Sommer und Gewitter Tote bei Unwetter - Tornado auf Helgoland

Zugchaos, gesperrte Straßen, ein Tornado zieht über die Helgoländer Düne: Schwere Unwetter machen Deutschland zu schaffen. Die Republik kämpft mit der rekordverdächtigen Hitze - und der rasanten Abkühlung. Eine Frau wurde von einem Baum erschlagen, eine andere totgefahren, als sie Schutz suchte.

DDP

Düsseldorf - Auf der Helgoländer Düne hat ein Tornado am Montagnachmittag erhebliche Schäden angerichtet. Elf Menschen wurden verletzt. Feuerwehr und Rettungskräfte der einzigen deutschen Hochseeinsel waren stundenlang im Einsatz. Bürgermeister Frank Botter löste den Katastrophenfall aus und forderte Hilfe vom Festland an - diese musste dann aber nicht in Anspruch genommen werden.

Betroffen war nur die Helgoländer Düne, eine vorgelagerte Badeinsel. Die Hauptinsel blieb verschont. Der Campingplatz auf der Düne wurde fast völlig verwüstet. Auf dem kleinen Flugplatz kippte eine Propellermaschine um. Alle Menschen wurden von der Düne geholt, die Betroffenen kamen vorübergehend in der Helgoländer Schule unter.

Rentner Wilfried Richters erlebte die Windhose auf dem weitgehend zerstörten Campingplatz. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte der 63-Jährige. Wie eine schwarze Wand kam das Unwetter gegen 15.30 Uhr herangerast. Rechtzeitig vorher hatte der Platzwart vor der aufziehenden Front gewarnt. "Da kann man dann als Camper nur abwarten." Der Tornado sei von Südwesten über den Platz gerast und habe in seiner Schneise etwa 80 bis 85 der rund 100 Zelte "plattgemacht". Am Südstrand seien Menschen durch umstürzende Strandkörbe verletzt worden. "Einige standen unter Schock." Der Wirt des Dünenrestaurants, Lutz Hardersen, berichtete von Strandkörben, die 100 Meter weit durch die Luft gewirbelt und völlig zerstört wurden.

Frau an Tierpark von umgeknickter Pappel erschlagen

Auch an Festland gab es schwere Unwetter. Eine 47-jährige Frau wurde in Nordhorn inmitten eines Orkans von einem Baum erschlagen, wie ein Sprecher der Polizei in Lingen mitteilte. Eine große Pappel knickte am Tierpark um - und stürzte auf das Haus, in dem die Frau auf einer Radtour mit ihrem Hund Schutz suchte.

Der Sturm sei über die Grafschaft Bentheim bis ins nördliche Emsland gezogen, sagte der Sprecher. Es gebe "eine Spur der Verwüstung", sagte die Sprecherin des Zoos. "Wir sind alle ziemlich fertig hier." Bahnstrecken in Niedersachsen mussten gesperrt werden, im Hafen von Leer rissen die Sturmböen einen 157 Meter langen Schiffsneubau los - er krachte in die Werftanlage. Ein Portalkran wurde aus den Schienen gerissen. Viele Straßen waren wegen umgestürzter Bäume blockiert, mancherorts fielen auch Strom, Telefon und Internetzugang aus. Von einer Brückenbaustelle an der Autobahn 30 löste sich die Bauverschalung samt Eisenbewehrung, einige Eisenstangen schlugen durch die Frontscheibe eines Autos - die Insassen wurden nur leicht verletzt.

Rollerfahrerin stirbt in Unterführung

In Köln kam eine 54-jährige Rollerfahrerin ums Leben, die sich in einer Unterführung untergestellt hatte und dort von einem Lastwagen erfasst wurde.

In weiten Teilen Nordrhein-Westfalens haben schwere Gewitter mit Sturmböen den Bahnverkehr fast vollständig zum Erliegen gebracht. Blitzeinschläge und umgestürzte Bäume stoppten die Züge auf zahlreichen Strecken, darunter die vielbefahrenen Verbindungen zwischen Köln und Aachen sowie Düsseldorf und Köln. Bis auf Weiteres seien erhebliche Verspätungen und Zugausfälle zu erwarten, teilte die Bahn am Nachmittag mit.

