Sowjetische Holocaust-Überlebende Esfir, das Mädchen aus dem Keller

Esfir Gerschmann ist eine starke Frau. Sehr früh verlor die Jüdin alles, was ihr lieb war, an Stalins und Hitlers Schergen: Mutter und Vater, ihre Großeltern, ihr Zuhause. Heute lebt sie in Israel und ist unendlich dankbar. Dafür erduldet sie sogar den Raketenbeschuss durch die Hamas.

Überlebende Esfir Gerschmann: "Es war eiskalt und ich war immer allein"
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Überlebende Esfir Gerschmann: "Es war eiskalt und ich war immer allein"

Aus Sderot berichtet


Esfir Chunowna Gerschmann ist auf den ersten Blick eine rüstige, unbestechliche Frau, der man nichts vormachen kann. "Wie naiv", sagt sie tadelnd, oder, sarkastischer: "Ja, das war interessant bei der Gestapo." Gerschmann ist 77 Jahre alt, und ihr hartes Leben hat Spuren in ihrem Körper hinterlassen. Das Herz und die Lungen machen Probleme, das Atmen fällt schwer.

Geboren wurde Esfir am 10. Januar 1937 in der ukrainischen Kleinstadt Artjomowsk, knapp 90 Kilometer nordöstlich von Donezk. "Als ich sechs Monate alt war, brachten sie meinen Vater um", erzählt sie. Warum? "Du meine Güte, Stalin brauchte doch für einen Mord keine Gründe! Ein Volksfeind soll der Papa gewesen sein, was sonst."

Esfir blieb allein mit der Mutter bei den Großeltern. 1941 marschierten deutsche Truppen in der Ukraine ein, vom ersten Tag an kam es zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung. "Ach", sagten die betagten Großeltern, "lass die schrecklichen Deutschen nur kommen, die werden wir auch noch überleben." Eine fatale Fehleinschätzung: "Noch an ihrem ersten Tag in der Stadt haben die Deutschen Oma und Opa erschossen."

Die kleine Esfir blieb allein mit der Mutter, sie sammelten Müll, suchten Essbares, arbeiteten auf den Feldern. Irgendwann "hat jemand die Mutter mitgenommen" - das Kind landete getrennt von ihr bei der Gestapo. "Sie brachten mich mit vielen anderen in den Wald. Da war eine Grube mit Leichen drin. Wir standen schon am Rand der Gruft, da wurden wir aus der Luft beschossen. Ich war klein, ich habe keine Ahnung, wer da schoss, ich weiß nur noch, dass mich eine ältere Frau an der Hand nahm und wir um unser Leben rannten."

Panische Angst vor der Entdeckung

Die Frau nahm Esfir mit nach Artjomowsk, gab ihr zu essen. Weil die Verwandten panische Angst hatten, die Besatzer könnten ein jüdisches Mädchen bei ihnen entdecken, ließ die Frau das Kind in der katholischen Kirche taufen und gab ihm ihren Namen. Aus Esfir Chunowna wurde Irina Krause - der Mann ihrer Retterin war Wolgadeutscher.

Esfir überlebte - aber was für ein Leben war das? Die neuen Eltern steckten sie aus Angst in den Keller, wo sie den ganzen Tag ausharrte, um dann nachts ab und zu mal Luft schnappen zu gehen. "Ich hatte immer nur Hunger, so sehr, dass ich Erde essen wollte", erinnert sie sich. "Es war eiskalt und ich war immer allein." Eineinhalb Jahre ging das so.

Als die Sowjets zurückkehrten, bestand Esfir nur noch aus Haut und Knochen. Kurz nach dem Krieg starben die Krauses, das Mädchen lebte mit einer Tante zusammen, für die sie schuften musste. 1947 öffnete man einen Graben in Artjomowsk. Darin lagen mumifizierte Leichen. Esfirs Mutter war eine von ihnen.

Esfir wurde Hebamme, zog in die Industriestadt Konstantinowka, heiratete den Genossen Gerschmann und bekam zwei Kinder. Nach langem und demütigendem Kampf mit den Behörden bekam sie 1996, im Alter von fast 60 Jahren, endlich die Ausreiseerlaubnis für Israel. "Ich hätte bei Gott früher kommen sollen", sagt sie bitter.

