Klage gegen Spielhallen-Betreiber Ich bin süchtig, sperrt mich aus

Zwei Spielsüchtige bitten zum Selbstschutz um Hausverbot in Spielhallen - und werden vom Betreiber abgewiesen. Wie weit muss Spielerschutz gehen? Der Fall beschäftigt nun das Landgericht Bielefeld.

Merkur Spielhalle in Frankfurt am Main
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Merkur Spielhalle in Frankfurt am Main

Von , Bielefeld


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Über Deutschland lacht die Sonne, selbst wenn es regnet. An rund 250 Standorten im Land verspricht das Logo der Merkur-Spielotheken Spaß und Unterhaltung. Die Kette gehört zum Konzern Gauselmann aus Ostwestfalen, Motto: "More than a game". In der Tat kann das Gedaddel in Spielhallen "mehr als ein Spiel" werden - bitterer Ernst nämlich. Für manche Besucher führt es in den emotionalen und finanziellen Ruin.

Das ist der Hintergrund einer Klage gegen die Merkur-Spielotheken, die das Landgericht Bielefeld am Dienstag verhandelt. Konkret geht es um zwei Spieler aus Bielefeld und Paderborn. Sie erkannten, ihr Verhalten nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Und baten die Merkur-Spielotheken darum, ihnen in Spielhallen ein Hausverbot aufzuerlegen - aus Selbstschutz. Merkur verneinte mit der Begründung, eine entsprechende gesetzliche Grundlage fehle in Nordrhein-Westfalen.

Die Klage soll den Spielhallenbetreiber nun dazu bringen, dem Wunsch der Spielsüchtigen zu entsprechen und die Einhaltung der Hausverbote zu überwachen. Der Fall ist brisant, weil er eine grundlegende Frage berührt: Wie viel muss ein Glücksspiel-Anbieter tun, um Süchtige zu schützen? Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland bis zu 300.000 Menschen mit problematischem oder pathologischem Spielverhalten. (Lesen Sie hier, was Spielsucht mit einem Leben anstellt.)

Im Glücksspielstaatsvertrag, Paragraf 6, heißt es lediglich: "Veranstalter und Vermittler von öffentlichen Glücksspielen sind verpflichtet, die Spieler zu verantwortungsbewusstem Spiel anzuhalten und der Entstehung von Glücksspielsucht vorzubeugen."

"Wir wünschen uns ein Verfahren wie in Spielbanken"

Der Fachverband Glücksspielsucht (FAGS) hat die Klage im Namen der beiden Spieler eingereicht. "Wir wünschen uns ein Verfahren wie in Spielbanken üblich und dort seit Jahrzehnten praktiziert", sagt Ilona Füchtenschnieder vom FAGS. Das bedeutet: Registrierung der Spieler, Ausweiskontrolle beim Einlass. So ließen sich Besuchshäufigkeit und Summe des verspielten Geldes nachvollziehen, sagt Füchtenschnieder. Und das sei Voraussetzung dafür, gefährdete Spieler frühzeitig zu erkennen.

Der Vorwurf in der Klage: Gauselmann weigere sich, dem Wunsch der Spieler nachzukommen - obwohl der Schutz Spielsüchtiger ausdrücklich Aufgabe von Spielhallenbetreibern sei. "Aus Sicht des Betreibers geht es bei der Spielersperre schließlich auch darum, die besten Kunden auszuschließen", sagt Füchtenschnieder.

Ingo Fiedler, Glücksspiel-Experte an der Uni Hamburg, bestätigt diese Aussage. Ihm zufolge sind in Spielhallen zehn bis 15 Prozent der Spieler für 60 bis 75 Prozent der Umsätze verantwortlich. Aus unternehmerischer Sicht hätten Spielhallenbetreiber wie Gauselmann ein nachvollziehbares Interesse, auch Spielsüchtige in den Läden zu halten: "Finanziell wäre es grob fahrlässig, Spielerschutz sinnvoll umzusetzen."

