SPIEGEL-Gespräch mit Stefan Raab "Wir verkaufen Spaß"

Stefan Raab sagt Harald Schmidt den Kampf an. Der ProSieben-Entertainer über die Verwandlung seines Erfolgsformats "TV total" zur täglichen Late-Night-Show, Provokation als Programm und die Verantwortung der Spaßgesellschaft für ihre Opfer


SPIEGEL:

Herr Raab, seit "TV total" gelten Sie als Wunderkind der Fernsehbranche, bei dem zumindest Quoten und Kultstatus garantiert scheinen. Eigentlich kann es nur noch bergab gehen, wenn Sie die Show ab Anfang Februar vier- statt einmal pro Woche präsentieren.

Stefan Raab vergangenes Jahr im Mai beim Grand Prix in Stockholm
REUTERS

Stefan Raab vergangenes Jahr im Mai beim Grand Prix in Stockholm

Raab: Nö. Viele machen den Fehler, ihr einmal erfolgreiches Pferd totzureiten. Da haben wir natürlich eine andere Strategie.

SPIEGEL: Neue Satteltaschen? Sie laden dem Gaul doch immer mehr Lasten auf.

Raab: Ohne Veränderung kein Fortschritt. Bisher haben wir einmal pro Woche Event-Politik betrieben. Jetzt werden wir aus dem Erfolg eine Gewohnheit machen. "TV total" soll bald zum deutschen Fernsehalltag gehören wie die "Tagesschau".

SPIEGEL: Dafür hat Harald Schmidt auf Sat.1 mehrere Jahre gebraucht ...

Raab: ... weil sein Format damals neu war, unseres dagegen gibt's ja schon. Wir werden dann auch eine Live-Band haben und tolle Gimmicks wie eine Showtreppe, auf deren Geländer ich runterrutschen kann. Wir planen, längst gescheiterte Klassiker wie die ZDF-"Hitparade" wieder aufleben zu lassen, und natürlich setzen wir auf klassische Late-Night-Elemente ...

SPIEGEL: ... wie die üblichen Prominenten, die ihre neue CD in die Kamera halten?

Raab: Viel hemmungsloser. Wir werden eine Art Homeshopping-Fenster einführen, in dem die Produkte der Promi-Gäste präsentiert werden. Wenn schon doof, dann richtig. Bei Schmidt werden die Stars nur in Abwesenheit verarscht. Das gönnen wir uns auch Auge in Auge.

SPIEGEL: Kaum zu glauben, dass Sie Harald Schmidt damit wirklich herausfordern werden.

DER SPIEGEL
Raab: Will ich das denn? Natürlich bewundere ich Schmidt. Aber wir machen völlig unterschiedliche Dinge. Er ist Kabarettist. Ich bin Entertainer. Zudem trete ich eine Stunde vor ihm an.

SPIEGEL: Ein Quell von Schmidts Gags ist seine Bildung, bei Ihnen ist es Recycling des TV-Wahnsinns. Proll-Pop statt Klassik.

Raab: Sie unterschätzen mich. Entertainment ist viel, viel weiter gefasst.

SPIEGEL: Schmidt trat auch schon im brustfreien Glitzerkostüm auf, um "Bohemian Rhapsody" zu singen ...

Raab: ... und zwar schlecht, was sicher beabsichtigt war. Mit Entertainment meine ich eher Harald Juhnke ...

SPIEGEL: ... oder Thomas Gottschalk, mit dem Schmidt Sie verglich?

Raab: Boah, wie gemein. Das nennt man wohl Angstbeißen.

SPIEGEL: Auf seine neue Konkurrenz angesprochen, fragte Schmidt zurück: "Hat's den Papst gestört, dass Luther kam?"

Raab: Da sah er sich offenbar in der Rolle des Vertreters Gottes auf Erden. Der Papst ist ein alter, seniler Mann, dem die Anhänger weglaufen. Schmidt hatte mit dem Vergleich sicher Recht.

SPIEGEL: Ihr früheres Markenzeichen war Provokation. Als Außenreporter des Reinhold-Beckmann-Flops "No Sports" haben Sie die Gäste beim Bundespresseball sogar auf dem Damenklo belästigt.