Sturmtief "Norina" war mit teils orkanartigen Böen über das Bundesland hinweggefegt. Dachziegel flogen durch die Luft, Bäume knickten um, Starkregen setzte Straßen unter Wasser. Allein in Aachen wurden acht Menschen leicht verletzt. In Mönchengladbach wurde eine Schulklasse während eines Ausflugs in einem Park von dem Unwetter überrascht. Äste verletzten vier Kinder leicht.

In Kempen stürzte ein Arbeiter nach einer Windböe aus acht Metern Höhe von einem Gerüst und zog sich lebensgefährliche Verletzungen zu. Vermutlich ebenfalls von einer Orkanböe verursacht, fiel in Herne eine kurz zuvor errichtete Seitenmauer im zweiten Obergeschoss eines Rohbaus zusammen und begrub einen Bauarbeiter unter sich. Der 45-Jährige wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht.

Orkanböen mit mehr als 120 Kilometern pro Stunde

Eine 15-jährige Radfahrerin erlitt lebensgefährliche Verletzungen, als im Kreis Wesel ein Ast auf sie fiel. Aus Ratingen-Lintorf und Erkelenz wurden Tornados gemeldet, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) jedoch nicht bestätigen konnte. Nördlich von Aachen wurden Orkanböen mit mehr als 120 Kilometern pro Stunde gemessen.

Auch die schleswig-holsteinische Nordseeküste hatte am Montagmorgen mit Unwettern zu kämpfen. Allein auf der Insel Föhr gab es 20 Unwettereinsätze, wie die Polizei in Harrislee mitteilte. Auf Sylt waren die Einsatzkräfte bis in den Nachmittag hinein damit beschäftigt, Keller auszupumpen. In Keitum auf Sylt und in Flensburg schlugen Blitze in Wohnhäuser ein.

"Alles im Griff"

Ein starkes Gewitter hat auch die längste Röhrenrutschbahn Europas im südbadischen Waldkirch (Kreis Emmendingen) zerstört. Die Touristenattraktion müsse voraussichtlich für mehrere Monate gesperrt werden, teilte die Betreiberfirma am Montag mit. Im Unwetter in der Nacht zum Samstag seien mehrere Bäume auf die 160 Meter lange Stahlröhre gestürzt und hätten einen großen Schaden verursacht. Der Wiederaufbau werde sehr aufwendig.

Die Höhe des Schadens könne noch nicht beziffert werden. Die Träger der Rutsche seien aus ihrer Verankerung gerissen und die Röhre selbst schwer beschädigt worden. Die an einem Waldhang installierte und überdachte Rutsche, die bis zu 50 Prozent Gefälle aufweist, war im Mai 2008 eröffnet worden. Sie ist Teil eines Naturerlebnisparks.

Hitze-Juli droht

"Der Juli 2010 ist durchaus auf dem Weg, einer der wärmsten der vergangenen hundert Jahre zu werden", sagte Thomas Globig vom Wetterdienst Meteomedia. Vor vier Jahren sei der bisherige Rekord von 22 Grad im bundesweiten Durchschnitt erzielt worden.

Tatsächlich bleibt es bis zur nächsten Woche hochsommerlich - mit ein paar kurzen Einbrüchen. "Wir erwarten ein Schaukelwetter auf sommerlichem Niveau. Es schwankt lediglich zwischen Sommertemperaturen der angenehmen Sorte und Extremtranspiration", sagt Globig.

Für Dienstag rechnen die Meteorologen mit einem Süd-Nord-Gefälle. An der Nordsee sollen die Temperaturen um die 20 Grad liegen, landeinwärts wird es wärmer, mit bis zu 30 Grad. In der Westhälfte kühlt es zwar merklich ab, bleibt mit 25 bis 29 Grad aber hochsommerlich warm bei einer Mischung aus Quellwolken und Sonnenschein. Vor allem im Süden und Osten sind dann bei großer Schwüle und bis zu 31 Grad noch örtlich heftige Gewitter möglich.

Am Mittwoch setzt sich das nächste Hoch durch und bringt eine neue Hitzewelle mit Temperaturen von 30 bis 35 Grad. Nachts ist mit einzelnen Gewittern zu rechnen. "Die Schwüle wird aber nicht ausgeräumt", so Globig. Und so können die Thermometer am Freitag noch mal auf 30 bis 35 Grad, im Osten Deutschlands sogar auf 37 Grad steigen. Am Samstag gehen die Temperaturen noch mal etwas runter, Schauer und Gewitter könnten aufziehen.

jdl/dpa/AFP



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