Ulrich Kemper, Chefarzt der Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh, kennt aus seiner Behandlung von Spielsüchtigen die Summen, um die es geht. Er kennt Spieler, die als Zwanzigjährige 50.000 Euro Schulden hatten. Väter, die das Sparschwein der siebenjährigen Tochter zerschlugen, um an ein paar Euro fürs Spielen zu kommen. Und es gab einen Firmenerben, der mit Mitte 40 sein Vier-Millionen-Unternehmen verspielt hatte.

Das Suchtpotenzial des Spielens wird Kemper zufolge oft unterschätzt, weil der "Stoff" fehlt, anders als bei Alkohol, Kokain, Crystal Meth. Dabei geschehe in den Köpfen von Spielsüchtigen Ähnliches wie im Kopf eines Kokain-Junkies. "Spielsüchtige sind gute Kunden", sagt Kemper. "Aber wer will schon sagen: Ich werde reich durch Suchtkranke?"

"Es geht rechtlich nicht so, wie der FAGS will"

Die beklagte Firma verwahrt sich dagegen, sie mache mit der Sucht ihrer Kunden Profit. Gauselmann nimmt für sich in Anspruch, den Spielerschutz ernst zu nehmen. Die Firma argumentiert, man stelle sich nicht gegen den Spielerschutz, wolle ihn aber anders umsetzen als vom FAGS gefordert.

"Die Kläger verkennen, dass Hausverbote zum Spielerschutz ungeeignet sind", sagt Gauselmann-Sprecher Mario Hoffmeister. "Spielersperren dienen bei uns dem Schutz der Spieler. Hausverbote setzen wir insbesondere ein, um unser Personal zu schützen, etwa, wenn jemand randaliert." Abgesehen davon: "Persönliche Daten zwischen Filialen dürfen wir nach derzeitiger Gesetzeslage gar nicht weitergeben. Es geht rechtlich nicht so, wie der FAGS will."

Gauselmann und die Branche setzen nicht auf das Spielbank-System, sondern auf Biometrie. Wie genau sich das Unternehmen Spielersperren für Spielsüchtige vorstellt, lässt sich in einer Spielhalle in der Bielefelder Innenstadt erkunden. Wer sie betritt, sieht sich einer Station mit zwei Säulen, einer Schranke, einem Monitor und einer Ampel gegenüber.

Spielsucht / Face-Check
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Spielsucht / Face-Check

Das Ganze nennt sich Face-Check und ist ein biometrisches Gesichtserkennungs-System. Es soll Spieler am Eingang einer Spielhalle vor einer Schranke automatisch erfassen. Grün heißt: Viel Spaß. Gelb heißt: Womöglich ist die Person noch nicht 18 Jahre alt - das Personal soll kontrollieren. Entscheidend ist Rot: Ein Spieler wurde auf Basis eines Abgleichs mit einer Datenbank als gesperrt gemeldet, die Schranke bleibt geschlossen. Das System ist von der NRW-Datenschutzbeauftragten abgesegnet.

"Es gibt schlechtere Möglichkeiten als Face-Check"

"Face-Check funktioniert, ohne dass die nicht gesperrten Spieler ihre Daten preisgeben", sagt Hoffmeister. Das System eliminiere die Fehlerquelle Mensch. Wenn sich jemand sperren lassen wolle, werde nicht nach Gründen gefragt. Fotos werden in Mustervorlagen umgerechnet und verschlüsselt gespeichert - momentan noch bei Gauselmann. Dem Unternehmen wäre es aber lieber, wenn die Daten bei einer Behörde hinterlegt wären. Face-Check soll bis Ende des Jahres in mindestens der Hälfte aller Merkur-Filialen installiert sein.

Es ist kaum zu erwarten, dass Face-Check die Kläger zufriedenstellt. "Face-Check ist noch in der Erprobungsphase", sagt Füchtenschnieder vom FAGS. "Aus unserer Sicht ist das eine gute Möglichkeit, die Einlasskontrollen zu ergänzen, aber nicht zu ersetzen."

