SPD-Politiker gegen Gräfin: Zank mit dem Zaunpfahl

Von , Mahlendorf

Hausdurchsuchung, Stinkbombenanschlag, jetzt auch noch ein verschwundener Zaunpfahl: In Angela Merkels Heimat streitet sich der letzte DDR-Außenminister Markus Meckel mit einer Gräfin vor Gericht. Eine Posse aus der Uckermark.

Mahlendorf - Wer nach Mahlendorf will, braucht ein gutes Navigationssystem. Oder Hartnäckigkeit, um Passanten an der Straße immer wieder nach dem Weg zu fragen. Mahlendorf in der Uckermark ist nicht ausgeschildert. Einsam liegt das Nest in einem Wald im Nordosten Brandenburgs, zehn Kilometer entfernt von Templin, der Heimat von Bundeskanzlerin Merkel. Die Natur ist prächtig, das Handynetz löchrig. Nur ein schmaler, zwei Kilometer langer Feldweg führt in das Dorf.

Mahlendorf würde wie ein Idyll aussehen - wäre da nicht gleich nach ein paar Metern ein Baum, der die Blicke auf sich zieht. Sein Stamm hängt voller Bibel-Botschaften und kopierter Zeitungsartikel. Sie sind eine Kampfansage an Markus Meckel.

In Mahlendorf leben eine Handvoll Katzen, fünf Hunde, ein paar Trakehnerpferde und neun Menschen. Zwei davon sind Kinder. Unter den sieben Erwachsenen: eine Gräfin. Und eben Markus Meckel, 54, SPD-Bundestagsabgeordneter für Wahlkreis 057 Uckermark/Oberbarnim, einst Außenminister in der ersten (und letzten) frei gewählten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière.

Meckel und die Gräfin liegen im Dauerclinch. Gerade eskaliert der Konflikt wieder. Am 30. Januar wird sich das Landgericht Neuruppin mit den beiden befassen. Es geht um einen Zaunpfahl, der fünf Meter lang ist. Aufgerundet.

"Dass sich diese Auseinandersetzung auf diesem Kleinstniveau abspielen muss, ist grotesk", sagt Angelica Gräfin von Arnim, die in einem rosafarbenen Jagdschlösschen mit grünen Fachwerkbalken und Türmchen residiert. Zu ihrem Besitz gehören tausend Hektar Wald, ein Forstgehöft und Pachtland für Pferdezucht und Reitsport. Das ehemalige Landarbeiterhaus mit den grünen Fensterläden schräg gegenüber gehört Meckel - offiziell sein erster Wohnsitz. Tatsächlich halte er sich dort relativ selten auf, sagen die Dorfbewohner. Öfter sehe man seinen Mieter, der sich gelegentlich um Haus und Hof kümmere.

"Es kann sein, dass wir dann Koppelstangen vorfahren"

Im Mai vergangenen Jahres stellte die Gräfin fest, dass einer ihrer Holzpfähle fehlte, die sie zum Bau von Zäunen verwendet. Der Pfahl tauchte frisch gestrichen als Schranke im benachbarten Koppelzaun des SPD-Politikers auf. Sagt jedenfalls die Gräfin. Empört schrieb sie Meckel und seinem Mieter:

"Sie haben in unserer Abwesenheit von unserem Besitz eine etwa fünf Meter lange Stange für einen Weidenzaun entwendet/gestohlen und diese angestrichen. Sie wissen, dass das Diebstahl ist und wir Sie dafür anzeigen können. Wir werden in diesem Fall davon absehen und nicht wie Sie für jede Lappalie die Polizei rufen, da wir meinen, dass die öffentlichen Organe genügend ausgelastet sind mit schweren Delikten und wichtigen Aufgaben. Das bedeutet nicht, dass Sie sich hier in einem rechtsfreien Ort befinden. Im Wiederholungsfall werden wir Anzeige bei der Polizei erstatten."

Meckel quittierte das Schreiben mit juristischen Schritten: "Herr Meckel verlangt, dass seine Nachbarin ihre Behauptung zurücknimmt", sagt eine Sprecherin des Landgerichts. Die Gräfin denkt nicht dran: "Es kann sein, dass wir den Beweis erbringen müssen, dass es sich definitiv um eine unserer Koppelstangen handelt - und wir diese dann mit dem Anhänger vorfahren müssen." Ob es ihr gelingen wird, den Beweis zu erbringen, ist offen.