Raab: Ich stand nur im Schminkraum. Der Skandal war, dass ich den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog bat, "Backe, backe Kuchen" zu singen. So half ich tatkräftig mit, Beckmanns Show zu ruinieren, die kurz danach eingestellt wurde. Wenn Sie so wollen, war auch das ein Erfolg.

SPIEGEL: War für solche Gags damals die Zeit noch nicht reif?

Raab: Die deutsche Gesellschaft nimmt sich heute selbst nicht mehr ganz so ernst, ja. Und wenn ich Verona Feldbusch als "Wichsvorlage" besinge, dann fühlt die sich nicht beleidigt. Das ist auch eine Generationenfrage. Meine stille Hoffnung ist, dass wir alle noch mehr über uns selbst lachen. Und für meine künftigen Gäste gilt die Ansage: Verarscht mich! Wenn's der Unterhaltung dient, mache ich vieles mit.

SPIEGEL: Gibt ProSieben Ihnen eine Quoten-Vorgabe für das "TV total"-Abenteuer?

Raab: Unsere letzte Staffel hatte einen Schnitt von 30 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Das hätte ich gern, ist aber Illusion. Für uns ist alles ab 16 Prozent ein voller Erfolg.

SPIEGEL: Nach den Werbepreisen, die ProSieben fordert, wird eher mit 20 bis 25 Prozent gerechnet.

Raab: Das ist das Problem von ProSieben.

SPIEGEL: Sie meinen, der Sender verkauft Sie zu teuer?

Raab: Ich meine, dass die selber wissen müssen, was sie erzählen. Wenn ProSieben es möchte, verkaufe ich denen auch noch die Werbeplätze. Wäre doch Ehrensache.

SPIEGEL: Sie verkaufen ohnehin schon alles: Das Produkt Raab ist im Internet präsent, das Merchandising-Angebot ist breit. Demnächst erscheint auch noch die Programmzeitschrift "TV total". Und nebenher macht der gelernte Metzger Raab dieses Jahr Reklame für Rinderhack-Buletten.

Raab: Im ersten Spot grinse ich, dass der Werbevertrag mich zum Milliardär mache und ich fast nichts dafür tun muss. Dann Schnitt: Raab, der in einem Schaumstoffkostüm durch eine Fußgängerzone hüpft und schreit: "30 Jahre McDonald's. Hurra, hurra!" Das ist lustig. Verstehen Sie? Lustig!

SPIEGEL: Sie verramschen sich.

Raab: Tu ich nicht. Bei guten Marken wie meiner spricht man von Verlängerung der Wertschöpfungskette. Der SPIEGEL ist mein Vorbild: Zeitschrift, Online-Auftritt, SPIEGEL TV, Almanach, Buch-Reihe, CDs samt SPIEGEL-Kunstedition. Der Unterschied ist nur: Wir verkaufen Spaß-Produkte, die zudem noch jemand haben möchte ...

SPIEGEL: ... wie das Computerspiel "Pulleralarm" ...

Raab: ... das toll ist. Was auf den Markt kommt, finde ich selber gut. Schließlich bin ich der Chef. Und was der Chef mag, dürfen andere auch mögen.

SPIEGEL: Wenn zwei Berliner mit dem Standard-Aufschrei "Pulleralarm" aus Ihrer Show eine CD verkaufen wollen, mögen Sie das weniger. Da gab es sofort eine einstweilige Verfügung.

Raab: Die meisten dieser Trittbrettfahrer kriegen wir gar nicht mit. Aber diese CD suggerierte meinen Fans, sie sei von mir. Das ist schlicht Täuschung.

SPIEGEL: Sie klauten den "Maschen-Draht-Zaun" oder den Kanzler-Satz "Ho mir ma ne Flasche Bier" auch nur aus dem TV.

Raab: Dieser Satz war von Herrn Schröder lax dahingesagt. Ich habe daraus ­ wenn man so will ­ ein künstlerisches Werk geformt, Tantiemen für den Kanzler inklusive.

SPIEGEL: Wie lange brauchten Sie, um das Opus zu produzieren?

