S.P.O.N. - Helden der Gegenwart Das Schweigen der Spinner

Die NPD fühlt sich von Joachim Gauck verunglimpft, weil sie sich angesprochen fühlte, als der Bundespräsident von "Spinnern" sprach. Zugleich hat sich bisher kein Spinner darüber beschwert, dass Gauck ihn mit Rechten gleichsetzt. Warum nur?

Eine Kolumne von Silke Burmester


Wir leisten uns in diesem Land eine sehr besondere Person. Eine Person, die man eigentlich nicht so richtig braucht, denn sie ist nur dazu da, zu repräsentieren und ab und zu mal was Kluges zu sagen. Also eine Art Funkenmariechen mit Hirn, das wir im schönsten Haus am Platz unterbringen und hoffen, dass es zum richtigen Zeitpunkt das Richtige sagt. Und wenn es im besten Falle etwa äußert: "Der Islam gehört zu Deutschland", geht ein Ruck durchs Land. Entsprechend darf man den Bundespräsidenten als eine Art "Ruckstar" verstehen. Seine Mission: die Republik zu rucken.

In dieser Aufgabe als Chefgewissen hat Bundespräsident Joachim Gauck im August eine Rede vor Schülern einer Berliner Oberstufe gehalten und im Zusammenhang mit ausländerfeindlichen Protesten in Berlin-Hellersdorf gesagt, Bürger sollten auf die Straße gehen und "den Spinnern ihre Grenzen aufweisen".

Die NPD, tagelang an der Hellersdorfer Protestfront aktiv, fühlte sich angesprochen und durch die Bezeichnung "Spinner" so gekränkt, dass sie vor dem Bundesverfassungsgericht eine einstweilige Anordnung gegen Gauck beantragte. Denn natürlich möchte die NPD mit ihren Vorstellungen von weißer Rasse, der Vormacht der Kartoffel gegenüber dem Reis und dem Anspruch, dass die Deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs sind, ernst genommen werden und nicht als "Spinner" gelten.

Jeder fühlt sich beleidigt

Obendrein meinen sie, dass so eine Aussage so kurz vor der Wahl eine Beeinflussung darstellte, die sich negativ auf das Wahlergebnis auswirken könnte. Ich wette, den Schritt, die Wahl im Nachhinein für ungültig erklären lassen zu wollen, konnte nur dadurch verhindert werden, dass jemand NPD-Chef Udo Pastörs gesagt hat, viele Schüler seien nicht volljährig gewesen und demnach nicht wahlberechtigt. In meiner Vorstellung sagt Pastörs dann: "Nicht volljährig heißt nicht wahlberechtigt?! Echt?!?"

Das Bundesverfassungsgericht hat damals den Eilantrag der NPD abgelehnt und muss dieser Tage darüber entscheiden, was ein Bundespräsident sagen und inwieweit er sich in politische Diskussionen einmischen darf.

Viel mehr aber als die Reaktion der Neonazis überrascht mich, dass sich nicht die "Spinner" gemeldet haben, um dagegen zu protestieren, dass der Bundespräsident sie mit den Rechten gleichgesetzt hat. Es herrscht momentan ein sehr empfindsames Klima, jeder fühlt sich augenblicklich beleidigt, wenn man die falschen Leute ihrem Leid zuordnet oder es wagt, das Leid in den Kontext von unterhaltsamen Gedanken zu rücken.

Ich erinnere mich meiner Auslassungen zum angeblichen Burnout des vorherigen NPD-Obersten Holger Apfel, den meiner Vermutung nach die viele Ausländer-Hetze und ständige Sorge um die deutschen Ostgebiete in die Erschöpfung getrieben hatte. Augenblicklich standen die Anhänger der Burnout-Bewegung auf der Kommunikationsmatte und verurteilten empört mein Mich-lustig-Machen über die Erkrankung. Oder die Fürsprecher des Borderlinesyndroms, die sich echauffierten, als ich vor ein paar Tagen an anderer Stelle einen wirren, egomanischen, Kollegen bepöbelnden Autoren per Ferndiagnose als Borderliner bezeichnete. Sie fragten entsetzt: "... geht's noch mit 'n bisschen mehr Hass gegen Menschen mit psychischen Erkrankungen?"

Wie, so würde ich gern wissen, erklärt sich der Großmut der Spinner? Wieso empören sie sich nicht? Ist es, weil sie nicht organisiert sind? Einzelwirre ohne Clubmitgliedschaft und Statut?

"Schrei nach Liebe"

Immerhin, und das ist auch die Argumentation des Bundespräsidenten, hat er vor Jugendlichen gesprochen und muss Wörter wählen, die die jungen Menschen erreichen. Wäre er einen Schritt weiter gegangen, hätte im Verzeichnis für Jugendwörter gesucht und Begriffe wie "Hobby-Hitler" und "Pimmelkopf" gewählt, wäre ihm vorgeworfen worden, sich anbiedern zu wollen. Nein, er hat sich für das schöne, alte Wort "Spinner" entschieden und im Angesicht seiner Ausbildung zum Sprachrohr Gottes kann man nur froh sein, dass er nicht mit "Ketzern" und dem "Teufel" um die Ecke kam. Dann wäre er wohlmöglich im Fegefeuer der Nörgler über klerikales Spinnertum gelandet.