Ähnlich sieht das Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Uni Hohenheim. "Es gibt kein System der hundertprozentigen Gesichtserkennung. Ein System mit Ausweiskontrolle ist zuverlässiger." Ideal, sagt Becker, wäre eine staatlich geführte Sperrdatenbank, mit der Personen beim Einlass bundesweit abgeglichen werden. Aber er sagt auch: "Es gibt schlechtere Möglichkeiten als Face-Check: Es ist besser als ein Ordner mit Zetteln in einer Spielhalle, auf denen die Namen von Gesperrten stehen und beim Blättern für jeden sichtbar sind. Das ist aus datenschutzrechtlicher Sicht eine Katastrophe."

Der Prozess in Bielefeld könnte wegweisend sein, welches System künftig akzeptabel oder gar zwingend vorgeschrieben ist. Sollten die Kläger scheitern, ist an Spielerschutz nach ihren Vorstellungen vorerst wohl nicht mehr zu denken. Und wenn sie gewinnen? Könnte die Ampel für Gauselmanns bisheriges Geschäftsgebaren auf Rot stehen.


Zusammengefasst: Zwei Spieler wollen, dass sie bei Merkur-Spielhallen Hausverbot bekommen. Sie wollen sich damit selbst vor ihrer Spielsucht schützen. Merkur weigert sich und verweist darauf, dass eine gesetzliche Grundlage dafür fehle. Die Spieler wollen das Hausverbot und dessen Umsetzung nun vor Gericht erstreiten. Der Spielhallen-Betreiber Gauselmann hält Hausverbote für das falsche Mittel und setzt auf Spielersperren: Am Eingang würden gesperrte Spieler per Gesichtserkennung identifiziert, eine Ampel zeigt an, ob Eintritt gewährt wird oder nicht. Kritiker halten jedoch eine Ausweiskontrolle für zuverlässiger.



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Seite 1
Windukeit 06.03.2017
1. Dann freuen sich...
....die Wirte der kleinen Eckkaschemmen, die immer 2 oder 3 Automaten da stehen haben.
charly05061945 06.03.2017
2. Spielunken
Das Beste und Einfachste wäre es diese ganzen Brutstätten der Kriminalität, der Geldwäsche und des Drogenhandels dicht zu machen. Der Herr Gauselmann als Hersteller der Automaten und Betreiber dieser Etablissements dürfte seine Schäfchen doch wohl lange im Trockenen haben. Dem Arbeitsmarkt würden eine Menge gefragter Mechanik- und Elektronikspezialisten zur Verfügung gestellt.
Siggi_Paschulke 06.03.2017
3.
Ja, werden die Spieler nun abgewiesen oder nicht :-) Das wollten sie doch eigentlich...
mimoun74 06.03.2017
4. Krebs der Gesellschaft
Der Staat hat das Glücksspiel Monopol vor Jahren aufgegeben, nachdem die Lobbyisten der Glückspiel Industrie vor allem konservative Politiker "überzeugt" hat. Seit Jahren explodiert die Anzahl dieser "Kasinos" vor allem den Großstädten. Das soziale Elend und Leid der Süchtigen wird verschwiegen und versteckt. Die Politik hat versagt und kontrolliert diesen gesellschaftlichen Krebs nicht, der Familien, berufliche Karieren und Existenzen zerstört. Die Einnahmen des Staates durch die Steuer auf Glücksspiel werden bei weitem nicht die Kosten für Therapien, höhere Sozialhilfekosten, Scheidungen... auffangen die gesamtgesellschaftlichen Verwerfungen werden größer. Glücksspiel ( allein das Wort ist eine Lücke denn es verursacht nur Unglück für die Betroffenen) sollte verboten oder sehr stark reduziert und aus dem Straßenbild verschwinden!
fisschfreund 06.03.2017
5.
Und was müssen dann Schnaps und Zigarettenhersteller tun um süchtige vor sich selbst zu schützen? Richtig - auch nichts, weil es sowieso Blödsinn ist. Wenn der süchtige seine sucht nicht selber überwinden will, schützt ihn nichts und niemand vor sich selber. Irgendeine Lücke findet er immer, zb daddelautomaten in Kneipen.
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