Skandalöses Italien Der Königssohn und der Struwwelpeter

Sein Vater war der letzte König Italiens, er selbst der König des Glücksspiels. Jetzt steht Vittorio Emanuele unter Hausarrest. Die Affäre um die "Savoyen-Bande" ist jedoch auch eine Affäre um eine lauschfreudige Justiz.


Rom - In Italien wird gern und viel geredet, und ohne das Telefonino am Ohr ist die Welt doch seltsam leer und fremd. Nirgendwo sonst wird leidenschaftlicher mobiltelefoniert - und nirgendwo sonst in einem zivilisierten Land wird häufiger abgehört: In den letzten Jahren 30 Millionen Mal. Ihre Telefonsucht ist die Schwäche der Mächtigen. Sein abgehörtes Handy brachte den Zentralbankgouverneur Antonio Fazio vor kurzem um Job und Ruf. Belauschte Telefonate haben den Fußballskandal um Juventus Turin ins Rollen gebracht.

Vittorio Emanuele (auf dem Weg zu einem Verhör im Jahr 2004): Mittelmäßiger mit großem Namen
DPA

Vittorio Emanuele (auf dem Weg zu einem Verhör im Jahr 2004): Mittelmäßiger mit großem Namen

Publik gewordene Abhörprotokolle enthüllten das Luxusleben führender Linkspolitiker. Zudem hat ein Telefonino jetzt geschafft, was keinem Duce, keiner Revolution, keiner Republik gelungen ist: Der Chef des Königshauses von Savoyen kam hinter Gitter. Kronprinz Vittorio Emmanuele di Savoia, Sohn des letzten italienischen Königs und Stammeschef einer der vornehmsten und ältesten Dynastien Europas, brütete wie ein gewöhnlicher Zuhälter in einer überhitzten, vier mal vier Meter großen Zelle in Potenza, im äußersten Süden der Halbinsel. Müde und tief enttäuscht von seinem Volk hat er sich Lektüre aus der Gefängnisbibliothek bestellt: den "Struwwelpeter". Ein Zeichen des Selbstmitleids?

Kurz bevor er am 16. Juni bei einem Wohltätigkeitsdinner im Kasino von Campione d'Italia auftreten sollte, näherten sich Vittorio Emanuele zwei Polizisten und baten, ihnen diskret zu folgen, sein Leben sei in Gefahr. Dann überreichten sie ihm den Haftbefehl. Die Anschuldigungen lauten auf "Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung", "Bestechung" und "Ausbeutung der gewerbsmäßigen Prostitution". Der 69-jährige Kronprinz wurde tausend Kilometer quer durchs Land gefahren, durchs ehemalige Königreich seines Vaters. Und all das auf Betreiben eines 39-jährigen Provinzstaatsanwalts namens Henry John Woodcock.

Woodcock ist der gut aussehende Spross einer englisch-kalabresischen Familie, bekannt für seine Harley-Davidson und seine jakobinische Anklagelust. Er hat schon Haftbefehle gegen Staatspräsidenten, Fernsehstars und Minister gefordert, in der Regel vergeblich. Mehr als zwei Jahre war der Staatsanwalt dem Königssohn auf den Fersen, ließ ihn beschatten und jedes Telefonat protokollieren. Ziemlich genau zum 60. Jahrestag des Referendums der Italiener gegen die Monarchie hatte er die Anklageschrift beisammen. Mit dem Prinzen brachte Woodcock einen Bürgermeister, Geschäftspartner und hohe Beamte der Spielaufsicht in Haft - die "Savoia-Bande". Der Königssohn durfte mittlerweile das Gefängnis verlassen und steht nun unter Hausarrest.

"Ich versohle jedem den Arsch"

Das Reich, in dem Vittorio Emanuele absolut herrschte, war die Kasinowelt von Campione d'Italia, eine italienische Exklave am Luganer See, wo mit Franken bezahlt und über Steuern gelacht wird. Woodcocks Ermittlungen zufolge bestach der Prinz Staatsbeamte der Glücksspielbehörde, um für einen Geschäftspartner aus Messina Konzessionen für Videopoker und Spielautomaten zu bekommen. Die Software der Geräte sei später zu Gunsten des Betreibers manipuliert worden. Den Kontakt zur mafiösen Kasinoszene in Messina und Catania habe ein befreundeter Geschäftsmann aus Venedig hergestellt. In Campione soll "seine Hoheit", wie der Prinz sich nennen lässt, ein "Rundumpaket" angeboten haben: Glücksspiel plus Gespielinnen. Das ist nichts Ungewöhnliches, jedoch verboten.

Die eigentliche Zentrale der königlich-kriminellen Vereinigung soll Vésenas bei Genf gewesen sein, wo der "Orden der Heiligen Maurizius und Lazarus" seinen Sitz hat. Dessen Großmeister ist der Prinz. Unter dieser uraltehrwürdigen Adresse seien Geschäfte im Stil der Neureichen gemacht worden, wollen die Ermittler herausgefunden haben. Mit einem Filius des libyschen Diktators Gaddafi wurde angeblich über Glücksspielexport gesprochen. Aus Dubai sollen 25 Millionen Dollar "zweifelhafter Herkunft" transferiert worden sein. Seinem eigenen Vetter, dem früheren König Bulgariens und Premierminister Simeon Sakskoburggotski, habe di Savoia Schmiergeld angeboten, um im bulgarischen Telekom- und Gesundheitssektor Fuß zu fassen.



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