"Costa Concordia"-Simulation: Die Märchen des Capitano

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Kapitän Schettino gilt als ein Hauptschuldiger der "Costa Concordia"-Havarie. Er selbst behauptet, durch ein mutiges Steuer-Manöver eine noch größere Katastrophe verhindert zu haben. Deutsche Experten verweisen diese Version ins Reich der Märchen.

"Costa Concordia": Simulation der Havarie Fotos
DPA

Auf der Brücke der "Costa Concordia" herrscht am Abend des 13. Januar Chaos. Gerade hat das Kreuzfahrtschiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der Insel Giglio einen Felsen gerammt. Der Rumpf ist auf einer Länge von 70 Metern aufgeschlitzt, Hunderte Tonnen Wasser dringen ein. Die "Concordia" krängt, legt sich von links (Backbord), nach rechts (Steuerbord).

Wenig später wendet das Schiff und fährt auf den Hafen der Insel zu. Ein mutiges und vor allem geplantes Manöver, um möglichst viele Menschenleben zu retten, wird Kapitän Francesco Schettino später behaupten. Er habe die "Concordia" in der Bucht vor Giglio gedreht, bis sie ganz nah am Ufer aufsetzte - damit die Menschen an Land schwimmen können.

Ermittler haben früh an Schettinos Heldengeschichte gezweifelt. Für ein solches Manöver des Capitano habe die Steuerung nicht mehr gut genug funktioniert. Die Aussagen einer Offizierin stützen diese Zweifel. Silvia Coronika, 29, dritte Offizierin an Deck, hatte in der Unglücksnacht Wache auf der Brücke. Der Kapitän habe keinen Befehl gegeben, wie das Schiff zu manövrieren sei, so Coronika. Die Annäherung der "Concordia" an die Küste sei ohne sein Zutun erfolgt. "Er lief von einer Seite auf die andere vor lauter Panik."

Auch die Forscher im Maritimen Simulationszentrum Warnemünde (MSCW) der Hochschule Wismar beschäftigte die Frage nach dem Ablauf des Unglücks. Der Schiffssimulator ist MSCW-Angaben zufolge der einzige weltweit, in dem zugleich eine Simulation des nautischen (Brücke) sowie des technischen (Maschinenraum) Schiffsbetriebes möglich ist und zudem Verkehrsleitzentralen an Land (Schiffsüberwachung) berücksichtigt werden können. Der Simulator dient vor allem der Ausbildung von künftigen Schiffsoffizieren und der Weiterbildung. Dort wird mit allen Beteiligten für den Ernstfall trainiert.

"Der Kapitän hat darauf keinen Einfluss mehr gehabt"

Es können aber auch Unglücke am Computer noch einmal durchgespielt werden. Genau das haben die Rostocker Wissenschaftler um Professor Sven Dreeßen mit den letzten Minuten der "Concordia"-Havarie gemacht, mit einem ähnlichen Schiff und unter Berücksichtigung aller bekannten Bedingungen. Ihre Ergebnisse lassen die Zweifel an Schettinos Version noch größer werden.

Nicht er hat demnach das 290 Meter lange Schiff Richtung Küste bugsiert - sondern allein Restgeschwindigkeit, Strömungen und der vorherrschende Wind aus nordöstlicher Richtung. "Diese Faktoren erklären exakt die weitere Fahrt des Schiffes bis zum Aufsetzen auf den Felsen", sagt Dreeßen. Schettino habe die "Costa Concordia" also gar nicht aktiv in Richtung Hafen gesteuert. Seine Behauptung sei "Quatsch".

Innerhalb weniger Minuten muss laut Dreeßen der Maschinenraumbereich voll Wasser gelaufen sein, es kam zum Blackout. Auch in der Simulation provozierten die Forscher einen Stromausfall. "Damit war das Schiff manövrierunfähig", so der 40-Jährige. Es habe bei Windstärke drei und einer Geschwindigkeit von zunächst sechs bis acht Knoten über Steuerbord gedreht, sei dann kurz zum Stillstand gekommen, ehe der Wind das Schiff auf den Felsen drückte. "Der Kapitän hat darauf keinen Einfluss mehr gehabt", sagt Dreeßen.

Günstiger Wind

Die Berechnungen seines Teams legen zudem nahe, dass lediglich der Wind eine noch schlimmere Katastrophe verhindert hat: Hätte er von der entgegengesetzten Seite geweht, wäre das Schiff laut den Simulationsergebnissen "in Richtung See gedriftet, gekentert und definitiv in tieferem Gewässer gesunken". Die Folge wären vermutlich mehr Opfer gewesen. 32 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen bei dem Unglück ums Leben, darunter zwölf Deutsche. Zwei Menschen werden immer noch vermisst. Dabei handelt es sich nach den Angaben der Präfektur in Grosseto um eine Italienerin und um ein indisches Crewmitglied.

Noch immer liegt die "Concordia" vor der Küste der Insel auf der Seite. Es wird wohl noch zwölf Monate dauern, ehe das Wrack aus der Bucht geschleppt werden kann. So lange plant eine US-Spezialfirma für die Vorbereitungen auf den Abtransport des gekenterten Schiffes ein.

Wenn Professor Stefan Krüger von der TU Hamburg-Harburg Bilder der "Costa Concordia" sieht, kommt er ins Grübeln. "Sie liegt eigentlich auf der falschen Seite", sagt der Schiffbau-Ingenieur. Es sei merkwürdig, dass sie letztendlich nach Steuerbord gekippt ist. Für Krüger deutet dies darauf hin, dass die wasserdichten Schott-Schiebetüren im Bauch des Schiffes nicht ordnungsgemäß verschlossen waren. Mit dramatischen Konsequenzen: Das eindringende Wasser habe sich offenbar rasch ausbreiten können.

