Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sicherheitslage in Haiti: Polizei setzt Tränengas gegen Plünderer ein

In Port-au-Prince schlägt die Verzweiflung immer häufiger in Gewalt um. Die Zahl der Plünderungen steigt - Anwohner wehren sich mit Lynchjustiz dagegen. Präsident Préval hat den Ausnahmezustand verhängt. Er bat die USA, für Sicherheit zu sorgen. Die EU erwägt, Polizisten auf die zerstörte Insel zu schicken.

Fotostrecke

16  Bilder
Haiti-Krise: Stau wie auf der Autobahn
Port au Prince - Die Stimmung in Haiti wird zusehends aggressiver. Am Alten Markt im Stadtzentrum ging die Polizei mit Tränengas gegen Hunderte von steinewerfenden Plünderern vor. Mit Lastwagen fuhren die Sicherheitskräfte in die Menge und versuchten so, die Menschen auseinanderzutreiben. In vielen Straßen der in Trümmern liegenden Stadt waren Gewehrschüsse zu hören. Vermummte junge Männer zogen mit Macheten durch die Stadtviertel. Die Behörden warnten davor, dass sich die Gewalt weiter ausbreiten könnte. Mindestens zwei Plünderer wurden bereits von Anwohnern zusammengeschlagen und erschossen.

Auch gegen Präsident René Préval richtet sich der Zorn der Menschen. Bislang ließ sich Préval weder bei den Rettungskräften sehen, noch wandte er sich seit dem Beben direkt an das Volk. Deshalb mehren sich die Rufe nach einer Rückkehr von Jean-Bertrand Aristide, der 2004 abgesetzt wurde und derzeit im Exil in Südafrika lebt.

Am fünften Tag nach dem katastrophalen Erdbeben rief die haitianische Regierung den Ausnahmezustand aus. Nach Regierungsangaben vom Sonntag soll die Maßnahme vorerst bis Ende des Monats aufrechterhalten werden.

Die haitianische Regierung ersuchte inzwischen die USA ausdrücklich, für die Sicherheit in dem Karibikstaat zu sorgen und langfristig beim Wiederaufbau des Landes zu helfen. In einem am Sonntag veröffentlichten Kommuniqué beider Staaten begrüßte Préval die Anstrengungen der USA als wesentlich für den Wiederaufbau und die Stabilität des Landes. Die Erklärung ist Resultat eines Treffens Prévals mit US-Außenministerin Hillary Clinton am Samstag in Port-au-Prince.

Rettungskräfte finden weiter Überlebende. Allerdings sinkt die Chance für die Verschütteten von Stunde zu Stunde dramatisch. Unter den Trümmern eines eingestürzten Hotels entdeckten Helfer mit Suchhunden ein 16 Jahre altes Mädchen und bargen es. Auch auf dem Gelände des zerstörten Uno-Hauptquartiers in der haitianischen Hauptstadt wurde am Sonntag ein Mitarbeiter aus den Trümmern gerettet. Mindestens 39 seiner Kolleginnen und Kollegen kamen dort aber um - darunter auch der Chef der Uno-Mission, Hedi Annabi.

Letzte Frist für Verschüttete

Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mehr als 1700 Rettungskräfte bislang über 70 Menschen lebend aus den Trümmern gerettet. Verschüttete könnten unter optimalen Bedingungen bestenfalls bis Montag überleben, erklärte eine Uno-Sprecherin.

Generalsekretär Ban Ki Moon bat die Opfer des Jahrhundertbebens um Geduld. Die Versorgungslage werde sich langsam weiter verbessern. Ban hatte am Sonntag Port-au-Prince besucht.

Nach Angaben der haitianischen Regierung sollen ab Montag rund 280 Notfallzentren in Schulen und öffentlichen Gebäuden in Haiti eröffnet werden. Wie aus Regierungskreisen verlautete, sollen diese in enger Abstimmung mit dem Welternährungsprogramm betrieben werden und der Verteilung von Hilfsgütern sowie als Notunterkünfte dienen.

Nach Angaben des kanadischen Außenministers Lawrence Cannon wollen die Geberländer in einer internationalen Konferenz am 25. Januar in Montréal über weitere Hilfsmaßnahmen für Haiti beraten. An dem Treffen sollen auch Hillary Clinton und der haitianische Ministerpräsident Jean-Max Bellerive teilnehmen.

Erschütternde Szenen spielten sich in einem stark zerstörten Altenheim ab. Für die 85 überlebenden Bewohner gibt es weder Lebensmittel noch Wasser oder Arzneimittel. Ein Bewohner sei bereits gestorben, weitere würden unweigerlich folgen, wenn nicht unverzüglich Wasser und Nahrungsmittel in dem Heim nur gut einen Kilometer vom Flughafen entfernt eintreffen, wie Leiter Jean Emmanuel sagt.

Die Europäische Union will mehr als eine Million Euro Wiederaufbauhilfe für den Karibikstaat freigeben. Wie am Sonntag aus Diplomatenkreisen verlautete, soll diese Summe am Montag auf dem Krisentreffen der EU-Entwicklungsminister in Brüssel angekündigt werden. Die Endsumme könne sogar bei mehr als 200 Millionen Euro liegen, dies hänge aber von weiteren Verfahren ab, sagte der EU-Diplomat weiter. Das Geld ist demnach für die mittel- und langfristige Entwicklung geplant und wird zusätzlich zu der bereits zugesagten Soforthilfe der EU-Länder bereitgestellt. Die Mittel sollen von EU-Fonds abgezweigt werden, deren Budget bislang noch nicht ausgegeben wurde.

EU erwägt Polizeimission

Nach Angaben des niederländischen Außenministers Maxime Verhagen erwägt die EU zudem die Entsendung einer Polizeimission in das zerstörte Land. "Wenn keine ausreichende Sicherheit gewährleistet ist, wird auch die Hilfe für die Erdbebenopfer enden", erklärte er am Sonntag nach einem Telefonat mit seinen EU-Kollegen und der neuen EU-Außenministerin Catherine Ashton. Daher werde die EU in Abstimmung mit den Vereinten Nationen entscheiden, welche Maßnahmen nötig seien, um die Sicherheit in Haiti zu gewährleisten.

Über die Zahl der Todesopfer herrscht immer noch Unklarheit. Nach Angaben der Regierung wurden bereits 70.000 Tote geborgen. Diese Zahl nannte der haitianische Ministerpräsident Jean- Max Bellerive am Sonntag dem amerikanischen Fernsehsender ABC. Viele Erdbebenopfer seien jedoch von Familienangehörigen beigesetzt worden. Dazu lägen keine Schätzungen vor. Offiziell und inoffiziell wird davon ausgegangen, dass bei dem Beben am Dienstag bis zu 200.000 Menschen ums Leben gekommen sein könnten.

Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE

Desaster in Port-au-Prince: Der Klick aufs Bild startet die interaktive Grafik

ler/APN/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Hätten Europa und die USA mehr für die politische Stabilität Haitis tun müssen?
insgesamt 1801 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die Frage kommt zu spät
Palmstroem, 16.01.2010
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
2. Genau
Brand-Redner 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
3.
forumgehts? 16.01.2010
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
4. Brunnenkinder
archelys, 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
5. Titel verweigert!
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Haiti: Wie kommt die Hilfe zu den Menschen?


Karte

Karte: Haiti mit der Hauptstadt Port-au-Prince

Größere Kartenansicht
Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
Armenhaus Amerikas
Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
Uno-Friedenstruppen
Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.

Fotostrecke
Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: