Sicherheitslage in Haiti Tödliche Schüsse auf Plünderer

Hunderte Menschen haben in Port-au-Prince einen Supermarkt gestürmt. Die Polizei eröffnete das Feuer auf die Plünderer, mindestens ein Mann wurde getötet. In der Hauptstadt soll es auch zu Lynchmorden gekommen sein.


Fotostrecke

14  Bilder
Haiti: "Sie kommen, gucken, und gehen wieder weg"
Port-au-Prince - Berichte über Plünderungen, vereinzelte Schüsse - verzweifelte Menschen in Haitis zerstörter Hauptstadt Port-au-Prince greifen zu Gewalt, um sich das Überleben nach der Erdbebenkatastrophe zu sichern. Am Sonntag stürmten Hunderte Menschen einen Supermarkt, die Polizei eröffnete das Feuer auf die Plünderer. Nach Angaben eines AFP-Fotografen wurde ein etwa 30 Jahre alter Mann tödlich getroffen. Er starb durch Schüsse in den Kopf. Auch nach den Schüssen dauerten die Zusammenstöße mit der Polizei an, berichtete die Nachrichtenagentur AFP, selbst bewaffnete Verstärkung für die Sicherheitskräfte vertrieb die Menge zunächst nicht.

Angesichts der chaotischen Zuständen nehmen manche Überlebende das Gesetz nun selbst in die Hand. Korrespondenten berichteten von mehreren Lynchmorden in Port-au-Prince. In einem Fall setzten wütende Anwohner einen Mann in Brand, der nach ihrer Schilderung beim Stehlen erwischt worden war. In einer anderen Straße lagen die Leichen zweier junger Männer, deren Arme auf den Rücken gefesselt waren. Ihre Körper wiesen Schusswunden auf. Ein Anwohner verteidigte das Vorgehen: "Es gibt keine Gefängnisse, die Kriminellen laufen frei herum. Und von der Polizei fehlt jede Spur."

Um die prekäre Sicherheitslage in den Straßen der Hauptstadt zu verbessern, sollen nach Angaben von Präsident René Préval 3500 US-Soldaten die Uno-Friedenstruppe sowie die örtliche Polizei verstärken. "Wir haben 2000 Polizisten in Port-au-Prince, die nur begrenzt einsatzbereit sind. Und aus dem Gefängnis sind während des Erdbebens 3000 Verbrecher geflohen", sagte Préval vor Journalisten. "Das gibt Ihnen eine Vorstellung, wie ernst die Lage ist."

In den vergangenen Tagen war es immer wieder zu Plünderungen in dem Erdbebengebiet gekommen, auch weil die Hilfslieferungen für die Hunderttausenden Opfer viel zu langsam anlaufen: In dem Land gibt es keine Autorität, die in der Lage wäre, Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Staatliche Strukturen sind in Haiti kaum vorhanden. Zudem kam die gesamte Spitze der Uno-Mission in Haiti bei dem Beben um. Missionschef Hédi Annabi, sein Stellvertreter Luiz Carlos da Costa, der Uno-Polizeichef in Haiti, Doug Coates - sie fehlen schmerzlich bei der Koordination des Chaos. Ihre Leichen wurden in den Trümmern entdeckt.

Für den Anfang gibt es Energieriegel und leere Eimer

Hilfsorganisationen bemühen sich um die Weiterleitung von Wasser und Lebensmitteln, doch sie werden immer wieder auf blockierten Straßen aufgehalten. Auch die Helfer sind besorgt über die zunehmende Gewalt. Bei der Verteilung von Essen in einem Fußballstadion prügelten sich rund 200 Jugendliche um die Rationen und warfen Steine. "Nicht auszudenken, was hier los wäre, wenn die Menschen erfahren würden, dass in einem Stadtteil eine Lebensmittelaktion stattfindet", sagt Birgit Zeitler vom Nothilfeteam der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Die Organisation will am Montag zum ersten Mal Wasser an die Menschen verteilen.

Bisher hat das Welternährungsprogramm (WEP) dem Vernehmen nach fünf Orte ausgesucht, wo Lebensmittel ausgegeben werden können: zwei Fußballplätze und drei freie Flächen. Dort gab es für den Anfang Biskuitriegel und leere Wassereimer. "Alle sind verunsichert, weil sie nicht die Lunte an das Fass legen möchten", sagt Zeitler. Auch Rüdiger Ehrler von der Deutschen Welthungerhilfe sagte: "Ich würde mich noch nicht trauen, Nahrungsmittel im größeren Umfang auszugeben." In den Parks und auf freien Flächen, wo Tausende Menschen seit dem vergangenen Dienstag campieren, gebe es keinerlei Strukturen für eine Verteilung.

Die jüngste Schätzung der haitianischen Regierung: mindestens 100.000 Tote.

jul/AFP/dpa/apn/Reuters



Forum - Hätten Europa und die USA mehr für die politische Stabilität Haitis tun müssen?
insgesamt 1801 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.