Dieses Porträt von Esfir hat ihr Sohn gemalt. Seit er in der russischen Armee von Antisemiten niedergeschlagen und schwer verletzt wurde, hat er schwerste psychische Probleme. "Aber das ist eine andere Geschichte", sagt Esfir.
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Dieses Porträt von Esfir hat ihr Sohn gemalt. Seit er in der russischen Armee von Antisemiten niedergeschlagen und schwer verletzt wurde, hat er schwerste psychische Probleme. "Aber das ist eine andere Geschichte", sagt Esfir.

Häufig wurden die russischen Juden an der Peripherie größerer Städte angesiedelt. Esfir kam nach Sderot, eine 210.000-Einwohner-Stadt am Rande der Wüste Negev, einst ein palästinensisches Dorf, dessen Einwohner 1948 nach Gaza vertrieben wurden. 40 Prozent der hier lebenden 19.300 Einwohner stammen aus der UdSSR.

Der Wohnblock, in dem sie lebt, unterscheidet sich nicht wesentlich von den Plattenbauten in Moskau oder St. Petersburg. Die Sicherheitssituation in der Region ist besorgniserregend. Immer wieder kam es hier zu Raketenangriffen durch die Hamas, die den Erzfeind Israel aus dem Gaza-Streifen beschießen.

"Gott sei Dank lag keiner im Bett, als es passierte"

Gerschmann ficht das nicht an. Sie ist zufrieden und dankbar, dass sie hier eine neue Heimat gefunden hat. Da nimmt sie es in Kauf, dass ihr Schlafzimmer verwüstet wird, weil ganz in der Nähe eine Kassam-Rakete explodiert. So geschehen im Jahr 2008. "Gott sei Dank lag keiner im Bett als es passierte", sagt sie nüchtern.

Etwa die Hälfte der 180.000 Holocaust-Überlebenden in Israel leben an oder unterhalb der Armutsgrenze. Esfir kommt klar, die israelische Regierung bezahlt ihre Sozialwohnung, sie erhält außerdem 900 Euro Entschädigung im Quartal von der deutschen Regierung. Die Rente aus der Tätigkeit als Hebamme zahlt die Ukraine nicht.

Die Holocaust-Überlebenden aus der ehemaligen Sowjetunion sind anders. "Wir waren nie religiös", sagt Esfir Chunowna. "Ich hatte bis ich 15 war keine Ahnung, dass ich überhaupt Jüdin bin." Viele entdecken erst nach der Einwanderung das Judentum und seine Rituale. Die meisten sind Kinder Stalins und des unberechenbaren kommunistischen Apparats - sie misstrauen aus leidiger Erfahrung jeder staatlichen Behörde. Viele haben eine Abneigung gegen jede Form der Psychotherapie - angesichts der Misshandlung von Andersdenkenden in den Psychiatrien der Sowjets kein Wunder.

Es ist Therapeuten zufolge schwieriger, diese Überlebenden zu einer Behandlung zu bewegen. "Viele von ihnen sehen sich überhaupt nicht als Opfer", sagt Martin Auerbach, Klinikleiter von Amcha, einer Organisation, die seit 1987 Holocaust-Überlebende psychosozial betreut. Erst als es Esfir sehr schlecht ging und sie drei Monate im Krankenhaus mit dem Tod rang, erkannte sie, dass es hilfreich sein könnte, zu reden. Seitdem ist sie in Therapie und pflegt seit Jahren eine innige und sehr humorvolle Beziehung zu ihrer Sozialarbeiterin von Amcha, die sie oft besucht.

Politisch stehen viele russische Einwanderer eher rechts, aus Dankbarkeit für den Staat Israel, aber auch aus Angst, ihr neues Zuhause zu verlieren, wenn es wie bei Esfir auf ehemals palästinensischem Gebiet liegt. "Gott sei gepriesen, diese Erde will man küssen!" ruft Esfir. "Ich kann dieser Regierung nur danken. Sie hatte überhaupt gar keinen Grund, mir alter Frau zu helfen. Ich habe nichts für dieses Land getan."

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