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SOS-Heime in Griechenland: "Uns werden immer mehr Kinder gebracht"

Griechenland steht vor dem finanziellen Abgrund - die Krise trifft besonders die Schwächsten: Immer mehr Eltern brächten ihre Kinder zu ihm, sagt Stergios Sifnios. Im Interview erklärt der Direktor der SOS-Kinderdörfer in Griechenland, warum es immer schwieriger wird, den Familien zu helfen.

Stergios Sifnios: "Je schwerer die Krise wird, desto mehr Familien kommen zu uns" Zur Großansicht
Spyros Papanastasiou

Stergios Sifnios: "Je schwerer die Krise wird, desto mehr Familien kommen zu uns"

SPIEGEL ONLINE: Herr Sifnios, in welchen Situationen kommen Eltern mit ihren Kindern zu Ihnen?

Sifnios: Früher hätte ich gesagt: Die meisten haben psychische Probleme oder die Kinder kamen zu uns, nachdem sie missbraucht wurden. Heute ist es so, dass die Hälfte der Eltern zu uns kommen, weil sie große wirtschaftliche Probleme haben und ihre Kinder nicht mehr ernähren können.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Weil die Krise in Griechenland ihre Lage derart verschlechtert hat?

Sifnios: Je schwerer die Krise wird, desto mehr Familien kommen zu uns. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres hatten wir rund 1000 Anfragen, das sind 65 Prozent mehr als im Vorjahr. Und es werden mehr und mehr.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Familien, die in finanziell schwierigen Situationen sind, staatliche Unterstützung?

Sifnios: Die sozialen Einrichtungen sind in einer sehr schlechten Verfassung. Bei den meisten wird niemand mehr eingestellt, es fehlen Sozialarbeiter. Das Hilfsangebot wird immer schlechter, während immer mehr Hilfe benötigt wird. Also kommen die Familien zu Organisation wie den SOS Kinderdörfern.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Art Hilfe bieten Sie an?

Sifnios: Wir haben in Griechenland drei Kinderdörfer, in denen Kinder mit uns leben. Die 250 Plätze sind allerdings längst belegt. Deshalb haben wir nun ein Programm gestartet, das den Namen "Familie aufrichten" heißt: Wir organisieren für die Familien etwas zu essen, geben ihnen Kleidung und den Kindern Schulmaterial. Wir helfen bei den Hausaufgaben und vermitteln den Eltern eine Therapie, wenn sie eine benötigen. Denn für viele ist es eine enorme psychische Belastung, wenn sie den Job verloren und kaum eine Perspektive haben angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit in Griechenland.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie der Nachfrage noch gerecht werden?

Sifnios: Bisher geht es, auch wenn unserer Kinderdörfer voll sind. Ein neues Dorf können wir nicht gründen, das Geld fehlt. Aber wir können Familien weiterhin helfen, wir wissen nur nicht, wie lange noch. Denn während die Nachfrage steigt, verschlechtert sich unsere finanzielle Situation: Wir leben von Spenden, die gehen drastisch zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen arbeiten für die SOS Kinderdörfer in Griechenland?

Sifnios: Rund 100, wir bekommen allerdings viel tatkräftige Unterstützung von Freiwilligen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei könnte man meinen, die Menschen hätten genug mit ihrer eigenen Lage zu kämpfen.

Sifnios: Die Menschen versuchen, anderen zu helfen. In Zeiten der Krise, so hoffen wir, wird dies stärker und stärker.

Das Interview führte Birger Menke

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Zur Person
Stergios Sifnios ist Direktor für soziale Arbeit bei den SOS Kinderdörfern in Griechenland. Er arbeitet seit 1982 für die Organisation und leitete das erste Kinderdorf des Landes. Heute gibt es drei griechische SOS-Heime.

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.
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Neustart in Griechenland: Papandreou geht


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