Gedenkfeier für Solingen-Anschlag Trauer, Stille und Zorn

Ein rassistischer Mordanschlag auf 19 Menschen - 25 Jahre nach dieser Tat ist die Trauer in Solingen noch sehr gegenwärtig. Die Gedenkveranstaltung war äußerst umstritten, aufwendig organisiert - und fiel dann doch anders aus als gedacht.

Mevlüde Genç und ihre Enkelin Özlem Genç
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Mevlüde Genç und ihre Enkelin Özlem Genç

Aus Solingen berichtet


Zum Trauern zumute ist Horst Philipp augenscheinlich nicht. Der weißhaarige Senior sitzt auf einem dreibeinigen Klapphocker vor der Solinger Mildred-Scheel-Schule - und ist empört. "Das ist unter aller Sau hier", faucht er, "ich werde mich darüber beschweren!"

Philipp ist einer von Hunderten Besuchern, die an diesem Nachmittag zur Gedenkfeier für die Opfer eines rassistischen Mordanschlags vor 25 Jahren in den Solinger Westen gekommen sind. 24 Mal sei er bei dem jährlichen Gedenken gewesen, sagt er, für ihn sei das ein wichtiges Ritual geworden. Viele Freunde seien der Meinung, dass es langsam mal reiche mit der Trauer, nicht so er: "Mir ist das ein Bedürfnis, man kann so vielleicht ein bisschen mitfühlen."

Horst Philipp
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Horst Philipp

Sein Mitgefühl gilt einer Familie, die er nie persönlich kannte - doch deren Schicksal Millionen Menschen wie Horst Philipp berührt hat: Am 29. Mai 1993 verübten vier junge Männer aus der rechten Szene einen Brandanschlag auf das Haus der türkischstämmigen Familie Genç. Fünf junge Menschen kamen ums Leben, acht weitere Opfer erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die Mörder haben ihre Haftstrafen abgesessen.

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Fünffachmord von Solingen: Tatort Untere Wernerstraße

Den Tätern gilt Philipps Wut jedoch nicht - sondern Menschen wie Heiko Maas und Mevlüt Cavusoglu. Der türkische und der deutsche Außenminister haben in diesem Jahr ihr Erscheinen und eigene Reden angekündigt. Aber das, sagt Philipp, gehe gar nicht. Die Politiker würden das Gedenken kapern und zu einem politischen Massenevent machen.

"Das ist doch kein stilles Gedenken mehr", sagt er und zeigt um sich: auf die Kamerateams, auf die vielen Leute in Sommerkleidchen und edlen Anzügen, auf die Absperrgitter und zusätzlichen Mülleimer. "Das ist ja wie ein Rummel", raunt er, "Fehlt nur noch, dass hier Bratwürstchen verkauft werden."

Wenig später kommt ihm der Himmel zur Hilfe. Kaum eröffnet Oberbürgermeister Tim Kurzbach die Gedenkfeier, sprüht ein kühler Windstoß erste Regentropfen auf den Platz. Als das Wasser, begleitet von dumpfem Donnergrollen, wenige Minuten später literweise niedergeht, brechen die Behörden den Gedenkakt ab - noch bevor Maas und Cavusoglu auch nur ein Wort ins Mikrofon gesprochen haben.

Vielleicht freut das Kritiker wie Horst Philipp. Ganz bestimmt aber ist es ein Rückschlag für die Familie von Mevlüde und Durmus Genç, die den Besuch der beiden Außenpolitiker ausdrücklich gewünscht hatten.

Eine bemerkenswerte Rede hören die Anwesenden der Feier dennoch. Oberbürgermeister Kurzbach spricht darüber, wie die rechte Szene in Solingen Anfang der Neunzigerjahre unterschätzt worden sei: "Die Personen, die man kannte, hielt man für ungefährlich und eher skurril." Eine fatale Fehleinschätzung.

Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (am Rednerpult)
epd

Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (am Rednerpult)

Zugleich zieht Kurzbach Parallelen zur Gegenwart, in der wieder Wohnungen von Migranten brennen und Politiker gegen Zuwanderer hetzen. "Aus dem Wahlkampf heraus wurden Ängste geweckt", sagt der SPD-Politiker über das politische Klima der frühen Neunziger. "Und heute? Wieder sollen die sogenannten Fremden die Gefahr sein für alles Mögliche in unserem Land." Die AfD, sagt Kurzbach, habe Hass und Ausgrenzung sogar zu ihrem Markenkern erhoben.

Von Solingen müsse daher nun eine deutliche Warnung ausgehen: "Es ist im Angesicht dieses Mahnmals geradezu eine Verpflichtung, daran zu erinnern, was passiert, wenn sich verantwortungslose Worte verselbstständigen." Kurzbach meint damit nicht nur das bis dato folgenschwerste rassistische Verbrechen in der Geschichte der Republik. Es ist auch eine deutliche Kritik an den Bemühungen vieler Politiker, mit populistischen Parolen gegen Zuwanderer zu punkten.

Am frühen Abend versammelt sich eine deutlich kleinere Gruppe zu einer weiteren Gedenkveranstaltung, diesmal vor einer Baulücke in der Unteren Wernerstraße 81 - jenem Ort, wo 1993 fünf unschuldige Menschen erstickten, verbrannten oder in den Tod stürzten. Der Moscheeverband Ditib hat zum Gebet eingeladen.

Am Rand steht auch Claudia Roth, Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin. Sie habe 1994 die erste Gedenkveranstaltung besucht, sagt sie, das sei ihr anlässlich des 25. Jahrestages nun erneut ein Anliegen gewesen. Einige Besucher haben damit offenbar ein Problem, aus einer Gruppe heraus rufen ihr zornige Männer etwas auf Türkisch zu: Roth solle gehen, sie habe hier nichts verloren.

Claudia Roth, Mevlut Cavusoglu, Heiko Maas
Getty Images

Claudia Roth, Mevlut Cavusoglu, Heiko Maas

Womöglich wird Roth zur Zielscheibe, weil sie als Spitzenpolitikerin für die politischen Verwerfungen zwischen der deutschen und der türkischen Regierung mitverantwortlich gemacht wird - klar wird das an diesem Abend nicht. Roth nimmt die Sache jedenfalls gelassen, sie sagt ein paar Sätze in die TV-Kameras und beobachtet die Gedenkfeier ansonsten schweigend vom Rand aus.

Im Mittelpunkt stehen fortan keine Politiker, sondern fünf Frauen und junge Mädchen: die 18-jährige Hatice, die zwölfjährige Gülüstan, die neunjährige Hülya, die 27-jährige Gürsün und die vierjährige Saime. Helfer halten Pappschilder, auf denen die Todesopfer vom 29. Mai 1993 zu sehen sind.

Tatort in Solingen, 29. Mai 1993
AP

Tatort in Solingen, 29. Mai 1993

Ein paar Schritte weiter starren Mevlüde und Durmus Genç ins Nichts. Es sind ihre Kinder, Nichten und Enkel, die in Schwarzweiß auf den Pappschildern zu sehen sind. Das Ehepaar, inzwischen Mitte siebzig, spricht an diesem Tag in kein Mikrofon. Vielleicht, weil schon alles gesagt ist. Vielleicht, weil ihnen sowieso niemand ihre Toten wiederbringen kann.

Im Video: "Ich sah, wie die Flammen loderten"

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