit"

Bisher galt Chen rechtlich als das Opfer. Sein pinkfarbener Laptop sei von einem jungen Angestellten eines Computerfachgeschäfts durchwühlt worden, wo Chen das Gerät reparieren lassen wollte. Der Mann sei dabei "zufällig" auf die Bilder gestoßen, hieß es. Er habe sie kopiert, ein paar Kumpel in seinen Fund eingeweiht und die Fotos an die Freunde weitergeleitet. Ende Januar tauchten dann die ersten Bilder im Internet auf.

Zehn Personen hat die Polizei im Zusammenhang mit der Affäre bereits festgenommen. Sie alle stehen im Verdacht, an der Verbreitung des pornografischen Materials beteiligt gewesen zu sein. Offenbar bestand großer Bedarf, den Schauspieler und seine zum Teil ebenfalls prominenten Bettgefährtinnen aus dem Showbusiness in flagranti zu betrachten. Zigmillionen Mal sind die Bilder allein in China heruntergeladen geworden.

Auch die Sängerin Gillian Chung, eine von Chens möglichen Gespielinnen, trat in einem Akt der Selbstgeißelung vor die Presse. "Naiv und dämlich" sei ihr Verhalten gewesen, sagte Chung - ohne explizit zuzugeben, dass sie tatsächlich auf den Fotos zu sehen ist.

Causa Chen: "Im Jahr der Ratte die erste Rattenplage"

Neben dem rechtlichen Aspekt der Causa Chen beschäftigt die Chinesen vor allem der moralische. Bis vor wenigen Jahren war Sex im Reich der Mitte ein öffentliches Tabu. Jetzt sorgen die Stars der Gesellschaft für Gesprächsstoff, der die Grenzen dessen sprengt, was viele Chinesen ertragen wollen. "Ich habe die Fotos nicht gesehen, und ich will sie auch nicht sehen. Ich bin schockiert davon", sagt eine 25-Jährige Pekingerin. Andere zeigen sich amüsiert: "Jeder Typ in China wünscht sich, mit Chen zu tauschen", schreibt ein Internetnutzer mit dem Namen CTU im Internetportal News Talk über den Vorfall. "Für die meisten Männer wird er erst jetzt zum Idol."

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua versuchte zu retten, was zu retten ist, und lobte chinesische Internetportale, die sich einer Verbreitung der Fotos verweigert hatten, für ihre "soziale Verantwortung". Die Affäre sei im neuen chinesischen Jahr der Ratte die "erste Rattenplage", hieß es. In einer Online-Umfrage der Hongkonger Zeitung "Ming" akzeptierten fast zwei Drittel der Teilnehmer Chens Entschuldigung, ein Drittel tat dies nicht.

Wie viele prominente Damen Edison Chen insgesamt in Schnappschüssen verewigt hat, ist noch unklar. Bisher war von rund sechs Frauen die Rede, neben der Sängerin Chung befürchtet zum Beispiel auch Schauspielerin Cecilia Cheung das Ende ihrer Karriere. Doch Medienberichten zufolge hat Hongkongs Polizei nun gut 1000 weitere Aufnahmen entdeckt, die der Onlinegemeinde verborgen geblieben waren.

Angeblich sind drei neue Liebhaberinnen auf den Bildern zu sehen.

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Sexskandal in Hongkong: "Naiv und dämlich"