Spanische Vergangenheitsbewältigung Ein Halleluja für den Caudillo

Siebzig Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs bemüht sich die sozialistische Regierung in Spanien um die Aufarbeitung der Vergangenheit - eine Kraftprobe mit den ewig Gestrigen.

Von , Madrid


Madrid - Als sich am 18. Juli 1936 die Nachricht vom Putsch der in Marokko stationierten Offiziere gegen die Regierung der Spanischen Republik verbreitete, war Dolores de Casso, 15, in der Sommerfrische. Die Familie eines königstreuen Sevillaner Zivilrechtsprofessors saß fest in dem Burg-Städtchen Sigüenza, 129 Kilometer nordöstlich von Madrid - "rote Zone", republiktreu also. Noch heute erinnert sich de Casso, 85, Witwe eines ehemaligen Offiziers der Elitetruppe von General Francisco Franco und Mitglieds der erzkatholischen Organisation Opus Dei "ganz deutlich", wie damals der Spanische Bürgerkrieg begann.

Franco (r.) im Gespräch mit dem damaligen Prinzen Juan Carlos (1966): Krieg der Republik
AP

Franco (r.) im Gespräch mit dem damaligen Prinzen Juan Carlos (1966): Krieg der Republik

Die Arbeiter-Milizen der linken Gewerkschaften in militärischem Khaki, ihre Gewehre im Anschlag, fuhren auf Lastwagen durch die Straßen von Sigüenza. "32 Schüler des Priesterseminars und den Bischof haben sie zusammen mit einigen Feriengästen umgebracht." Ihr 16-jähriger Bruder wurde gezwungen, die Leichen zu begraben. Ein Geistlicher flüchtete in Dolores Haus. Er hatte aus der Kathedrale den Abendmahlskelch mitgebracht. "Wir aßen die Oblaten und beteten, dass Madrid bald fällt." Ein Halleluja für den Putsch-General Franco.

Den 18. Juli erlebte die kleine Pilar Murillo, 7, im aragonesischen Städtchen Barbastro am Rande der Pyrenäen ganz anders. Da betete keiner für Franco. Vier Onkel meldeten sich freiwillig, um die Republik zu verteidigen. Denn als ein paar Monate zuvor die linke Volksfront die Wahlen gewann, hatte ihr Vater zum Zeichen der Befreiung den geliebten Kanarienvogel aus dem Bauer fliegen lassen.

Die Nachricht vom Putsch in Nordafrika unter General Franco kam durchs Radio. Auch die nur 50 Kilometer entfernte Provinzgarnison Huesca hatte sich dem Aufstand angeschlossen. "Ich konnte damals nicht verstehen, dass Militärs die eigene Regierung stürzen wollen", sagt Murillo, 77. Heute sitzt die Witwe, pensionierte Direktorin einer Haushaltsfachschule, in ihrem Bauernhaus in den Bergen bei Zaragoza ganz allein. Ihre Familie wurde aufgerieben.

Mit ausgestrecktem Arm gegen Zapatero

Sie musste wie fast eine halbe Million Spanier über die Pyrenäen nach Frankreich fliehen, "nur mit den Kleidern, die wir auf dem Leib trugen." Der Vater wurde dort in ein Arbeitslager der Nazibesatzer gesteckt. Zwei seiner Brüder, darunter ein angehender Priester, erwartete bei der Heimkehr in ihr Dorf ein Erschießungskommando von Francos Falange. Die alte Dame bäckt Kuchen von den Maulbeeren aus ihrem Garten und sinnt oft nach über "das zerbrochene Leben, ohne zu Hause, nur mit ungenügender Ausbildung".

Franco (1975): Zur Not halb Spanien erschießen
AP

Franco (1975): Zur Not halb Spanien erschießen

Siebzig Jahre nach dem schwarzen Tag ist immer noch kein Frieden in Spanien. Alte Kämpfer und überlebende Opfer streiten mit den Politikern über das blutige Erbe, das die junge Demokratie bis heute spaltet. Die Debatte um die jüngste Vergangenheit ist heftiger denn je entflammt.

Gegen die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero, die gerade 2006 zum "Jahr der historischen Erinnerung" erklärt hat, ziehen die gestrigen Garden der konservativen Volkspartei auf die Straße. Mit ausgestrecktem Arm marschieren auch immer häufiger die Ultrarechten von der Falange bis zu den Nationaldemokraten im Zentrum der Hauptstadt.

Der junge Ministerpräsident, Enkel eines republiktreuen Hauptmanns aus León, der einen Monat nach dem Putsch hingerichtet wurde, knüpft in seiner Politik an die Republik von damals an. Zapatero will das demokratische Königreich Spanien zur Bürger-Gesellschaft umbauen – und erntet großen Zorn. Gegen seine Pläne, den Katalanen und Basken mehr Autonomie zu geben, empören sich heute die zentralspanischen Nationalisten ganz im Sinne Francos. Schon haben sich hohe Militärs hysterisch zu Wort gemeldet, die wieder einmal "die Einheit Spaniens" vor dem Bruch sehen – wie im April vor 75 Jahren, als die Zweite Republik ausgerufen wurde.

Erst die Enkel trauen sich, Fragen zu stellen

Damals wollten die Linken im Schnelldurchgang in ihrem rückständigen kirchenhörigen Land endlich die Errungenschaften der Aufklärung und der Französischen Revolution durchsetzen. Auf diese Freiheitsideen bezieht sich der Sozialist Zapatero jetzt ausdrücklich mit seinen Reformen. Gegen die Homosexuellenehe, die Gleichstellung der Frauen im Beruf und die Verringerung des Einflusses der Kirche auf die Schulerziehung haben jedoch die katholischen Bischöfe jetzt wiederholt Tausende zu Demonstrationen mobilisiert.

Für Mariano Rajoy, den Chef der stärksten Oppositionspartei ist die Republik "alles andere als eine glanzvolle Episode". Die Regierung beschimpft er als "Bande von verantwortungslosen Gesellen", die jetzt die Geschichte revidieren wolle. Für seinen Partido Popular, Erbe der Alianza Popular des Franco-Ministers Fraga Iribarne, soll die Beschäftigung mit Republik, Bürgerkrieg und Franquismus allein den Historikern vorbehalten bleiben.

Wer wie die Franco-Verehrerin Dolores de Casso und die meisten Anhänger der Volkspartei im Bürgerkrieg auf der Gewinnerseite stand, durfte während der Diktatur erleben, dass die eigene Sicht als historische Wahrheit verbreitet wurde. Nur die Toten der Sieger wurden geehrt. Sprachlos und mit offener Empörung reagieren die Traditionalisten auf die moderne Sicht der blutigen Vergangenheit als groß angelegtes Völkerrechtsverbrechen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.