Leben eines Spielsüchtigen "Das Spielen hat mein Leben komplett kontrolliert"

Ein Mann rutscht in die Spielsucht. Nur vor dem Automat ist er glücklich, abseits dominieren Scham, Lügen und Verzweiflung sein Leben. Nach acht Jahren hofft er, die Sucht besiegt zu haben. Und fürchtet das Scheitern.

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Thomas Schmidt (Name geändert) ist ein schlanker Mann mittleren Alters mit kurzen dunklen Haaren, einem zurückhaltenden Wesen und einer Biografie, aus der er acht Jahre am liebsten streichen würde. Es sind die Jahre seiner Spielsucht.

2009 war Schmidt beruflich erfolgreich und finanziell unabhängig. Zu der Zeit begann er zu pokern. Wenn seine Spielpartner auf sich warten ließen, vertrieb er sich die Zeit an Spielautomaten. Nach einem Jahr verlor er das Interesse am Pokern. "Von den Automaten kam ich nicht mehr weg."

Bald bestimmte das Automatenspiel Schmidts Leben. Er war jeden Tag in der Spielhalle, manchmal 15 Stunden am Stück. Seine Einsätze stiegen von zehn Cent auf bis zu zwei Euro. War er mal 300 Euro im Plus, dauerte es eine halbe Stunde und das Geld war wieder weg.

"Das hole ich mir morgen wieder"

Vielleicht war es sein Pech, dass es ihm finanziell gut ging. Er hatte Reserven. "Verluste habe ich gut weggesteckt", sagt er. An manchen Abenden tausend Euro zu verlieren war ärgerlich, aber nicht existenzbedrohend. Nach solchen Verlusten dachte Schmidt: "Boah, das hole ich mir morgen wieder."

Seinen Dispo von 7000 Euro reizte er komplett aus, nahm einen Kredit über 12.000 Euro auf. Er machte Fernseher, Playstation, Waschmaschine, Couchgarnitur zu Geld. Er versetzte eine Sammlung mit D-Mark-Scheinen, die er teilweise von seinem Vater bekommen hatte. "Dass ich so weit gehe, hätte ich mir selbst nicht zugetraut." Er zahlte ein halbes Jahr keine Miete, dann zog er aus und in ein WG-Zimmer für 150 Euro im Monat.

Nach anderthalb Jahren war Schmidts finanzielles Polster aufgebraucht. Er schätzt, dass er rund 150.000 Euro verspielt hatte. Die Verzweiflung kam. Sie sollte sein ständiger Begleiter werden - wenn er nicht am Automaten saß.

Als das Geld aufgebraucht war, lieh er sich von vier Angehörigen und vier Freunden Geld. Von den Freunden nahm er Beträge zwischen 3000 und 7000 Euro. Er log, Geld für unerwartete Rechnungen oder Flyer für sein neues Geschäft zu brauchen. "Anfangs haben die das auf jeden Fall geglaubt." Mit den Lügen kam die Scham. "Ich habe mir ganz lange nicht eingestanden, dass es ein Suchtproblem ist." Er versetzte Freunde und seine Partnerin, ging auf keine Familienfeiern mehr. Seine Beziehung ging in die Brüche.

"Ich habe alles darauf ausgerichtet"

Die Spielhalle bot einen Ausweg: " Sobald ich dort war, war ich glücklich." Den Vorsatz, nur einen bestimmten Betrag zu verspielen, brach er immer. Und wenn er nichts mehr hatte und die Spielothek verließ, waren Verzweiflung und Scham sofort wieder da. "Sobald ich den letzten Euro verspielt hatte, holte mich die Realität ein."

Zum Jahreswechsel 2011/2012 erkannte Schmidt, dass er Hilfe brauchte. Einmal die Woche ging er zur Beratung. Zu wenig, um die Spielsucht zu besiegen.

Er war abgemagert, vernachlässigte sein Äußeres, den Sport. "Das Spielen hat mein Leben komplett kontrolliert, ich habe alles darauf ausgerichtet." Aber er arbeitete weiter, er brauchte ja Geld für seine Sucht.

Irgendwann Ende 2012 oder Anfang 2013 begann Schmidt, Kokain zu nehmen. Beim Spielen wuchsen Risikobereitschaft und Aggressivität. Am Automat war er hochgradig konzentriert und euphorisch. Die Kokain- und Spielsucht verheimlichte er ein Jahr von seiner neuen Partnerin. Er sei dabei "hochgradig kreativ" gewesen, habe ihr Vertrauen ausgenutzt. "Mein schlechtes Gewissen habe ich in der Spielothek verdrängt."

Das vorläufige Ende kam 2014. Bei einem Treffen mit seiner Familie und Freunden offenbarte Schmidt sich. Auch seiner Freundin erzählte er alles. Im September des Jahres ging er zur Therapie in die Bernhard-Salzmann-Klinik im Gütersloh.

"Ein großer Schritt"

Als er acht Wochen später zurück nach Hause ging, hatte er elf Kilo zugenommen und fühlte sich, als könne er nie rückfällig werden. Schmidt hatte schöne Monate mit seiner Freundin, das Spielen übte keinen Reiz aus. Die Beziehung lief bis April 2015.

Schon vor der Trennung nahm Schmidt wieder Kokain. Ab Herbst 2015 spielte er auch wieder - aber nur, wenn er kokste. "Als ich das erste Mal wieder gespielt hatte, habe ich mich megaschlecht gefühlt - enttäuscht von mir selbst." Finanziell war es weniger dramatisch als am Beginn seiner Sucht: "Es war ja kein Geld mehr da."

Schmidt wusste, er musste zurück in die Therapie. Und fürchtete, er sei nicht heilbar. Im November 2016 ging er zurück nach Gütersloh in die Klinik. Inzwischen steht seine Therapie vor dem Abschluss. Er hat gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Er hat an seinem Selbstwertgefühl gearbeitet. Und er weiß, dass Scheitern möglich ist. "Nach der ersten Therapie dachte ich: Mir kann keiner was. Das Gefühl damals war besser."

Schmidt möchte Freunden und Familie seine Schulden zurückzahlen. Um einen klaren Schnitt zu machen, will er Privatinsolvenz anmelden. Er hat ein Job-Angebot. Er will eine nette Wohnung und sie hübsch einrichten. Er will die kleinen Momente des Lebens genießen. Und er wünscht sich eine Partnerin, gerne auch Kinder.

Was meint Schmidt nach acht Höllenjahren zur Klage des Fachverbandes Glücksspielsucht gegen die Merkur-Spielotheken, mit der Spielsüchtige erreichen wollen, sich zum Selbstschutz Hausverbote auferlegen zu können? "Es ist ein großer Schritt, sich Spielsucht einzugestehen", sagt er. "So ein Mensch braucht Hilfe. Und die kriegt er nicht in der Spielothek. Sondern in der Therapie."



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