Spionage-Abwehr Briten unterhielten Folter-Lager in Deutschland

Ein lange unter Verschluss gehaltener Scotland-Yard-Bericht sorgt für Diskussionen in Großbritannien: Eine Abteilung des britischen Kriegsministeriums hat noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Lager bei Hannover Hunderte Gefangene misshandelt und fast verhungern lassen.


London - Der Bericht, den die britische Tageszeitung "Guardian" gestern veröffentlichte, ist eine Dokumentation des Schreckens. Danach haben die Briten, die eigentlich als Befreier gekommen waren, in Bad Nenndorf bei Hannover von 1945 bis 1947 ein Gefangenenlager betrieben, in dem Missbrauch und Folter an der Tagesordnung waren.

Insgesamt seien 372 Männer und 44 Frauen dort inhaftiert gewesen, so der "Guardian". Die Vorfälle seien bereits in der Nachkriegszeit bei einer internen Untersuchung aufgeklärt worden. Allerdings wurde der Bericht des Scotland-Yard-Mitarbeiters Tom Hayward erst jetzt auf Anfrage der Zeitung zur Veröffentlichung freigegeben.

Die Dokumente zeigen, wie eine speziell gebildete Verhöreinheit langsam außer Kontrolle geriet. Das Lager war ein Außenposten des Combined Services Detailed Interrogation Centre (CSDIC), das wiederum dem Kriegsministerium angegliedert war. Das CSDIC betrieb auch an anderen Standorten Verhörzentren, eines davon in einem Londoner Vorort, berüchtigt als der "Käfig von London". Dokumente, die erst vergangenen Monat bekannt geworden waren, hatten gezeigt, dass die Briten in dem Geheimlager deutsche Kriegsgefangene verborgen vor dem Roten Kreuz auf härteste Weise vernommen hatten.

Doch Bad Nenndorf, so der "Guardian", sei viel schlimmer gewesen, die dort angewandten Methoden besonders brutal gewesen. Die Zeitung hat ihren Artikel unter der Überschrift gedruckt: "Das Verhörlager, in dem Gefangene zu wandelnden Gerippen wurden". Dass das Blatt den Fall nun aufrollt, dürfte auch mit der aktuellen Debatte über den Umgang mit Terror-Verdächtigen im Zusammenhang stehen.

Ein Camp für vermeintliche Ost-Agenten 

Klar ist, dass die Zustände in den unmittelbaren Nachkriegsjahren nicht mit heutigen Maßstäben beurteilt werden können. Die Deutschen hatten unmittelbar zuvor die halbe Welt verwüstet, Millionen Menschen den Tod gebracht und unschuldige Gefangene auf historisch einmalige Weise gemartert und ermordet. Die Gesellschaften Europas waren von jahrelangem Krieg geprägt, von täglichen Meldungen über schlimmste Verbrechen.

Dennoch müssen die Bedingungen in dem britischen Lager außergewöhnlich roh gewesen sein. Ursprünglich seien dort nur Mitglieder der NSDAP und der berüchtigten Waffen-SS inhaftiert gewesen. Sie wurden gefangen gehalten, um ein Wiederaufkeimen des Nationalsozialismus zu verhindern. Im Laufe der Zeit wandelten sich indes die Aufgabe des Lagers.

Zunächst seien Industrielle, die von der NS-Diktatur profitiert hatten, eingeliefert worden, so der "Guardian". Im Jahr 1946 habe man dann zunehmend vermeintliche russische Agenten in Haft genommen, darunter auch Tschechen und Ungarn. Die meisten Festgehaltenen sollen indes Anhänger von linken Gruppierungen in Deutschland gewesen sein. Einer der Häftlinge zu dieser Zeit war offenbar Offizier des russischen Inlandsgeheimdienstes NKWD.

Ermittlungen durch Ärzte und Offiziere ausgelöst

Der Scotland-Yard-Mitarbeiter Hayward wurde dem Bericht zufolge mit der internen Untersuchung beauftragt, nachdem ein britischer Offizier und ein britischer Arzt auf die Misshandlungen hingewiesen hatten. In seinem Bericht heiße es, dass Häftlingen Nahrung verweigert worden sei. Andere seien geschlagen, ausgepeitscht und systematisch am Schlafen gehindert worden. Einige mussten demnach Stunden in kaltem Wasser verbringen oder seien mit Scheinexekutionen terrorisiert worden. Anderen wurden Daumenschrauben angelegt. Laut "Guardian" sollen auch Folterwerkzeuge zum Einsatz gekommen sein, die aus einem Gestapo-Gefängnis in Hamburg herangeschafft worden waren.

Geleitet wurde das Lager dem Bericht zufolge von einem Oberst namens Robin Stephens. Als Folge der Behandlung in Bad Nenndorf seien laut Hayward im Laufe der Jahre dutzende von fast verhungerten Gefangenen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert worden, besonders in das Hospital der Stadt Rotenburg. Zwei Häftlinge seien an Unterernährung gestorben, heißt es. Einer von ihnen, ein Mann namens Walter Bergmann, sei dem CSDIC verdächtig erschienen, weil er Russisch sprach.

Obwohl gegen Bergmann niemals eine Anklage erhoben worden sei und er sich hilfreich gezeigt habe, sei er schließlich wegen mangelnder Versorgung mit Nahrung und fehlender medizinischer Betreuung gestorben. Der zweite Tote, Frank Österreicher, sei verhaftet worden, weil er mit falschen Papieren  nach Deutschland eingereist war.

Auf Grundlage des von Hayward verfassten Berichts seien drei Briten schließlich vor einem Kriegsgericht angeklagt worden, so der "Guardian"-Text. Zwei wurden den Angaben nach freigesprochen, der dritte wegen Vernachlässigung von Gefangenen aus den Diensten der Streitkräfte entlassen.

Diese Verfahren seien bisher vor der Öffentlichkeit verborgen worden, so der Bericht. Noch heute verweigere das britische Außenministerium die Herausgabe von Fotos, auf denen Häftlinge als "wandelnde Skelette" zu erkennen seien, schreibt das Blatt.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.