Silvester rund um den Globus Schweigeminuten, schwarze Tücher und weiße Rosen

Silvesterfeiern in der ganzen Welt standen unter dem Eindruck der Flutkatastrophe. In den Katastrophengebieten wurden viele Partys abgesagt. Auf Phuket trotzten einige Touristen dafür der Trauer mit umso ausgelasseneren Feiern.


Berlin/New York/Paris - In Sydney, wo eine Million Menschen am Hafen zu einer der ersten und auch größten Silvesterfeiern der Welt zusammenkamen, begann das Fest mit einer Schweigeminute. "Der Tsunami steckt allen im Hinterkopf", sagte der britische Tourist Mark Stiles.

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Silvester in aller Welt: "Der Tsunami steckt allen im Hinterkopf"

In Thailand wurden auf Bitten der Regierung die meisten Silvesterpartys abgesagt. "Hier sind zu viele Leute gestorben, da kann ich das neue Jahr nicht feiern", sagte ein Tourist aus Waiblingen. Auf der Insel Phuket versammelten sich mehrere hundert Menschen mit weißen Rosen und Kerzen im Gedenken an die Toten. Doch nicht alle ließen sich die Partylaune verderben. Mancherorts in Phuket herrschte ausgelassene Partystimmung, wo noch vor wenigen Tagen Tausende Menschen in Todesangst vor den mörderischen Wellen der Flutkatastrophe flohen. Kurz nach Mitternacht tummelten sich am Patong-Beach einige europäische Touristen in den Bars und Diskotheken der Vergnügungsmeile Bangla Road, als wäre nichts gewesen. "Das Leben muss weitergehen" war ihr Motto in dieser Silvesternacht.

SMS-Aktion für Unicef

Auch in den indischen Großstädten mit Ausnahme von Madras fanden die meisten Silvesterpartys statt. Vielfach wurde für Spenden zugunsten der Flutopfer gesammelt. In Europa, von Rom und Istanbul bis Skandinavien, wurden viele Silvesterfeiern und öffentliche Feuerwerksaufführungen abgesagt.

Der indonesische Präsident Susilo Yudhoyono rief die Bevölkerung auf, im Gedenken an die Opfer der Naturkatastrophe auf Silvesterpartys zu verzichten. "Wir trauern noch. Lasst uns zusammen beten und hoffen, dass Gott uns nicht eine weitere Katastrophe schickt", sagte Yudhoyono.

In Berlin, wo Zehntausende zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule zusammenkamen, war die Betroffenheit über die Katastrophe in Asien deutlich spürbar. Auf Großleinwänden wurde zu Spenden für Unicef aufgerufen. Allein bei einer SMS-Aktion von Unicef kamen dort bis Mitternacht mindestens 350.000 Euro zusammen. Zu der traditionellen Veranstaltung waren laut Polizei 700.000 Gäste gekommen. Sie verlief ohne größere Zwischenfälle.

Zahlreiche Veranstalter in Deutschland hatten auch dazu aufgerufen, auf Feuerwerkskörper zu verzichten und stattdessen für die Opfer der Flutkatastrophe in Asien zu spenden. Der Verband der pyrotechnischen Industrie hielt dennoch zunächst seine Einschätzung aufrecht, dass auch dieses Jahr wieder Raketen und Böller im Wert von 97 Millionen Euro verfeuert wurden.

In Österreich spendete die Stadt Graz ihre für ein Feuerwerk geplanten Mittel für die Flutopfer; auch in Innsbruck blieben die Raketen im Depot. "Nie ist der Schritt in ein neues Jahr schwerer gewesen", sagte der schwedische Ministerpräsident Göran Persson. Feuerwerk und festliche Stimmung seien fehl am Platz gewesen. Stattdessen wurden die Schweden aufgerufen, eine Kerze ins Fenster zu stellen.

In den Banlieus brennen die Autos

In London verharrten die Menschen am Trafalgar Square und an der Themse fünf Minuten vor Beginn des neuen Jahres zu zwei Schweigeminuten. Erst als die Glockenklänge von Big Ben verklungen waren, wurde der Nachthimmel in ein leuchtendes Feuerwerk getaucht.

Mit Feuerwerk und Krawallen sind die Pariser in das neue Jahr gerutscht. Während im reichen Zentrum der Metropole 400.000 Menschen ausgelassen die sprühenden Funken am Sternenhimmel beklatschten, zündeten Jugendliche in den sozialen Brennpunkten der Vororte wie schon in den Vorjahren mehr als hundert Fahrzeuge an.

Obwohl Tausende Polizisten aufgeboten worden waren, um Ausschreitungen zu verhindern, gingen in den Vororten der Stadt über hundert Autos in Flammen auf. Einige Beamte wurden von Molotow-Cocktails verletzt; dutzende Jugendliche wurden festgenommen. Die Präfektur erklärte, wegen des großen Polizeiaufgebotes sei Schlimmeres verhindert worden.

Vom Pariser Louvre bis zu den Champs-Élysées feierten dagegen nach Polizeiangaben 400.000 Menschen fröhlich das neue Jahr. Ein Feuerwerk mit 2000 Raketen erleuchtete den Himmel. Es warb für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2012 in der Seine-Metropole. In Frankreich wird das neue Jahr normalerweise ohne Böller und Raketen mit Champagner und Austern begrüßt. Die Champs Elysees waren zum Zeichen der Trauer und Solidarität mit schwarzen Tüchern drapiert.

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg sagte zu Beginn des neuen Jahres, dies sei die Zeit, "um zu erkennen, wie glücklich wir sind". Eine Viertelstunde nach Mitternacht hielt die Menschenmenge auf dem New Yorker Times Square in einer Schweigeminute inne.

Beethovens Neunte für die Opfer

Auch die New Yorker Philharmoniker haben ihre traditionelle Silvester-Aufführung der 9. Sinfonie Beethovens den Opfern der Flutkatastrophe in Asien gewidmet. Philharmonie-Direktor Zarin Mehta rief zu Beginn des im Rundfunk übertragenen Konzerts zu Spenden für die Not leidenden Menschen auf.

Das Konzert wurde von dem 77-jährigen Kurt Masur dirigiert, der das Orchester bis 2002 zehn Jahre geleitet hatte. Er wurde vom New Yorker Publikum mit lang anhaltendem Beifall gefeiert.

Hunderttausende New Yorker und Besucher der Stadt gedachten der Flutopfer zum Beginn der Silvesterfeier auf dem Times Square mit einer Schweigeminute. Bürgermeister Michael Bloomberg rief die Partyteilnehmer auf, vor dem Schlafengehen "in den Spiegel zu schauen und daran zu denken, dass es nicht allen so gut geht wie uns".

Auch der frühere US-Präsident Bill Clinton und seine Frau Hillary riefen zur Hilfe auf. Beim Besuch eines buddhistischen Tempels im New Yorker Stadtbezirk Queens versprachen sie eine "erhebliche" Spende aus ihrem Privatvermögen. Millionen von Amerikanern haben nach US-Medienberichten bereits in den letzten Tagen Geld an Hilfsorganisationen überwiesen.



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