Singapur Mit Dr. Judy auf der Sexpo

Das Geschäft mit der Erotik hält Einzug in Singapur. Zum ersten Mal fand jetzt in der Bankenstadt eine Sexmesse statt - eine Revolution in einem Land, in dem Oralsex noch als perverse Sexualpraktik geahndet wird. SPIEGEL ONLINE besuchte die Messe mit einer Expertin in Sachen Sex.

Von Jürgen Kremb, Singapur


Singapur - "Du hast Geschichte gemacht", jauchzt Judy Kuriansky und schiebt gleich noch ein sehr amerikanisches "Yeah, bist du nicht großartig", hinterher. Kuriansky ist in den USA als "Dr. Judy" ein Haushaltsname wie "Dr. Sommer" von "Bravo", wenn es um Sexaufklärung geht. In Radioshows beantwortet sie Fragen wie: "Dr. Judy, ist es okay, wenn ich's im Auto treibe." Und sie hat Bestseller verfasst, wie der "Idiotenführer zum perfekten Date". Kuriansky ist in einem Alter, wo man Damen am besten nicht mehr nach selbigem fragt.

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Singapur: Die züchtige Sexmesse

Und da Hi-ich-bin-Doctor-Judy letzte Woche gerade in Singapur war, um der Regierung ein paar Tipps zu geben, wie man die lendenmüde, weil offensichtlich zu arbeitsame Bevölkerung zu schnellerer Vermehrung animiert, steht sie jetzt vor Kenny Goh - Kamera los! - und fragt: "Wie fing es an, Kenny?"

Ja, dass Goh, 35, wachsgesichtig und mit dem Stimmchen eines Konfirmanden zum Organisator der ersten Sexausstellung Singapurs wurde, ist schon eine ungewöhnliche Sache. Aber es spricht auch Bände über die Menschen dieser Stadt, die sich tagein, tagaus vor allem den Kopf darüber zerbrechen, wie sie am besten noch mehr Geld verdienen können.

Kenny Goh ist nämlich Geschäftsmann, "durch und durch", und wie er mit einem Seufzer bekennt, "gelernter Buchhalter, wahrlich kein Sex-Guru". Seit Jahren verkauft er Utensilien für HIV-Tests und bald war ihm klar, dass die Leute oft überhaupt keine Ahnung haben, wie sie sich das geholt haben. Was denkt man da als Buchhalter: "Daraus muss man ein Geschäft machen."

Keine Ähnlichkeit mit Geschlechtsteilen!

Als Goh vor einem Jahr aber die Regierung um Genehmigung für eine Sex-Ausstellung bat, erntete er nur skeptische Blicke und abweisendes Stirnrunzeln. Denn wenn es um Sex geht, ist die führende Kongressstadt Südostasiens noch irgendwo in den sechziger Jahren verfangen. Der Verkauf des "Playboy" ist noch immer verboten. Und selbst die Fernsehserie "Sex and the City" passierte nicht die Zensur.

Dass er jetzt trotzdem auf dem Expo-Gelände in Messehalle D steht und bewundernd auf eine taiwanesische Erfindung, Kondom mit eingebautem Vibrator, schaut, hat denselben Grund, warum Dr. Judy in der Stadt weilt. Seit Jahren steigen die Bevölkerungszahlen der Vier-Millionenstadt kaum noch. Besonders die stressgeplagten Chinesen, die mit 70 Prozent die Mehrheit stellen, vermehren sich zu wenig. Dr. Judy hat deshalb den Beamten der Sozialen Entwicklungsabteilung der Regierung letzte Woche beraten, wie man das Triebleben besonders junger Akademiker etwas ankurbeln könnte. Ihre Erkenntnis aus dem Workshop: "Die Regierung möchte auch im Privaten einiges lockern."

Bei der Polizei hatte sich das aber noch nicht ganz rumgesprochen. Lang war die Liste der Verbote, die Goh für seine Ausstellung beachten musste. So war es streng untersagt, irgendwas zu zeigen, was eine "Ähnlichkeit mit Geschlechtsteilen" aufweist. "Obszöne Akte" und deren Abbildung waren genauso verbannt wie die "Werbung" für die drei großen "No-Nos", der Stadt, als da sind: Oralverkehr, Analverkehr, der läuft im Strafgesetzbuch noch unter "sodomy" (Unzucht), und noch verwegenere Praktiken, die meist mit Zuhilfenahme von irgendwelchem Lederzeugs daherkommen.

An all das hat sich Goh gehalten. Nicht gerade geschäftsfördernd für eine Sex-Ausstellung. Aber sicherheitshalber erschien die Polizei am Samstag in der Früh noch einmal - eine Stunde vor Ausstellungseröffnung - und ließ selbst Exponate aus den Vitrinen verbannen, die Chinas bekannter Sexualwissenschaftler Liu Dalian schon lange in seinem "Sexmuseum" bei Shanghai präsentiert. Etwa: "Sexakt-Darstellung aus der Tangzeit" oder "Kurtisane beim Spiel".

"Im nächsten Jahr wird alles noch gewagter"

Aber die Kundschaft hielt das nicht ab. Denn offenbar ist nicht nur Singapur "undersexed" wie Dr. Judy feststellt, sondern auch die angrenzenden Länder. Der erste Besucher, der es gleich samstags nicht abwarten konnte, eingelassen zu werden, war ein Malaysier. Die muslimische Scharia-Gesetzgebung hält in dem Nachbarland für ihre Bürger noch strengere Regeln bereit als Singapurs Regierung. Im Laufe des Sonntags trafen sogar Reisegruppen aus Indonesien ein.

Begeistert schauten die meisten den Gogo-Tänzerinnen zu, die züchtig im Bikini für einen Kondomhersteller wippten. Doch gerade die älteren Sexfans drängten sich, die Nase nach oben gereckt, damit der Fokus in der Gleitsichtbrille auch stimmt, vor den Glasregalen mit den Figürchen alter chinesischer Sexpraktiken. Irgendwoher muss es ja wohl doch kommen, dass die prüden Chinesen so viele sind.

Die etwas Gelenkigeren unter der Kundschaft zog es aber zu den drei "Gesundheitsboutiquen", die Reizwäsche und ziemlich bunte Dildos anboten. Dem Ansturm an den Kassen nach zu urteilen, besteht da ein echtes Defizit in Singapur und den anliegenden Inselstaaten.

Auch wohl an noch deftigeren Aktivitäten. Etwa, was Ronne Pang in der "Fantasy Gallery" zu bieten hat. Mit Bildern von noch halbwegs züchtig verhüllten Pornostars warb er für Reisen in die USA. Gegen eine saftige Gebühr dürfen Klienten dann bei der Entstehung der Streifen zusehen, die zu Hause noch verboten sind. "Ein gutes Geschäft", wie er bekundet. Gerade haben sich zwei junge Frauen, Typ brave Büromaus, nervös kichernd für die nächste Reise angemeldet.

Für Kenny Goh ist das Grund zur Zuversicht. "In diesem Jahr testen wir noch", sagt er. "Aber im nächsten wird alles noch gewagter." Dabei hat ihn auch seine 70-jährige Mutter ermutigt. Sie war eine der ersten Besucherinnen der Ausstellung.

Für Dr. Judy ist das ein gutes Zeichen, "ein sehr gutes sogar". Der Liebhaber ihrer Mutter meldet sich auch immer mal wieder in ihren Talkshows und fragt um Rat.



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