Meckel selbst hüllt sich zum Thema in Schweigen. Mitarbeiterinnen wiegeln Anfragen ab: "Vor der Verhandlung am kommenden Dienstag wird Herr Meckel keinen Kommentar zu der Sache abgeben." Und: "Herr Meckel sagt generell nichts dazu, weil es sich um eine Privatangelegenheit handelt. Wir haben von ihm die klare Anweisung, dass er sich zu dem ganzen Themenkomplex nicht äußern will."

Vielleicht auch, weil es nicht der erste Eklat zwischen der Adelsfamilie und dem Politiker ist: Seit 1996 kümmert sich der Familienanwalt der Arnims, Ulrich Böcker, um den Streit der Nachbarn. Anderthalb Meter hoch ist der Aktenstapel. Es gab rund ein Dutzend Verfahren.

"Keines davon haben Meckel oder die von ihm in Stellung gebrachten Kläger gewonnen", sagt Böcker nicht ohne Stolz. In allen Fällen habe sich letztlich die adlige Familie durchgesetzt. Man stritt sich unter anderem über den gräflichen Bootssteg zum angrenzenden Küstrinsee, Bootshäuser, einen Seezugang und abgesägte Mirabellenbäume.

Die Gräfin stand im Verdacht, Stinkbomben zu bauen

"All dies hat zu Lebzeiten mein Mann ausgefochten", sagt Gräfin Angelica von Arnim, 69, deren Familie das Schlösschen 1878 erbauen ließ. Graf Adolf-Heinrich von Arnim ist vor zwei Jahren gestorben. Seine Witwe klagt: "Ich habe nun die Nachwehen der unsäglichen Geschichte auszustehen."

Ein Höhepunkt im nachbarschaftlichen Disput von Mahlendorf: ein Stinkbomben-Anschlag im Februar 2006 auf Meckel - beziehungsweise auf dessen roten VW Golf. Ein Unbekannter schüttete ihm einen Mix aus Petroleum, Fenchel, Benzyläthanol und Knoblauch in die Kühlerhaube.

Der Verdacht fiel auf die unliebsame Nachbarschaft, die rasch Besuch von "ganz oben" bekam - "vom kleinsten Dorfpolizisten über das Landeskriminalamt bis zum Bundeskriminalamt", sagt Silke Podschun, 36. Die Krankenschwester lebt mit ihrem Mann Ralf, 37, und den beiden Kindern vis-à-vis von Meckel - und liegt wie die Gräfin mit ihm im Clinch. Auch die Podschuns haben zwei dicke Leitz-Ordner voller Akten zu juristischen Auseinandersetzungen im Schrank. Sie sind es, die an Bäume im Dorf Bibelsprüche heften. Botschaften an den SPD-Politiker, der in Vipperow im Landkreis Müritz einst Pfarrer war.

"Wir kamen uns vor wie im Stasi-Verhör", sagt Silke Podschun über die Ermittlungen nach dem Stinkbomben-Anschlag. Sowohl ihr Einfamilienhaus als auch das gräfliche Schloss wurden damals durchsucht - vergeblich. "Entgeistert" und "perplex" habe sie die Beamten angesehen, als diese zur Hausdurchsuchung vorstellig wurden, erinnert sich die Gräfin. "Eine reine Farce!"

Noch heute stottern die Podschuns Gerichts- und Anwaltskosten ab - Meckel hatte gegen Ralf Podschun eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil der ein riesiges Transparent an seinem Tor befestigt hatte. Auf ihm beschuldigte er den SPD-Politiker, der Gräfin das Leben zur Hölle zu machen.

"Wir hatten uns entschieden, nicht mehr wegzugucken", sagt Ralf Podschun. Seine Frau Silke: "Man kann sich doch nicht neutral verhalten, wenn man mitkriegt, dass jemand angegriffen wird. Alle predigen Zivilcourage - aber keiner traut sich." Rechtsanwalt Böcker legt Wert darauf, dass es "kein bloßer biestiger Nachbarschaftsstreit darum ist, wer wo welche Mülltonne hinstellt". Er habe den Eindruck, dass Meckel seinen politischen Status in der Sache als Vorteil nutze.

Immerhin weiß Pfarrer Horst Kasner aus dem benachbarten Templin den Einsatz der Podschuns zu schätzen - so erzählt es das Ehepaar. "So viel Rückgrat in der Uckermark, alle Achtung!", soll Kasner den Podschuns zugerufen haben.

Der Mann ist übrigens der Vater von Kanzlerin Angela Merkel.

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