Raab: Da reichte eine Nacht. Übrigens haben wir den Song im Internet gratis zum Runterladen serviert, was Millionen begeisterte. So selbstlos sind wir. Kreativ entscheidend ist aber die Diskrepanz: Ich habe eine Respektsperson in einen Bierzelt-Knaller verwandelt. So macht man das.

SPIEGEL: ProSieben-Chef Nicolas Paalzow behauptet, der gesamte Fernsehmarkt müsse sich auf "TV total" täglich einstellen. Das klingt nach Größenwahn ...

Raab: ... und ist seine Sache. Senderchefs müssen mit Superlativen arbeiten. Für mich ist die Herausforderung entscheidend: tägliche Late Night als Königsdisziplin.

SPIEGEL: Das Produkt Raab gehört nur zu 50 Prozent Ihnen. Die andere Hälfte der Raab TV GmbH hält die Produktionsfirma Brainpool. Harald Schmidt fragte in einem Interview, weshalb Sie die Produktionsgewinne nicht komplett absahnten wie er.

Raab: Weil ich klug bin. Mein Ding ist kreatives Arbeiten. Alles, was mich ablenken könnte, nimmt mir Brainpool ab.

SPIEGEL: Die Freiheit ist geliehen. Seit Anfang des Jahres brach die Brainpool-Aktie um fast 50 Prozent ein. Wenn Sie keinen Erfolg haben, ist Schluss mit lustig.

Raab: Sie unterstellen, dass ich mich zum Sklaven des Geldes machen lasse.

SPIEGEL: Zumindest, dass Analysten und Aktionäre großes Interesse daran haben, das renditestarke "TV total" auszuquetschen.

Raab: Schon als ich beim Musikkanal Viva noch die kleine Wurst war, bekam ich Angebote, die mit weit mehr Kohle verbunden gewesen wären. Da hätte ich aber etwas machen müssen, was mir nicht gefällt. Derlei habe ich immer abgelehnt.

SPIEGEL: Nicht Sie sind von Brainpool abhängig, aber Brainpool von Ihnen, wenn man sich deren Produktionen anschaut: "Wochenshow": Quoten halbiert. "Liebe Sünde": gestrichen. "Anke ­ die Show": erfolglos. "Ingo Appelt Show": aus dem Programm gekippt. Brainpool will dieses Jahr rund die Hälfte des anvisierten 160-Millionen-Umsatzes mit Ihnen einspielen. Da wächst der Erfolgsdruck.

Raab: Das sorgt in meinem Fall nur dafür, dass sich mein Partner mit hoch motivierten Mitarbeitern samt Chefs in die Arbeit wirft.

SPIEGEL: Sie wollen uns doch nicht erzählen, dass Brainpool-Kurs und -Niederlagen Sie völlig kalt lassen.

Raab: Doch.

SPIEGEL: Selbst wenn Ihr eigenes Depot darunter leidet, in dem laut Verkaufsprospekt nach dem Börsengang 0,72 Prozent der Brainpool-Aktien lagen?

Raab: Glauben Sie, dass ich so dumm bin, mich als Kleinanleger auf einen einzigen Wert zu stützen?

SPIEGEL: Entscheidend ist: Die Anleger glauben nicht an die tägliche Portion Raab, sonst wäre der Kurs jüngst nicht derart in den Keller gegangen.

Raab: Raab TV ist nicht an der Börse. Ich habe einen Vertrag mit ProSieben bis 2003 samt Option auf 2004 und eine Show, die funktionieren wird. Wenn ich allen Leuten geglaubt hätte, die mir bereits den Untergang prophezeit haben, säßen jetzt nur Sie hier. Das wäre doch auch Scheiße, oder?

SPIEGEL: Die Quoten zeigen, dass der Spaß-Bedarf im deutschen Fernsehen gedeckt ist. Der Comedy-Boom scheint zu Ende zu sein.

Raab: Entscheidend ist das einzelne Produkt. Als mein Vater in Köln-Sülz seine Metzgerei eröffnen wollte, gab's schon fünf oder sechs in der Straße. Papa Raab wusste: Macht er die beste Wurst, wird sein Laden funktionieren. Genau so kam's.