Evakuierungssignal kam "sehr viel zu spät"

"Anders ist das Verhalten der 'Costa Concordia' nach der Kollision nicht zu erklären", sagte Krüger. Er hält es für sehr wahrscheinlich, dass das Schiff bei geschlossenen Türen mit den Beschädigungen noch schwimmfähig gewesen wäre. ZDF-Recherchen zufolge soll Kapitän Schettino erst um 22.25 Uhr die Anweisung gegeben haben, alle Schott-Türen zu schließen. 40 Minuten nach der Kollision.

Einen weiteren großen Fehler des "Concordia"-Kapitäns sieht Wissenschaftler Dreeßen darin, nicht unmittelbar nach der Kollision mit dem Felsen Generalalarm ausgelöst zu haben. Das Evakuierungssignal ertönte erst 73 Minuten später - "sehr viel zu spät", sagt Dreeßen. Bei einem früheren Alarm hätten viel mehr Menschen das Schiff mit Rettungsbooten verlassen können.

"Du kannst doch nicht alle in die Rettungsboote bringen und dann, wenn das Boot nicht untergeht, sagen, es war nur ein Scherz. Ich will keine Panik hervorrufen, dann sterben die Leute noch wegen nichts", soll Schettino zu seiner Verteidigung vorgebracht haben. Für Dreeßen, der selbst zehn Jahre lang zur See gefahren ist und auch den Vorsitz des Instituts für Sicherheitstechnik und Schiffssicherheit inne hat, eine reine Schutzbehauptung. Er verweist auf eine Studie, die seit Jahren publik sei: Demnach reagieren nur ein bis drei Prozent der Passagiere in einer solchen Situation panisch.

Die Frage nach dem späten Auslösen des Alarms ist eine von vielen, die in der juristischen Aufarbeitung des Unglücks beantwortet werden müssen. Kapitän Schettino werden mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Kreuzfahrtschiffes während der nächtlichen Evakuierung vorgeworfen. Schettino hatte ausgesagt, die gefährliche Route nahe an die Insel heran sei von ihm erwartet worden. Die Reederei Costa wies dies zurück.

Die italienischen Ermittlungen zur Havarie kommen schleppend voran. Im Juli ist im toskanischen Grosseto der nächste Beweissicherungstermin zu den Ursachen des Schiffbruchs angesetzt.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Alles falsch gemacht
Ylex 26.04.2012
Schettino hat praktisch alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Ein Gigolo, dem die Pomade aus den Haaren trieft, ein Kretin, eine tragische Witzfigur - kein Kapitän. Ab in den Knast.
2.
nudelsuppe 26.04.2012
Zu Schettino fällt mir echt nichts mehr ein. Ein echt mieser Kapitän. Er sollte Iglo-Fischstäbchen-Werbung machen. Da kann er nichts anrichten.
3. .
frubi 26.04.2012
Zitat von sysopKapitän Schettino gilt als ein Hauptschuldiger der "Costa Concordia"-Havarie. Er selbst behauptet, durch ein mutiges Steuer-Manöver eine noch größere Katastrophe verhindert zu haben. Deutsche Experten verweisen diese Version ins Reich der Märchen. "Costa Concordia"-Simulation: Die Märchen des Capitano - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829456,00.html)
Also ich kann den Herrn Schettino verstehen. Wir leben in einer Welt in der ein Schuldbekenntniss in jeder Sparte dieser Gesellschaft verpönt ist. Es kommt so gut wie gar nicht vor, dass jemand sagt: "Das war meine Schuld." Mich hat es schon gewundert, dass Herr Schily eine Teilschuld an der Neonazi-Mordserie eingeräumt hat wobei er jetzt natürlich keine Konsequenzen fürchten muss außer einem negativen EIntrag in seiner Vita. Derjenige, der heutzutage eine juristische Schuld einräumt, ist oftmals der Dumme. Das fängt bereits in der Schule an. Lügner werden belohnt und der Ehrliche steckt die Prügel ein.
4.
hyho 26.04.2012
zeigen Sie immer noch die alte, falsche Route, die das Schiff nach der Havarie am Felsen nahm. Es kam östlich von Giglio etwas nordöstlich des endgültigen Liegeplatzes allmählich zum Stillstand, wurde antriebs- und steuerlos von der Strömung langsam umgedreht und an die Küste getrieben. Schon am Tag nach dem Ereignis konnte man diesen Verlauf im Internet sehen, was dann auch bestätigt wurde. Die Darstellung des Spiegel zum Ablauf ist nicht korrekt.
5. Unerhört!
wolfgangotto 26.04.2012
Zitat von sysopKapitän Schettino gilt als ein Hauptschuldiger der "Costa Concordia"-Havarie. Er selbst behauptet, durch ein mutiges Steuer-Manöver eine noch größere Katastrophe verhindert zu haben. Deutsche Experten verweisen diese Version ins Reich der Märchen. "Costa Concordia"-Simulation: Die Märchen des Capitano - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829456,00.html)
Unerhört, dass es im Mittelmeer offensichtlich Leute gibt, die nächtens Felsen verschieben, sodass arme Kapitäne daran zerschellen. Oder sind da ostfriesische Piraten am Werk, die falsche Signalfeuer setzten um die Prise zu sichern?
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"Hören Sie, Schettino..."

Chronologie einer Katastrophe