Aber ich will so Nazis auch ernst nehmen. Die sind immerhin mit Keulen unterwegs und haben ihre Empathiefähigkeit und Menschlichkeit abgespalten, damit sie nicht nur stets grimmig gucken, sondern auch denen, die sie spinnert finden, ohne Zweifel ins Gesicht treten können. "Spinner" finden sie nicht hübsch. Ein Bundespräsident sollte andere Ausdrücke finden, wenn er vor Jugendlichen spricht. Vielleicht hätte er sich von den Ärzten inspirieren lassen sollen. In ihrem Lied "Schrei nach Liebe" singen sie: "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe. Deine Springerstiefel sehen sich nach Zärtlichkeit". Dann wäre er vielleicht auf "Emotionskakteen" gekommen. Oder "Denkasketen".



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mitbestimmender wähler 01.03.2014
1. "Spinner" das Modewort deutscher Politiker
Statt Gegenargumente zu bringen, sich gut zu "verkaufen" verunglimplicht man mit Worten auf das Gegenüber. Diese deutschen Politiker sind der Auffassung da über ihre schwache Vorbereitung, Einarbeitung und den fehlenden Informationsstand hinwegtäuschen zu können.
tom-sawyer, 01.03.2014
2.
Zitat von sysopDie NPD fühlt sich von Joachim Gauck verunglimpft, weil sie sich angesprochen fühlte, als der Bundespräsident von "Spinnern" sprach. Zugleich hat sich bisher kein Spinner darüber beschwert, dass Gauck ihn mit Rechten gleichsetzt. Warum nur? http://www.spiegel.de/panorama/silke-burmester-ueber-joachim-gauck-die-npd-und-die-spinner-a-955987.html
Das kann ich Ihnen sagen, gute Frau: Als zumindest zeitgleicher "'68er" durfte ich bereits seinerzeit in MR (*) erfahren, daß gew. linke/kommunistische/... Kreise per se "die Guten" waren, die die von wem auch immer die Wahrheit gepachtet zu haben glaubten und somit natürlich auch noch heute deshalb zwangsläufig keine "Spinner*I*nnen" sein _können_! (*) Mich (Naturw.!) hatte mal das zweifelhafte Vergnügen heimgesucht, Wolfgang Abendroth im randvollen(!!!) AudiMax erleben zu wollen, also den Quasi-*Gott* im Kreise seiner Jünger*I*nnen - nun ja ... :-(((
cruzifer 01.03.2014
3. Kern der Problematik
es ist natürlich amüsant zu lesen, welchem steinzeitartigen Wesen der "Nazi" unterliegt, jedoch hätte ich es als informativer gefunden, wären sie auf die eigentliche Debatte ("parteilichkeit eines unpateiischen") und die damit verbundene Problematik des Amtsmissbrauch eingegangen. Wie es scheint, scheuen sie die Auseinandersetzung, da sie Angst haben den Spinnern wohlmöglich recht zu geben. ich selbst verachte die npd zu tiefst und betrachte mich als aufrechten Demokraten, jedoch sichert der Rechtsstaat die Belange eines Jeden und sollte den Bundespräsidenten in seine Schranken weisen. auch diejenigen, dessen Meinung und Weltanschauung ich nicht teile sind vor dem Gesetz gleichwertig! Dies nennt sich nunmal Demokratie!
euroman 01.03.2014
4.
---Zitat--- Wie, so würde ich gern wissen, erklärt sich der Großmut der Spinner? Wieso empören sie sich nicht? Ist es, weil sie nicht organisiert sind? Einzelwirre ohne Clubmitgliedschaft und Statut? ---Zitatende--- Ich will nat. keinesfalls alle Spinner in einen Topf werfen. Aber vielleicht lassen sich die in der Kolumne aufgeworfenen Fragen klären, wenn man davon ausgeht, dass sich zumindest ein guter Teil der politisch aktiven Spinner in Parteien wie der NPD tummelt. Deshalb kann genau dieser Teil der internat. Spinnerbewegung die Gleichsetzung "NPD - Spinner" nicht als Herabsetzung oder gar Diskriminierung empfinden. Denn dann müssten sich die Spinner ja darüber beschweren, dass sie in die Nähe einer Partei gerückt werden, die eh schon ein lebendiger Ausdruck von Spinnerei ist. Gelebtes Spinnertum quasi. Zugegeben, einige ehrliche Spinner mögen mit der NPD nix zu tun haben. Deshalb wurde ja auch die AfD gegründet, die sich immer ganz doll abgrenzt.
woodeye 01.03.2014
5. Dafuer laesst sich der Bundespraesident fuer den Islam
gern vor den Karren spannen. So geschehen bei seinem kuerzlichen Staatsbesuch in Burma/Myanmar, wo er fuer die groesstenteils illegal aus Bangladesh eingewanderten Bengali-Rohingya ergriff. Mehr als eine Million Moslems, darunter massenhaft Fanatiker, die den Islam vorantreiben und deshalb dem ueberwiegend buddhistischen Myanmar schwer zu schaffen machen. Aber Herr Gauck und die ihn instruierten Islamverbaende in D wissen es sicherlich besser ! Deutschland hat der BP jedenfalls keinen guten Dienst in Burma erwiesen.
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