Vermisster Zweijähriger in Spanien "Wir können keine Zeitangaben mehr machen"

Seit zwölf Tagen ist der zweijährige Julen verschwunden, er wird in einem Bohrloch vermutet. Die Rettungsarbeiten verzögern sich immer wieder. Ein Helfer vor Ort erklärt, warum - und wehrt sich gegen Kritik.

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Die Rettungsarbeiten im spanischen Totalán gehen vorwärts - allerdings in kleinen Schritten. Innerhalb von etwa 24 Stunden haben sich Bergarbeiter aus ihrem Rettungsschacht etwa 2,5 der 3,8 Meter zu dem Bohrloch vorgearbeitet, in dem der zweijährige Julen vermutet wird. Vor zwölf Tagen soll der Junge bei einem Sonntagsausflug mit seinen Eltern in das knapp 110 Meter tiefe Bohrloch gefallen sein. Hunderte Einsatzkräfte arbeiten seither im Akkord an seiner Rettung.

Trotzdem verzögern sich die Arbeiten immer wieder. Drei Tage nach Julens Verschwinden hieß es, die Rettungskräfte würden innerhalb von 48 Stunden zu dem Zweijährigen vordringen. Das war nicht die einzige Prognose, die sich als zu optimistisch erwies.

Seither ist mehr als eine Woche vergangen, von dem Kind gibt es nach wie vor kein Lebenszeichen. Warum gehen die Arbeiten so schleppend voran?

Die Bedingungen im Einsatz seien extrem, wurde von offizieller Seite erklärt: Jeweils zu zweit werden die Bergarbeiter in einer Rettungskapsel in den eigens gegrabenen Schacht nahe des Bohrlochs hinuntergelassen. Nach 30 Minuten werden sie vom nächsten Zweierteam abgelöst. Wegen der Enge könnten die Männer nur knieend oder liegend graben, hieß es. Ausgerüstet sind sie mit Spitzhacken, Presslufthämmern und Sauerstoffmasken.

Darstellung Rettungsschacht.
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Darstellung Rettungsschacht.

In einer Pressekonferenz erklärte Polizeisprecher Jorge Martín am Mittag, dass die Experten in der Nacht und am Morgen drei kleine Sprengungen durchführen mussten, um weiter voranzukommen. Jede einzelne Sprengung habe etwa 1,5 Stunden in Anspruch genommen. "Der Berg gibt unseren Arbeitsrhythmus vor", sagte Martín. Mit einem Hubschrauber sollten noch mehr Sprengsätze zum Einsatzort gebracht werden - auch wenn inzwischen bekanntgegeben wurde, vorerst seien keine weiteren Sprengungen notwendig.

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Spanien: Dramatische Suche nach Zweijährigem in Bohrloch

Die Arbeit der Einsatzkräfte gerät zunehmend in die Kritik. Es gibt Stimmen, wonach Julen längst hätte gefunden werden müssen, wenn die Rettungskräfte ihre Arbeit richtig machen würden.

Francisco Delgado Bonilla, Vorsitzender des Feuerwehrverbands der Provinz Málaga, war von Anfang an bei dem Rettungseinsatz dabei. Im Interview erklärt er, wie es vor Ort aussieht und bezieht Stellung zu den Vorwürfen.

Feuerwehr-Chef Delgado Bonilla
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Feuerwehr-Chef Delgado Bonilla

SPIEGEL ONLINE: Herr Delgado Bonilla, wie kommen die Bergarbeiter unter der Erde voran?

Delgado Bonilla: Den Erwartungen entsprechend. Der Boden bei der horizontalen Grabung ist leider anders als beim senkrechten Rettungsschacht. Wir wussten, dass das Gelände uns Schwierigkeiten machen würde. Und wir müssen natürlich immer die Sicherheit aller Beteiligten garantieren.

SPIEGEL ONLINE: Am Anfang hieß es, es würde 20 bis 24 Stunden dauern, um den horizontalen Schacht zu graben.

Delgado Bonilla: Wir können keine Zeitangaben mehr machen. Wir müssen jetzt mit Bedacht vorgehen und Geduld haben. Diese Aufgabe ist kompliziert, das Gelände ist furchtbar hart. Wir können nur hoffen, dass wir bald auf weicheres Material stoßen und schneller vorankommen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen kritisieren, dass die Arbeiten zu langsam vorangehen.

Delgado Bonilla: Das sind Menschen, die zu Hause in Ruhe auf dem Sofa sitzen. Sie kennen die Realität nicht, mit der wir ständig konfrontiert werden. Es ist einfach, aus einer Unwissenheit heraus zu kritisieren. Wer kritisiert, sollte auch alle Fakten und Daten kennen. Es gibt keine vorangegangenen Studien, keine Pläne, wir stoßen hier auf Probleme und müssen sie lösen, immer wieder aufs Neue. Und daran arbeitet ein sehr großes Team, professionelle Menschen, die etwas von ihrer Arbeit verstehen und Erfahrung haben. Wer Lösungen hat, soll sie gerne vortragen. Kritik aus der Ferne kann ich nicht ernst nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind nun Ihre nächsten Schritte?

Delgado Bonilla: Die Bergleute müssen erst einmal ihre Arbeit machen. Wir müssen die knapp vier Meter des horizontalen Tunnels ausheben. Danach müssen wir sehen, womit wir es zu tun haben. Dann wird entschieden, wie es weitergeht.



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