Skandal in Österreich: Kunst oder Porno?

Von Marion Kraske und

Plakate einer Künstlergruppe sorgen in Wien für Aufregung. Besonders umstritten ist die Darstellung dreier Freiluftfreunde, die sich - nur mit Masken von Bush, Chirac und Queen Elizabeth bekleidet - miteinander vergnügen. Politiker sind empört. Künstler boten an, zwei besonders skandalträchtige Plakate zurückzuziehen.

Wien - Während Europa dem Beginn der österreichischen Ratspräsidentschaft entgegensieht, tobt in der dortigen Hauptstadt ein Streit um den guten Geschmack. Die Gruppe "25 peaces", eine von Ex-ORF-Kulturchef Wolfgang Lorenz und Bundestheaterchef Georg Springer ins Leben gerufene Initiative, ist mit ihrer Kunst-Kampagne "euroPART" ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.

Skandal in Wien: Falsche Queen beim Gruppensex
REUTERS

Skandal in Wien: Falsche Queen beim Gruppensex

Eine Frau räkelt sich auf dem Bett - gehüllt in weiße Laken und bekleidet nur mit einem blauen Slip, der mit gelben EU-Sternen verziert ist. Ein paar Straßen weiter treiben es drei "Nackerte" bunt: In unmissverständlichen Posen vergnügen sie sich bei einer "Menage à trois". Die Akteure tragen Masken von Frankreichs Präsident Chirac, der britischen Queen und US-Präsident Bush. Beides freilich nur auf Plakaten, die seit zwei Tagen Wiener Passanten ins Auge stechen.

Die Motive sind Teil einer offiziellen Aktion, die momentan in der Donaumetropole gezeigt wird - und nun für gehörigen Ärger sorgt. Seit die Plakate am 27. Dezember an 13 Standorten auftauchten, ist die Erregung groß; es hagelt Kritik von allen Seiten. Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ist empört: "Das ist widerlich und sexistisch." Burgstaller ist mit ihrer Kritik nicht allein: Die 150 Plakate von 75 Künstlern aus 25 Ländern erregen auch bei anderen Politikern der Opposition Unmut.

Denn - besonders pikant - das Projekt, aktuelle Kunst aus Europa, soll mit 500.000 Euro vom österreichischen Bundeskanzleramt teilfinanziert worden sein. Schüssels Amt bestreitet jedoch, dass Steuermittel geflossen seien. Das Projekt sei durch ein externes Sponsering unterstützt worden, hieß es. Dennoch ließ Kanzler Schüssel wissen, das Maß des Zumutbaren sei bei weitem überschritten. Und überhaupt: Über den Inhalt der Kampagne sei er nicht informiert gewesen.

Mit Europa im Bett - ein Schock für manchen Österreicher: "Aufruf, noch radikaler zu arbeiten"
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Mit Europa im Bett - ein Schock für manchen Österreicher: "Aufruf, noch radikaler zu arbeiten"

Die SPÖ will das so nicht hinnehmen und erhebt schwere Vorwürfe gegen das Kanzleramt: In Bezug auf die Fördermittel sage Schüssel die Unwahrheit, schimpft Klubobmann Josef Cap. Unterlagen belegten, dass die Aktion "25 peaces" sehr wohl mit öffentlichen Geldern finanziert worden sei. Wie hier mit Steuermitteln umgegangen wurde, so Cap, sei ein "Skandal".

Die Plakataktion sei "extrem frauenfeindlich", wettert auch SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin Bettina Stadlbauer. Es sei "empörend", dass Bundeskanzler Wolfgang Schüssel derartige Darstellungen im öffentlichen Raum fördere. Irritiert zeigt sich auch der Leiter der EU-Kommission in Wien, Georg Doutlik: "Wir haben es natürlich gern, wenn Europa Thema ist. Aber, ob das den Kern der Sache trifft und die Diskussion auf die Inhalte bringt, bezweifle ich."

Der Bundesgeschäftsführer der Sozialdemokratischen Partei, Norbert Darabos, ist ebenfalls skeptisch, ob "diese Art der Begrüßung" der EU-Ratspräsidentschaft geeignet sei, die anstehenden Probleme zu lösen. Und der Chef der rechtspopulistischen FPÖ, Heinz-Christian Strache, nutzt die Gunst der Stunde, um die Regierung ebenfalls zu kritisieren - er spricht von Gruppensex-Phantasien.

Doch auch vielen Kunstinteressierten ist die Aktion suspekt - im Kanzleramt gingen in den vergangenen Tagen zahlreiche Proteste ein. Die Regierungsmitarbeiter wurden angewiesen, das Projekt zu erklären, die Förderungen zu bestätigen, aber zu betonen, dass die Regierung keinen Einfluss habe und nehme, schreibt der "Standard".

Ganz besonders echauffierte sich die "Kronenzeitung", Österreichs Pendant zur "Bild"-Zeitung, über das künstlerische Treiben in der Hauptstadt. "EU-Vorsitz mit wüsten Sexplakaten eröffnet", erzürnte sich das Blatt schon gestern. Es sei nicht auszudenken, was die betroffenen Politiker denken könnten, wenn sie in den kommenden Monaten Wien besuchten.

Die ironisierte EU

Für den größten Unmut sorgt die Darstellung der kopulierenden Staatsoberhäupter, ein Werk des in Madrid lebenden Spaniers Carlos Aires. Grinsende Würdenträger aus Politik und Monarchie beim Sex - das ist zuviel für viele Österreicher. Angesichts der anhaltenden Aufregung hat die östereichische Regierung nun erste Konsequenzen gezogen: Das Aires-Bild sowie das Plakat mit dem Euro-Slip sollen von den Straßen entfernt werden. Auf Bitten von Kanzler Schüssel boten die Künstler Carlos Aires aus Spanien und Tanja Ostojic aus Serbien an, ihre Bilder zu entfernen. Sie sollten nicht zu Ungunsten der anderen Poster alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, hieß es.

Ansonsten verstehen die Macher der umstrittenen Kunst die Aufregung aber nicht. Die Aktion wende sich "konkret gegen die Globalisierung", verteidigten sich die Kreativen erstaunt. Man habe die Europäische Union "ironisieren" wollen. Die Künstler selbst zeigten sich wenig überrascht ob der allgemeinen Aufregung: "Aires war ohnehin klar, dass das Bild nicht länger als drei Tage hängen würde", sagt Kurator Walter Seidl SPIEGEL ONLINE.

"Keiner von uns hat ein derart negatives Echo auf unsere Kampagne erwartet", so Seidl. Die Reaktion zeige, dass von der Öffentlichkeit abgeschottete Kunsträume wie Galerien und Museen von den Menschen nur wenig wahrgenommen würden. "Sobald man mit Kunst auf die Straße geht, zeigt sich, wie sensibel und wenig liberal die Leute noch immer auf körperliche Sujets reagiert." Für die künstlerische Freiheit im Land sei dies ein trauriger Rückschritt. "Für uns ist das ein Aufruf an alle Künstler, noch radikaler zu arbeiten", erklärt der Kurator.

In Wirklichkeit sorgt die Mehrzahl der 150 Plakate kaum für Aufsehen. Die meisten setzen sich kritisch mit der der Arbeit der EU auseinander und soll auch Künstlern aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Kroatien ein Forum bieten. Von 24. bis 30. Januar soll die Serie in Salzburg gezeigt werden - anlässlich einer Veranstaltung zum Mozart-Jahr.

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