SPIEGEL: Einst reanimierten Sie Jürgen Drews samt dessen "Bett im Kornfeld". Dann brachten Sie den Schlager-Grand-Prix durcheinander, bei dem nach Ihrer "Wadde hadde dudde da?"-Missionsarbeit bald sogar Promi-Schneider Rudolph Moshammer oder Zlatko aus "Big Brother" auftreten könnten.

Raab: Sie vergessen noch meine Bedeutung als Ikone der deutschen Spaßgesellschaft. Als Nächstes arbeiten wir an der Übernahme der Weltherrschaft. Aber für "Mosis" Gesangskarriere dürfen Sie mich wirklich nicht verantwortlich machen. Sonst hol ich die einstweiligen Verfügungen raus.

SPIEGEL: Mit der Auerbacher Arbeitslosen Regina Zindler bewiesen Sie lange vor "Big Brother", dass man aus nichts ein Ereignis machen kann. Dank "Maschen-Draht-Zaun" wurde aus der Frau erst eine Witzfigur, dann ein Plattenstar, ein Medienopfer und schließlich eine Psychiatrie-Patientin. War das der "TV total"-Ideal- oder Störfall?

Raab: Lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Wir haben Frau Zindler nie in der Sendung gehabt, nie mit ihr gefilmt. Als ich aus dem Winterurlaub zurückkam, war sie nicht nur in den Charts, sondern in allen Medien. Auslöser der Eskalation waren aber RTL und Sat.1. Frau Zindler räumte die Kohle ab, ließ sich von RTL nach Paris fliegen und gab ohne Ende Interviews, obwohl wir sie davor gewarnt haben. Ich fand den Hype furchtbar. Aber das wollte zu dem Zeitpunkt niemand mehr hören.

SPIEGEL: Ihre eigene Verantwortung sehen Sie demnach schon?

Raab: Natürlich. Und bislang haben wir das auch meist ganz gut im Griff gehabt.

SPIEGEL: Sie geben Menschen der Lächerlichkeit preis, die sich vorher schon ausreichend auf anderen Kanälen disqualifiziert haben. Die mollige Denise durfte sich bei Ihnen als untalentierte Britney-Spears-Kopie nochmals selber hinrichten.

Raab: Mittlerweile hat sie ein eigenes Management und tingelt durch Talkshows. Das kann passieren, ist aber nicht mein Ansatz. Bei mir sollen die Leute als Helden rausgehen, und seien es tragische.

SPIEGEL: Klingt nach Resozialisierung.

Raab: Schönes Wort. Ich sehe meine Gäste ohnehin eher als Patienten. "TV total" als Reha ohne Krankenschein. Und wir nehmen nicht nur Privatpatienten.

SPIEGEL: Was ist Ihnen peinlicher: die Fundstelle des TV-Schrotts oder der Protagonist, der zu Ihnen kommt, um sich für ein paar Sekunden Ruhm nochmals bloßzustellen?

Raab: Sie haben es immer noch nicht verstanden: Die kommen zu mir, um ihre Fehltritte richtig zu stellen. Wenn sich jemand bei uns trotzdem weiter in die Kacke reitet, kann ich den einen oder anderen Rettungsversuch unternehmen, muss das Drama aber geschehen lassen.

SPIEGEL: Erleben Sie im Fernsehen noch Überraschungen?

Raab: Diese "Wer heiratet den Millionär"-Shows auf RTL und Sat.1 zum Beispiel. Mit dem Typ hätte man ja auch am Straßenstrich entlangfahren können. Aber mein Entsetzen über solche Formate werde ich mit der "TV total"-Antwort kaschieren: Wer heiratet den Sozialhilfeempfänger? Lachen hilft immer.

SPIEGEL: Ihr Lebensplan sah einst vor, sich nach zehn Jahren vom TV-Geschäft zu verabschieden. Sieben liegen hinter Ihnen.

Raab: In drei werde ich verschwinden. Und wenn ich dann noch erfolgreicher bin als heute, wird der Abgang umso gigantischer.

SPIEGEL: Ein Versprechen?

Raab: Eine Drohung. Vielleicht umsegle ich dann endlich die Welt oder mache wieder Leberwurst. Aber dann voll mit Merchandising und so. Ich weiß ja jetzt, wie's geht.

SPIEGEL: Herr Raab, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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